Die englische Wikipedia ist am 18. Januar offline: Protest gegen die US-Gesetzesvorhaben “SOPA” und “PIPA”


Die Wikipedia-Community macht Ernst: Die englischsprachige Wikipedia, das Herz der Enzyklopädie mit über 3,8 Millionen Artikeln und – allein gestern – 212 Millionen Nutzern, wird morgen für 24 Stunden offline sein. Der Blackout aus Protest gegen zwei heftig umstrittene amerikanische Gesetzesvorhaben erfolgt um 6 Uhr mitteleuropäischer Zeit am Mittwoch, 18. Januar 2012. Die neueste Entwicklung, etwa zu kollaborativ erarbeiteten Protesttexten und dem Startseiten-Layout der offline geschalteten Wikipedia, lässt sich hier verfolgen.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wird die englischsprachige Wikipedia damit nicht mehr nur eine neutrale Wissenssammlung sein, sondern politisch Position beziehen. Denn nach Meinung eines großen Teils der Wikipedia-Community, der Wikimedia-Stiftung und vieler amerikanischer und europäischer Bürgerrechtsorganisationen sind der Stop Online Privacy Act (SOPA) und der Protect IP Act (PIPA) geeignet, die Freiheit und Offenheit der Kommunikation im Internet in den Vereinigten Staaten, aber auch international einzuschränken. Mehr als 1800 Wikipedianer beteiligten sich an der Diskussion um mögliche Protestaktionen in den vergangenen drei Tagen. Damit handelt es sich um die mit Abstand größte Beteiligung an einer Debatte, die es in der Wikipedia bisher gab.

Das Timing des Protests scheint zu stimmen. Der Mehrheitsführer der Republikaner im US-Kongress, Eric Cantor, soll angekündigt haben, jedenfalls in der derzeitigen Form den Stop Online Piracy Act nicht zur Abstimmung vorzuschlagen. Am Samstag bereits hatten sich drei hochrangige Vertreter der US-Regierung in einer offiziellen Erklärung des Weißen Hauses auf zwei von insgesamt über 100.000 Amerikanern gezeichnete Petitionen von den Vorhaben distanziert.

Auch in Wikipedia-Artikeln werden beide Gesetzesentwürfe ausführlich dokumentiert. Für den Stop Online Piracy Act interessierten sich gestern beinahe 400.000 Wikipedia-Nutzer. Wiki-Watch bewertet den von 30 Autoren in 680 Bearbeitungen und mit 235 Belegen versehenen Artikel als zuverlässige Quelle, dies gilt ebenso für den deutschen, natürlich wesentlich kürzeren Wikipedia-Eintrag.

Beide Gesetzesentwürfe sollen der Bekämpfung von Piraterie und dem Urheberrechtsschutz im Internet dienen. Der SOPA wird derzeit im US-Kongress, der PIPA im US-Senat verhandelt. Die Gesetzesvorhaben sollen Rechteinhabern schnellere Eingriffsmöglichkeiten ohne gerichtliche Kontrolle ermöglichen: etwa die Verpflichtung von Suchmaschinen und Providern, den Zugang zu bestimmten Websites zu sperren. Die amerikanischen Behörden erhielten die Befugnis, den Zugang etwa zu .com, .net, und .org-Domains zu blockieren. Betroffen wären nicht nur unzählige Websites in den USA, sondern weltweit, auch außerhalb des Geltungsbereichs des US-amerikanischen Rechts.

Vor allem betroffen könnten in den USA gehostete Suchmaschinen, soziale Netzwerke oder Blog-Plattformen und die Wikipedia sein, die verpflichtet werden könnten, internationale – eigentlich dem amerikanischen Recht nicht unterliegende – Inhalte proaktiv zu kontrollieren, zu blockieren oder zu löschen. Auch Zahlungsservices wie PayPal und Visa könnten verpflichtet werden, Zahlungen an Websitebetreiber zu stoppen, obwohl diese nie rechtswidrig gehandelt hätten. Dies geschähe ohne gerichtliche Kontrolle, eine Mitteilung des Rechteinhabers soll zunächst genügen. Dabei spielt der Gesetzentwurf mit unbestimmten Rechtsbegriffen, die erhebliche Auslegungsfreiheit lassen.

Die Kritik am Stop Online Piracy Act ist auch in Europa groß. Schon im Vorfeld des EU-USA-Gipfels am 28. November 2011 wandte sich das Europäische Parlament in einem fraktionsübergreifenden Entschließungsantrag eindringlich an die amerikanische Regierung und forderte sie auf:

“(Das Europäische Parlament…) (25.) unterstreicht, dass die Integrität des weltweiten Internets und die Kommunikationsfreiheit geschützt werden müssen, indem von einseitigen Maßnahmen zum Entzug von IP-Adressen oder Domänennamen abgesehen wird.”

Der vorübergehende Blackout ist ein Schritt, den vor kurzem die italienische Wikipedia gegangen ist. Wiki-Watch berichtete darüber. Zwei Tage lang war der mit mehr als 840.000 Artikeln viertgrößte Sprachraum der Webenzyklopädie offline und leistete mit dieser Protestaktion einen großen Beitrag dazu, dass eine Gesetzesinitiative der Regierung Berlusconi, die inzwischen freilich Geschichte ist, im Parlament scheiterte. Mit dem Argument, Persönlichkeitsrechte besser schützen zu wollen, sollten Websitebetreiber verpflichtet werden ohne jede gerichtliche Prüfung ein quasi uneingeschränktes Gegendarstellungsrecht auf ihren Webseiten einzuführen. Selbst Korrekturen an Internetinhalten sollten von sich betroffen Fühlenden ohne weitere Prüfung verlangt werden können. Davon wären Zeitungen im Netz betroffen gewesen, Blogs – und Wikipedia. Das Gesetz kam nicht. Und die Wikipedia-Community feierte ihren Erfolg.

Dies ist eine aktualisierte und erweiterte Version unseres Blogbeitrags vom 16. Dezember. Eine ausführliche Einschätzung und Kommentierung des Wikimedia-Justitiars Geoff Brigham findet sich hier.

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“Wikipedia oder Wahrheit”: Wie die ‘Zeit’ aus einem Kooperationsprojekt einen Skandal machte


Wer ein echtes Skandalstück schreiben will, noch dazu in der renommierten Zeit, der muss erst für die richtige Fallhöhe sorgen.

“Administratoren … haben nicht nur die Macht des Arguments auf ihrer Seite, sondern auch die Macht des Systems … Was aber, wenn einer dieser Administratoren seine Macht missbraucht? … Dann ist der Ruf eines Mediums in Gefahr, das sich anschickt, ein digitales Weltkulturerbe zu werden. Und dann muss sich Achim Raschka erklären. Doch Raschka will nicht wirklich.”

Ein besonderer Autor, ein “Hüter der virtuellen Wahrheit”, sei Raschka gewesen. Doch sich zum Projekt “Nachwachsende Rohstoffe in der Wikipedia”, das mit 234.820 Euro aus Mitteln des Bundesverbraucherschutzministeriums gefördert worden sein und über 500 Wikipedia-Artikel neu geschaffen oder überarbeitet haben soll, zu äußern – dazu habe er keine Lust. Dies jedenfalls habe er die Zeit wissen lassen.

So schrieb es ein junger freier Autor auf einer ganzen Seite in der Zeit vom 1. Dezember 2011. Teile der deutschsprachigen Wikipedia-Community kochen. Denn Achim Raschka ist ein angesehener, langjähriger Wikipedianer: engagiert in diversen Projekten des Wikimedia-Vereins, ehemaliges Vorstandsmitglied, Qualitäts-Beauftragter, mehrmalig gewählter Administrator in der deutschsprachigen Wikipedia. Und ehemaliger Leiter des Projekts “Nachwachsende Rohstoffe in der Wikipedia”, kurz Nawaro.

Achim Raschka erklärte sich durchaus: In seinem eigenen Blog veröffentlichte er schon am 22. Juni seine Antworten auf die Anfragen des Journalisten, und schrieb erneut hierzu am 25. Juni, am 29. Juni, am 14. Juli und am 21. Oktober. Auch der Wikimedia-Verein schreibt in seiner ausführlichen Stellungnahme nach Erscheinen des Zeit-Artikels, er habe vorher zahlreiche Anfragen beantwortet und Links zu Dokumenten und Berichten zur Verfügung gestellt. In der Zeit-Geschichte heißt es jedoch: “Wikimedia nahm  zu diesen Fragen nach mehrfacher Aufforderung nicht Stellung.”

Dazu ist das 2007 gestartete Projekt “Nachwachsende Rohstoffe” seit mehr als einem Jahr abgeschlossen. Die mit einem Stipendium der Otto Brenner Stiftung geförderte Recherche zog sich offenbar hin oder harrte längere  Zeit der Veröffentlichung. Doch die Zeit-Geschichte aufgrund der offenen und umfassenden Dokumentation und Diskussion aus der Wikipedia-Community einfach als übertrieben oder mittelmäßig recherchiert abzutun, wäre falsch. Denn das Nawaro-Projekt wirft wichtige Fragen auf:

  • Was darf, was kann, was muss die Wikipedia tun, um schwach entwickelte Themenbereiche auszubauen?
  • Dürfen Experten dafür bezahlt werden oder Aufwandsentschädigungen erhalten? Sollen Wikipedia-Themenbereiche mit öffentlichen Mitteln, hier mit jenen 234.820 Euro des Verbraucherschutzministeriums, gefördert werden?
  • Darf es überhaupt “bezahlte Inhalte” in Wikipedia geben, einer Enzyklopädie, die doch auf der freiwilligen Mitarbeit tausender ehrenamtlich engagierter Autoren beruht?
  • Wie frei erfolgt die Auswahl, das Schreiben und Bearbeiten der Inhalte?

Die Stellungnahme von Wikimedia Deutschland rechtfertigt das Nawaro-Projekt ausführlich. Über 500 Artikel mit relevanten Informationen zu Ackerfrüchten wie Raps, Mais und Rüben, aber auch Stichworten aus den Bereichen Holzwirtschaft, Bioenergie und Papier, seien neu geschaffen oder überarbeitet worden. Der Zeit-Artikel sei keine Enthüllungsgeschichte, sondern enthalte seit Jahren in Tätigkeitsberichten und Blog-Beiträgen öffentlich kommunizierte Informationen. Die “bezahlten Mitarbeiter” seien wissenschaftliche Mitarbeiter gewesen, die “interessierten Einrichtungen” die Universitäten, an denen diese tätig waren.

PR-Einflüsse weist Wikimedia zurück. Die Verwendung von Bildmaterial von Unternehmen wie dem Kunststoffhersteller FKuR (etwa durch dieses Bild) sei gerade gewollt: “Wir wollen Inhalte befreien, die Mitarbeit an Wikipedia steigern und Informationen frei zur Verfügung stellen.” Die Nutzung des Bildmaterials – laut Zeit Fotos von FKuR-Kugelschreibern, Einwegbesteck und Plastiktüten aus Materialien, deren Herstellung als sehr CO2-intensiv kritisiert wird – sei unabhängig erfolgt.

Auch sieht Wikimedia Deutschland die Unabhängigkeit der Inhalte trotz zahlreicher Schulungen, Vorträge und Seminare, die im Rahmen oder im Umfeld des Nawaro-Projekts stattfanden, gewahrt. “Wikipedia als PR-Instrument”. So hieß laut Zeit und der Wikimedia-Stellungnahme ein Vortrag Achim Raschkas in Bonn. Zwei Mitarbeiter des Verbands der Holzpellet-Industrie sollen daran teilgenommen und gleich darauf einen Eintrag über ihren Verband geschrieben haben. Dagegen heißt es in der Wikimedia-Stellungnahme: Der Referent habe “gerade davor gewarnt, Werbetexte als Inhalte einzustellen”. Mitmachen könne schließlich jeder, auch Pressestellen, nur sollten sie sich als solche zu erkennen geben und die Grundprinzipien der Wikipedia einhalten. “Dass in unser Projekt – je nach individueller Prägung und gesellschaftlicher Stellung – Interessen der unterschiedlichsten Art einfließen, gehört zu dem Grundwissen, das unser Regelwerk bestimmt, indem es uns individuell zur Einnahme eines möglichst neutralen Standpunkts anhält und als Gemeinschaftswerk im Ganzen darauf verpflichtet”, schreibt dazu “Barnos” im Wikipedia-Kurier.

Was bleibt also nach dieser Geschichte? Bisher ist sie einmalig, eine ähnliche öffentlich geförderte Großaktion zum Auf- und Ausbau eines Themenbereichs gab es bisher in der deutschsprachigen Wikipedia nicht. Interessanter als ihre generelle Skandalisierung wäre die Auseinandersetzung mit der Qualität der dort entstandenen Inhalte. Die groß angelegte Recherche, die die Zeit veröffentlichte, förderte keine inhaltlichen Mängel oder tendenziöse Informationsauswahl zutage.

Wikipedia ist so gut wie ihr einzelner Inhalt, wie das in einem einzigen Artikel beschriebene und vom interessierten Nutzer gesuchte Faktum. Der Wikimedia-Verein hat nichts anderes gemacht als jedes Drittmittel-akquirierende Institut einer deutschen Hochschule. Er ist eine Kooperation eingegangen.

“Die freie Enzyklopädie” macht sich damit angreifbar. Aber kann sie anders?

“Wikipedia oder Wahrheit” war der Artikel überschrieben. So leicht kann man es sich nicht machen. Die “virtuelle Wahrheit” gibt es nicht – so wenig, wie die eine “reale Wahrheit”. Noch nicht einmal in der Zeit.

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Vorbild Italien: Jimmy Wales und US-Wikipedianer drohen mit Wikipedia-Sperre aus Protest gegen den umstrittenen “Stop Online Piracy Act”


Am heutigen 16. Dezember tagt erneut der Justizausschuss des amerikanischen Kongresses, das U.S. House Judiciary Committee. Auf dem Tisch liegt ein hoch umstrittener Gesetzesentwurf zur Bekämpfung von Piraterie und zum Schutz von Urheberrechten im Internet, der Stop Online Piracy Act, kurz SOPA, H.R. 3261.

Er soll Rechteinhabern schnelle Eingriffsmöglichkeiten ohne gerichtliche Kontrolle ermöglichen: etwa die Verpflichtung von Suchmaschinen und Providern, den Zugang zu bestimmten Websites zu sperren. Die amerikanischen Behörden erhielten die Befugnis, den Zugang etwa zu .com, .net, und .org-Domains zu blockieren. Betroffen wären nicht nur unzählige Websites in den USA, sondern weltweit, auch außerhalb des Geltungsbereichs des US-amerikanischen Rechts. Vor allem betroffen könnten in den USA gehostete Suchmaschinen, soziale Netzwerke oder Blog-Plattformen und die Wikipedia sein, die verpflichtet werden könnten, internationale – eigentlich dem amerikanischen Recht nicht unterliegende – Inhalte proaktiv zu kontrollieren, zu blockieren oder zu löschen. Auch Zahlungsservices wie PayPal und Visa könnten verpflichtet werden, Zahlungen an Websitebetreiber zu stoppen, obwohl diese nie rechtswidrig gehandelt hätten. Dies ohne gerichtliche Kontrolle, eine Mitteilung des Rechteinhabers soll zunächst genügen. Dabei spielt der Gesetzentwurf mit unbestimmten Rechtsbegriffen, die erhebliche Auslegungsfreiheit lassen.

Damit drohten erhebliche Eingriffe in die Freiheit und Offenheit des Internets, und letztlich in den free flow of information als wesentliches Prinzip der Informationsfreiheit im Völkerrecht.

Die Kritik am Stop Online Piracy Act ist groß. Schon im Vorfeld des EU-USA-Gipfels am 28. November 2011 wandte sich das Europäische Parlament in einem fraktionsübergreifenden Entschließungsantrag eindringlich an die amerikanische Regierung und forderte sie auf:

“(Das Europäische Parlament…) (25.) unterstreicht, dass die Integrität des weltweiten Internets und die Kommunikationsfreiheit geschützt werden müssen, indem von einseitigen Maßnahmen zum Entzug von IP-Adressen oder Domänennamen abgesehen wird.”

Amerikanische und internationale Bürgerrechtsorganisationen wie die Electronic Frontier Foundation und die Pioniere freier Inhalte von Creative Commons laufen Sturm gegen die Gesetzesinitiative.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales droht mit der ultima ratio allen digitalen Protests: dem Blackout. Um maximalen Druck auf die amerikanische Regierung auszuüben, die Initiative fallen zu lassen, könnte Wikipedia in den USA offline gehen. Selbst ein Blackout der gesamten englischsprachigen Wikipedia wird diskutiert. Wales bittet dazu auf seiner eigenen Benutzerseite derzeit um ein unverbindliches Stimmungsbild. 87 Prozent Zustimmung zur Sperrung registriert der Technolog von MSNBC.

Es ist ein Schritt, den vor kurzem die italienische Wikipedia bereits gegangen ist. Wiki-Watch berichtete darüber. Zwei Tage lang war der mit mehr als 840.000 Artikeln viertgrößte Sprachraum der Webenzyklopädie offline und leistete mit dieser Protestaktion einen großen Beitrag dazu, dass eine Gesetzesinitiative der Regierung Berlusconi, die inzwischen freilich Geschichte ist, im Parlament krachend scheiterte. Mit dem Argument, Persönlichkeitsrechte besser schützen zu wollen, sollten Websitebetreiber verpflichtet werden ohne jede gerichtliche Prüfung ein quasi uneingeschränktes Gegendarstellungsrecht auf ihren Webseiten einzuführen. Selbst Korrekturen an Internetinhalten sollten von sich betroffen Fühlenden ohne weitere Prüfung verlangt werden können. Davon wären Zeitungen im Netz betroffen gewesen, Blogs – und Wikipedia. Das Gesetz kam nicht. Und die Wikipedia-Community feierte ihren Erfolg.

Jimmy Wales lobt den Streik der italienischen Wikipedianer und hält einen noch größeren Einfluss durch einen ähnlichen Schritt in den USA für gut möglich. Gleichzeitig schreibt er vorsichtiger, einen solchen Schritt habe es in der englischen Wikipedia noch nie gegeben – er sei ein “very very big deal”.

Eine ausführliche Einschätzung des Wikimedia-Justitiars Geoff Brigham findet sich im Wikimedia-Blog.

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Warum die italienische Wikipedia zwei Tage lang offline war: Protest gegen eine Gesetzesinitiative der Regierung Berlusconi, die Freiheit und Neutralität der Enzyklopädie bedroht


Wikipedia ist die freie Enzyklopädie. Die italienische Wikipedia nennt sich L’enciclopedia libera. Freiheit bedeutet nicht nur die freie Verfügbarkeit von Wissen unter freien Lizenzen, sondern die Freiheit der Äußerung, der Dokumentation, Diskussion und der Rezeption in der weltgrößten Wissenssammlung Wikipedia. Freiheit bedeutet Neutralität, das Konzept, dass die Wikipedia-Inhalte von der Community kollaborativ erstellt, kontrolliert und korrigiert werden.

Weil sie diese Freiheit und Neutralität bedroht sieht, war die italienische Wikipedia von Dienstag, den 4. Oktober 2011, bis Donnerstag, den 6. Oktober 2011, offline. Sie war vollständig gesperrt für Lese- und Schreibzugriffe. 845.944 italienische Wikipedia-Artikel waren nicht zugänglich, der viertgrößte Sprachraum der Enzyklopädie. Durchschnittlich 527.000 Leser pro Stunde hat die italienische Wikipedia. Auf der Startseite sahen sie nur einen Brandbrief der italienischen Wikipedia-Community.

Der Protest, der auch nach dem Ende der Komplett-Sperrung fortdauert, richtet sich gegen eine Gesetzesinitiative der Regierung von Silvio Berlusconi, die derzeit im italienischen Parlament verhandelt wird. Angeblich soll diese dem Persönlichkeitsschutz dienen. § 29 des Gesetzentwurfs, überschrieben mit DDL intercettazioni (Abhörmaßnahmen), sieht in inoffizieller Übersetzung vor, dass auf Internetseiten sowie in Tageszeitungen und Zeitschriften, die auf elektronische Weise veröffentlicht werden, innerhalb von 48 Stunden nach Antragseingang Statements und Korrekturen an gleicher Stelle und in gleichbleibender Formatierung, ohne Veränderung des Zugangs zur Seite oder der Sichtbarkeit der Nachrichten, auf die sie sich beziehen, veröffentlicht werden müssen. Der Gesetzentwurf findet sich auf der Website des Parlaments.

Die italienische Regierung will also ein Instrument schaffen, dass jede Internetpublikation im Anwendungsbereich des italienischen Rechts dazu verpflichtet, innerhalb von 48 Stunden kommentarlos Stellungnahmen Betroffener zu publizieren. Und mehr noch: Die Verpflichtung erstreckt sich auch auf jegliche Korrekturen, die ein Betroffener fordert. Auch diese müssen kommentarlos vorgenommen werden. Betroffen sind Onlinemedien, Blogs, selbst jene der auch in Italien von der Pressefreiheit verfassungsrechtlich besonders geschützten Zeitungen und Zeitschriften. Und Wikipedia.

Die Wikipedianer gehen in ihrem Protest offenbar davon aus, dass die Regelung den italienischen Sprachraum unmittelbar beträfe und auch unmittelbar durchsetzbar wäre – sei es durch Ansprüche gegen die Editoren selbst, gegen die Administratoren oder die Betreiber der Enzyklopädie. In Deutschland ist die Rechtslage anders: Rechtsansprüche gegen Wikipedia aufgrund von Persönlichkeitsrechtsverletzungen können nach der Rechtsprechung des Landgerichts Hamburg (Urteile vom 26.03.2010, Az. 325 O 321/08 und vom 02.07.2009, Az. 325 O 321/08) nicht gegenüber dem deutschen Wikimedia-Verein durchgesetzt werden, sondern nur gegenüber der Wikimedia Foundation in San Francisco als Betreiberin der Wikipedia. Rechtsschutz ist damit nur sehr mühsam zu erlangen. Wikipedia genießt damit eine Wiki-Immunity, die Verantwortung der Editoren für eine wirksame Selbstregulierung ist daher enorm. Eine ausführliche Analyse findet sich hier.

Träte es so in Kraft, so schüfe das italienische Gesetz nicht nur eine Gegendarstellungsmöglichkeit, sondern ließe willkürliche Löschungen, Korrekturen und Manipulationen zu. Dies erfolgte unter Missachtung elementarer rechtsstaatlicher Regeln ohne Widerspruchsmöglichkeit und ohne Verfahren. Wer sich an die Veröffentlichungs- bzw. Korrekturverpflichtung binnen 48 Stunden nicht hielte, dem drohten Geldbußen bis zu 12.000 Euro.

Gegendarstellungsansprüche kennt auch das deutsche Presserecht, etwa in § 10 des Pressegesetzes des Landes Berlin. Für die sogenannte elektronische Presse, also journalistisch-redaktionell gestaltete Onlineangebote, gilt § 56 des Rundfunkstaatsvertrages (RStV). Gegendarstellungen sollen das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen über die Darstellung der eigenen Person in der Öffentlichkeit sichern und damit eine elementare Ausprägung des Persönlichkeitsrechtes aus Art. 2 Abs. 1 und Art. 1 Abs. 1 des Grundgesetzes. Die Verpflichtung zur Veröffentlichung von Gegendarstellungen verletzt daher nicht die Pressefreiheit des Art. 5 Abs. 1 GG, wie das Bundesverfassungsgericht ausdrücklich festgestellt hat. Vielmehr dient sie der Sicherstellung gleicher publizistischer Wirkung, wie eine von der früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis einst durchgesetzte Gegendarstellung auf Seite 1 der Bild-Zeitung eindrucksvoll belegte.

Gegendarstellungen erfordern ein berechtigtes Interesse des Betroffenen. Sie sind eng begrenzt auf Tatsachenmitteilungen. Für Onlinemedien gilt überdies die Beschränkung auf journalistisch-redaktionell gestaltete Angebote, in denen insbesondere vollständig oder teilweise Inhalte periodischer Druckerzeugnisse in Text oder Bild wiedergegeben werden (§ 56 Abs. 1 RStV). Wikipedia zitiert zwar aus Zeitungen und Zeitschriften, gibt aber deren Inhalte nicht umfassend wieder. Nimmt man aufgrund der umfangreichen Regelwerke und kollaborativen Verfahrensweisen der Wikipedia eine journalistisch-redaktionelle Gestaltung an und legt man ihre publizistische Wirkung zugrunde, wäre ein Gegendarstellungsanspruch auch in Wikipedia nach § 56 RStV theoretisch denkbar. Durchzusetzen wäre dieser, wie erläutert, gegenüber der Wikimedia Foundation in San Francisco nur über die mühsame, aber erforderliche Zustellung in den USA.

Keinesfalls ermächtigt aber ein Gegendarstellungsanspruch zur Korrektur oder Änderung eines veröffentlichten Textes. Und keinesfalls ist jede Internetseite von § 56 RStV erfasst.

Anders nach dem Gesetzentwurf in Italien: Wikipedia fiele ohne weiteres unter die Regelung des § 29 des Gesetzes. Ministerpräsident Berlusconi könnte höchstpersönlich die Löschung oder “Korrektur” der zahlreichen, seine Skandale betreffenden Artikel fordern. Es käme weder auf die Quellen des Artikels an, noch darauf, ob tatsächlich eine Rufschädigung besteht. Das Gesetz verstöße damit gegen Art. 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention, die Meinungs- und Informationsfreiheit, der vor allem in der politischen Debatte höchster Schutz zukommt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (vgl. die aktuelle Rechtsprechung zur Freiheit der Berichterstattung im Internet) und wohl auch der italienische Verfassungsgerichtshof müssten das Gesetz in Fällen, in denen es angewandt worden wäre, für grundrechtswidrig erklären. Doch bis dahin wäre es ein weiter Weg.

Die italienische Community sieht daher die Neutralität, Freiheit und Überprüfbarkeit der Wikipedia-Inhalte, “die Säulen, auf denen Wikipedia gebaut war”, in Gefahr. Jeder, der sich durch einen Wikipedia-Eintrag angegriffen fühle, könne die Entfernung des Inhalts und eine dauerhafte Veröffentlichung einer durch ihn korrigierten Fassung verfügen.  Daher schreiben die Wikipedianer:

“Die sich aus Paragraph 29 ergebende Verpflichtung, die Korrektur ohne Recht auf Diskussion und Überprüfung der Inhalte veröffentlichen zu müssen, würde zu einer inakzeptablen Beschneidung der Freiheit und Unabhängigkeit der Wikipedia führen, (…), ja letztlich zum Ende des Projektes, wie wir es bis heute kennen.”

Sie betonen, dass sie keinesfalls den Schutz der Reputation von Personen und Organisationen in Frage stellten. Jeder italienischer Bürger sei jedoch schon strafrechtlich gegen Diffamierungen geschützt. Überdies fühlten sich die Autoren der italienischen Wikipedia jederzeit verpflichtet, auf Nachfrage hin jeden Inhalt zu prüfen.

Innerhalb der weltweiten Wikipedia-Community wird der drastische Schritt der italienischen Wikipedianer kontrovers diskutiert. Sue Gardner, Executive Director der Wikimedia-Stiftung, drückte ihre Unterstützung aus, wertete den Gesetzentwurf ebenfalls als Verletzung der Meinungsfreiheit. Doch ob die komplette Sperrung des italienischen Wikipedia-Sprachraums der beste Weg war, die Aufmerksamkeit und den Protest der Bürger zu wecken, ließ sie offen. “What’s done is done, for the moment”, schrieb Gardner. Nun ist die Sperrung wieder aufgehoben.

Außerhalb der Wikipedia regt sich ein erhebliches Medieninteresse. Vom “Maulkorb fürs Internet” schreibt die taz, von “Zensur. Italienische Wikipedia vor Schließung” der österreichische Standard. Die Zeit konstatiert in einem Kommentar gar “Die letzten Zuckungen des Berlusconismus”. Ihr Autor schreibt:

“Dieses Gesetz, träte es in Kraft, wäre das Ende des italienischen Internets. Und es wäre das Ende des Rechtsstaates. (…) Das zeigt, deutlicher denn je, wie die Berlusconisti ticken. Sie verachten den Rechtsstaat, sie pfeifen auf ihre Verfassung und die Menschenrechte. Sie hängen einer lächerlich altertümlichen Ideologie an.”

275.054 Menschen haben sich in Facebook bisher mit dem Protest solidarisiert, und minütlich werden es derzeit etwa 40 mehr. Es ist eine Kraftprobe: Berlusconis Machtapparat und Medienimperium gegen die Bürger im Netz.

Das Netz wird stärker sein als die ohnehin bröckelnde Macht Berlusconis, so hoffen viele. Die Gesetzesinitiative wird scheitern. Erste Zugeständnisse soll es bereits gegeben haben, die mit zur Rücknahme der Sperrung geführt haben.

Und wenn unter dem Deckmantel des Persönlichkeitsschutzes doch derart in die Meinungs- und Informationsfreiheit eingegriffen wird, wird es Sache der Gerichte bis hin zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sein, die Internetfreiheit zu sichern.

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Einblicke in eine Männerwelt: Die Ergebnisse der Wikipedia-Autorenstudie 2011 zeigen Probleme der Diskussionskultur und die Dominanz des Englischen


Der durchschnittliche Wikipedia-Autor ist 32 Jahre alt. Das lässt Wikipedianer aufatmen. Zum Glück, doch nicht so jung. So liest sich eine Erkenntnis der Wikipedia Editoren-Studie 2011, deren Ergebnisse, detailliert zusammengefasst auf 75 Seiten, in der vergangenen Woche veröffentlicht wurden. Das Vorurteil des einsamen jungen Studenten vor dem Computer, der sein Wissen zum Besten gibt – es trifft nicht zu. Dabei hatte es Wikipedia-Gründer Jimmy Wales vor wenigen Wochen bei der Wikimania-Konferenz in Haifa noch gepflegt, als er von dem “typischen Freiwilligen” sprach, der “ein 26-jähriger männlicher Streber” sei, der sich später anderen Dingen zuwende, heirate und dann aufhöre.

Vielmehr haben über 60 Prozent der Wikipedianer einen Hochschulabschluss, 26 Prozent von ihnen einen Masterabschluss oder einen Doktortitel. Die größte Alterskohorte von 28 Prozent ist über 40 Jahre alt. Und nur 36 Prozent der Wikipedia-Autoren wertet die Studie als “techies”, also technologieaffine Nutzer mit Programmierkenntnissen. Der Abschnitt ist gar überschrieben mit der vermeintlich guten Nachricht, dass zwei Drittel der Wikipedianer keine Programmierer seien.

Die Kernprobleme der Wikipedia-Community werden durch diese erste groß angelegte Editoren-Studie untermauert: 91,5 Prozent der Wikipedianer sind männlich, nur 8,5 Prozent weiblich. Wikipedia ist ein Männerverein. Das gilt auch für die Anzahl der Bearbeitungen: 30 Prozent der Autorinnen bearbeiten nur bis zu 50 Artikel in ihrer gesamten aktiven Wikipedia-Zeit, bei den höheren Aktivitätswerten liegen Frauen zumeist signifikant hinter den Männern. Dennoch steigt die Anzahl weiblicher Editoren zumindest leicht, von 3 Prozent in den Anfangsjahren 2001 bis 2004 auf 14 Prozent der Neu-Registrierungen von Autoren im Jahr 2010.

Die Gründe dafür? An der generellen Webnutzung liegt es nicht. So nutzen Frauen nach den Ergebnissen der Studie etwa soziale Netzwerke stärker als Männer. Belästigungen gegenüber Frauen innerhalb der Wikipedia-Community kommen nur selten vor. 78 Prozent sagen, sie hätten solche nicht erlebt. 7 Prozent berichten dagegen, sie hätten unangemessene Nachrichten erhalten. 4 Prozent sahen sich als Opfer von Stalking. 5 Prozent fanden sich Flirt-Versuchen ausgesetzt. In der gesamten Wikipedia-Autorenschaft geben 24 Prozent an, Opfer von Belästigungen (harassment, was auch Schikane und Mobbing bedeuten kann) anderer Wikipedianer geworden zu sein, 5 Prozent auch außerhalb von Wikipedia in sozialen Netzwerken wie Facebook.

Neben diesen Erscheinungen liefert die Studie aber noch interessantere Einblicke in die Diskussionskultur der Wikipedia. So beschreiben 48 Prozent der 4930 berücksichtigten Antworten andere Editoren als kollaborativ, also gemeinschaftlich arbeitend. 38 Prozent werten andere Autoren als intelligent, 35 Prozent als hilfsbereit, 31 Prozent als freundlich. Dagegen stehen 24 Prozent, die andere Editoren als arrogant bezeichnen, 8 Prozent, die andere für rüpelhaft oder vorlaut sowie 5 Prozent, die andere für dumm halten.

Zwar sind die Antworten nicht isoliert zu sehen, doch zeichnen sie das Bild einer Community, in der es viele Konflikte gibt.

Andere Werte belegen dies: Wer positives Feedback in der Community erhält, bleibt motivierter und länger dabei. Das jedenfalls sagen 78 Prozent der befragten Editoren. Besonders geehrt fühlen diese sich, wenn ihre Artikel auf der Wikipedia-Startseite gefeatured werden. Kritische Reaktionen dagegen haben die gegenteilige Wirkung: 69 Prozent verlieren Motivation, wenn erfahrenere Autoren auf ihre Edits “herabschauen”, 60 Prozent, wenn Reverts ohne Begründungen vorgenommen werden, 56 Prozent, wenn andere Editoren offensiv ihre Meinung durchzusetzen versuchen. Es sind also die ganz alltäglichen Regeln von Anerkennung und Kritik, um die es auch innerhalb der Wikipedia-Community geht und die teilweise vermisst werden.

Neben diesen Einblicken in das Innenleben der Online-Enzyklopädie birgt die Editoren-Studie noch andere interessante Erkenntnisse. So konstatieren die Autoren, wie westlich zentriert Wikipedia ist. 20 Prozent der Autoren leben in den USA, 12 Prozent in Deutschland, weitere 22 Prozent in Kanada und den EU-Staaten Großbritannien, Italien, Frankreich und Polen.

Die sprachliche Dominanz des Englischen untermauert dies. Obwohl die befragten Wikipedia-Autoren Artikel in mehr als 100 Sprachen bearbeiten, gaben 52 Prozent von ihnen Englisch als ihre Hauptsprache an, 18 Prozent Deutsch, je 10 Prozent Russisch und Spanisch, 9 Prozent Französisch. 76 Prozent aller Wikipedianer arbeiten an der englischsprachigen Enzyklopädie mit – folglich neben den 38 Prozent, die primär die englische Wikipedia bearbeiten, weitere 38 Prozent aus anderen Sprachräumen. Die englische Wikipedia ist damit mit 3,7 Millionen Artikeln im Vergleich zu 1,28 Millionen des deutschen Sprachraums nicht nur die zahlenmäßig größte. Sie ist auch die tatsächlich internationale, weltweit bearbeitete Wikipedia. Bei den Lesern zeigt sich dies noch stärker: 93 Prozent aller aktiven Wikipedianer lesen die englische Wikipedia.

Englisch ist damit die lingua franca des Weblexikons. Wikipedia ist vorrangig die Online-Enzyklopädie der englischsprachigen Welt. Andere Sprachräume sind wesentlich kleiner. Sie müssen wachsen, damit Wikipedia tatsächlich eine universelle, weltweite Wissenssammlung sein kann. Und so schreiben die Autoren der Studie auch in ihren zusammenfassenden Thesen, dass die Zukunft der Wikipedia gerade darin liege, die Verbreitung von Wissen auszudehnen auf den globalen Süden und die Weltregionen, in denen Englisch keine vorherrschende Sprache ist. Weltweite Kooperationen mit Universitäten und Kulturinstitutionen sollen dabei helfen.

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Studenten gegen den Autorenschwund: Die Wikimania-Konferenz 2011 und die aktuelle Entwicklung der Enzyklopädie


Schon der Vergleich ist ein Ritterschlag für die Wikipedia. Das britische MacUser-Magazin verglich die englischsprachige Online-Enzyklopädie in seiner Ausgabe vom 8. Juli 2011 mit der Encyclopaedia Britannica, jener zwischen 1768 und 1771 erstmals in Edinburgh herausgegebenen, ältesten englischsprachigen Wissenssammlung und einer der berühmtesten Enzyklopädien der Welt. Die 32-bändige Britannica-Edition 2010 besteht aus 65.000 Einträgen von über 4000 Wissenschaftlern und Autoren, darunter etwa Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman. Wikipedia dagegen wird von einem Heer freiwilliger Editoren in aller Welt geschrieben, etwa 90.000 aktive Autoren sollen es nach Angaben von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales bei der am vergangenen Wochenende zu Ende gegangenen Wikimania-Konferenz in Haifa derzeit sein. Die Wikipedia-Statistik zeigt für Juni 2011 81.450 weltweit aktive Autoren an.

Das Magazin kam dennoch zu einem erstaunlichen Ergebnis: Einzig die Kinder-  und Studentenausgaben der DVD-Version der Encyclopaedia Britannica seien der englischen Wikipedia aufgrund ihrer großartigen Fähigkeit, Themen verständlich zu machen, voraus. Doch auch junge Menschen würden, so das Magazin, wenn es um Themen geht, die relevant sind für ihr Leben, eher auf Wikipedia zugreifen als in die digitale oder gar die gedruckte Britannica zu schauen. Wikipedia, ließe sich folgern, berichtet nicht nur ausschweifend über Popkultur, das Weblexikon ist Popkultur. So verliert die englischsprachige Wikipedia fast 10.000 Wörter über das iPhone, der Britannica ist das Apple-Handy 487 Wörter wert. Wikipedia berichtet in 12.500 Wörtern über die Science-Fiction-Serie Doctor Who, die Britannica in 283 Wörtern. Über Relevanz lässt sich eben streiten.

Die Analyse des Magazins spielt auch mit weiteren interessanten Vergleichswerten. So beschreibt die Encyclopaedia Britannica in einem 1000-Wörter-Eintrag die Wikipedia, während Wikipedia über die Geschichte der ruhmreichen englischen Enzyklopädie 10.000 Wörter schreibt. Und die Aktualität, häufig ein Problem der Wikipedia bei sich überstürzenden Ereignissen, bei denen das Weblexikon zu überhastet dokumentiert (jüngst analysierte Wiki-Watch etwa die Wikipedia-Einträge über die Anschläge von Oslo und Utøya), erläutert der Autor am Beispiel des englischen Wikipedia-Eintrags über Nick Clegg, den britischen Vizepremier. Selbst die 2011-Edition der Encyclopaedia Britannica-DVD beschreibt ihn nach Angaben des Magazins nur als Politiker, der 2007 zum Vorsitzenden der Liberaldemokraten gewählt wurde, obwohl er seit Mai 2010 Stellvertreter von Premierminister David Cameron ist. Die DVD allerdings verlinkt auf einen aktuelleren Onlineartikel, 800 Wörter lang. Der Wikipedia-Artikel hat 7500 Wörter, ist aktuell, umfassend und nach den Recherchen des Magazins korrekt.

Dennoch, das Fazit ist: Die Encyclopaedia Britannica ist der englischsprachigen Wikipedia weiter voraus in der Prägnanz, Fundiertheit und Korrektheit ihrer Einträge. Doch Wikipedia kommt dem erstaunlich nahe, ist zudem näher an aktuellen Entwicklungen, näher an populären Themen und einfacher und schneller zu benutzen. Das entspricht der Ansicht von Ulrich Johannes Schneider, Leipziger Philosophie-Professor und Direktor der dortigen Universitätsbibliothek, der, gefragt nach dem Verhältnis von Wikipedia zur gedruckten Konkurrenz, sagt:

“Sie hängt alle ab. Und das ist auch völlig richtig so. Das enzyklopädische Wissen war in den Büchern immer gefesselt. Es gehörte da nicht hin. Es gehörte immer schon ins Internet, das gibt es allerdings erst seit kurzem. Enzyklopädisches Wissen lebt auch von der Aktualität.”


Wikipedia als Wegbereiter freier Inhalte

Die Befunde zeigen einmal mehr den Stellenwert, den Wikipedia erlangt hat. Dieses Wertes versicherten sich auch die 650 Teilnehmer der Wikimania-Konferenz, des wichtigsten Treffens der weltweiten Wikipedia-Gemeinschaft, in der vergangenen Woche in Haifa an der israelischen Mittelmeerküste und diskutierten die Zukunft des Weblexikons. Der aktuelle Wikipedia-Signpost, die Mitteilungsseite der englischsprachigen Wikipedia, berichtet darüber in dieser Woche ausführlich. Das Programm der Wikimania ist hier abrufbar. Eine Sammlung der besten Zitate und Tweets der Konferenz findet sich in diesem Blog. Der WDR berichtete mit einem eigenen Online-Spezial.

Yochai Benkler, Professor am Berkman Center for Internet and Society der Harvard-Universität, und der erste Wissenschaftler, der sich im Jahr 2001 ausführlich mit Wikipedia beschäftigte, erinnerte in seiner Keynote an den entscheidenden Einfluss der Wikipedia auf die Entwicklung von Open Source als Prinzip großer Teile der jüngeren Internetentwicklung, und als Prinzip der Wissenschaft. Benkler sieht einen Wandel in vielen akademischen Disziplinen von einem egoistischen Marktdenken zu offener Kooperation über kollaborative Plattformen und Prinzipien, etwa in der Ökonomie, den Sozial- und den Naturwissenschaften. Wikipedia, so die These, war einer der Wegbereiter für freie Inhalte unter offenen Lizenzen, mit großer Ausstrahlungswirkung auf die Wissenschaft. Benkler erinnerte auch daran, wie bereits im Jahr 1999 die von Microsoft produzierte digitale Enzyklopädie Encarta der Encyclopaedia Britannica ernsthafte Konkurrenz machte – 1999 ahnte aber noch keiner, welch einen ungleich radikaleren Einschnitt die offene Wissensplattform Wikipedia bringen würde.


Die schrumpfende Männer-Enzyklopädie

Doch Wikipedia kämpft auch mit großen Problemen. Das größte ist der Rückgang der aktiven Autoren, nach den in diesem Blog dokumentierten Zahlen der Wikimania 2011 um etwa elf Prozent jährlich. Den Rückgang hatte die Editor Trends Study im April 2011 ausführlich analysiert (Wiki-Watch berichtete u.a. hier und hier darüber), seither wird er noch umfassender diskutiert als zuvor.

Gründer Jimmy Wales sprach bei der Wikimania-Konferenz davon, “der typische Freiwillige” sei noch immer  “ein 26-jähriger männlicher Streber”, der sich später anderen Dingen zuwende, heirate und dann aufhöre. Andere verabschiedeten sich, weil der Bedarf an neuen Einträgen zurückgehe. Wales sieht vor allem das verworrene Regelwerk und die für neue Nutzer komplizierte MediaWiki-Software als Probleme und verspricht seit langem eine Vereinfachung. Die technischen Hürden seien so kompliziert, dass es “fast nur Computerfans” gelinge, Wikipedia-Artikel zu bearbeiten, sagte Wales der dpa. Die technischen Schwierigkeiten hätten “viele, viele Menschen, große Teile der Öffentlichkeit” faktisch ausgeschlossen. Auch sind sie, wohl neben der ruppigen Diskussionskultur vor allem der deutschsprachigen Wikipedia, die neben dem technischen Knowhow viel Durchhaltevermögen und Argumentationskraft für viele noch so kleine Änderungen erfordert, ein Grund dafür, dass der Frauenanteil unter den Wikipedianern weiter bei nur 13 Prozent liegt. Die “männlichen Streber”, nach Jimmy Wales, bleiben unter sich.

Derweil nimmt dem Signpost zufolge auch die Zahl derjenigen ab, die in der englischen Wikipedia als Administratoren kandidieren. Auch der harte Kern droht also zu schrumpfen.

Zu den aktiven 90.000 Editoren sollen bis Juni 2012 5000 neue kommen, um neues Leben in die Community zu bringen. Bei der Wikimania-Konferenz wurden dafür neue Ansätze diskutiert. Spiegel Online erzählt die Geschichte von zwei jungen Kasachen, die Jimmy Wales dabei als Beispiel dienten. Die Zahl der Autoren und Artikel aus Kasachstan ist explodiert seit die beiden die Erlaubnis bekamen, die Einträge eines kasachischen Lexikons zu Wikipedia-Einträgen zu machen. Hauptsächlich Studenten, zunächst 15, inzwischen 231, ließen die Zahl der Artikel von 7000 auf 70.000 anwachsen. Nun sollen Professoren mithelfen, die Qualität zu verbessern.

Studenten als Autoren der Wikipedia, Wikipedia-Einträge als Seminararbeiten: Dieses Konzept soll jetzt vertieft werden. 32 Hochschulen beteiligen sich bereits am Projekt der Wikimedia-Stiftung, etwa Harvard und Berkeley. Die Studenten erhalten Creditpoints für die Wikipedia-Mitarbeit. Spiegel Online berichtet auch über diese “nicht ganz so freiwilligen Helfer”, etwa einen Studenten der im Dezember 2010 über die Nationaldemokratische Partei Ägyptens, damals unter Husni Mubarak, schrieb. Während der ägyptischen Revolution wurde der Eintrag viel beachtet, erlangte Bedeutung, die eine einfache Arbeit an der Uni nie hätte erreichen können.

Die Wikimedia-Stiftung hat in der vergangenen Woche eine aktuelle Übersicht über die weltweiten Bildungsprogramme der Wikipedia veröffentlicht.


Innovation und Qualität der Wikipedia

Sue Gardner, Geschäftsführerin der Stiftung, kündigte zudem an, Wikipedia besser auf Smartphones und andere mobile Geräte bringen zu wollen. Die neue mobile Version der Wikipedia wird derzeit entwickelt. Gardner geht es darum, neue Editiermöglichkeiten zu schaffen für eine Welt, in der eine große Mehrheit der Nutzer Wikipedia nicht auf Desktop-Computern und Laptops, sondern auf Handys und Tablets nutzen werde.

Natürlich ging es in Haifa auch um die Qualität der Wikipedia. Jimmy Wales sieht die größten Schwächen der Online-Enzyklopädie in fehlerhaften Originalquellen. Das Leitmotiv der Wikipedia sei es, sich eng an verlässliche Informationsquellen zu halten. Doch wenn diese Fehler enthielten, fänden sich die Fehler auch in Wikipedia. Wales sagte, Wikipedia-Nutzer müssten die Benutzung des Lexikons lernen. So sollte Schülern und Studenten beigebracht werden, auf Warnhinweise bei besonders umstrittenen Artikel-Passagen zu achten. Dies ist etwa mit dem in Wiki-Watch integrierten WikiTrust-Tool möglich. Die englischsprachige Wikipedia testet zudem derzeit ein Article Feedback Tool, bei dem die Nutzer unter Wikipedia-Artikeln angeben können, für wie verlässlich, objektiv, präzise und gut geschrieben sie den Eintrag halten.


Was tun mit 30 Millionen Dollar?

Zwei Themen sorgten schließlich in Haifa für weitere Kontroversen. Die Wikimedia-Stiftung erhielt im vergangenen Jahr Spenden in Höhe von rund 20 Millionen Dollar. Allein 16 Millionen Dollar kamen durch kleine Spenden von durchschnittlich 22 Dollar, überwiesen von etwa einer halben Million Spendern weltweit, zusammen. Im Jahr 2011 peilt Wikimedia ein Spendenaufkommen von 30 Millionen Dollar an. Die jährlichen Betriebskosten der Enzyklopädie betragen etwa 5 Millionen Dollar. Die Wikimedia-Stiftung möchte nun verstärkt für Wikipedia-Wachstum in Entwicklungsländern sorgen und dort gezielt Projekte unterstützen. Derweil fürchten die großen nationalen Wikimedia-Organisationen, die die Hälfte der Spendeneinnahmen erhalten, um ihre lokalen Projekte.


Die Wikimania in Haifa und die Auswirkungen des Nahost-Konflikts

Und das zweite Thema: Der Tagungsort Israel machte es für arabische Autoren schwer, zur Wikimania-Konferenz anzureisen. Manchen wurde angeblich die Einreisegenehmigung verweigert, andere erhielten von ihren Ländern keine Ausreisegenehmigung oder beantragten diese aus Furcht vor Repressionen nicht. Nach Informationen des WDR kam kein einziger Teilnehmer der Wikimania 2011 aus einem arabischen Land.

Die Mitarbeit an Wikipedia kann auch eine fundamentale Frage der Meinungsfreiheit sein.

Die WDR-Autorin sprach hierüber mit dem israelischen Linguisten, Blogger und Wikipedianer Dror Kamir, über dessen Erkenntnisse insbesondere zur Rolle der Wikipedia in der ägyptischen Revolution auch Wiki-Watch berichtete. Dror Kamir hatte sich erfolglos um die Teilnahme arabischer Wikipedianer bemüht.

So ist Wikipedia einmal mehr auch ein Spiegel des Nahost-Konflikts. Kamir schrieb für die hebräische und englische, aber auch für die arabische Wikipedia. In der arabischen Sprachversion fand er antiisraelische Positionen, in der hebräischen proisraelische Standpunkte. Rechtsgerichtete israelische Organisationen hätten im vergangenen Sommer rund 50 Anhänger für “zionistisches Schreiben” ausgebildet, der palästinensische Journalistenverband habe prompt dagegen gehalten. Dror Kamir bemüht sich mit dem Wiki-Projekt Israel um Neutralität, um saubere Quellenrecherche, bedauert aber gegenüber WDR.de: “Quellen werden immer angezweifelt, oder mit Gegenquellen befeuert.” Und so beschreibt er auch seine Müdigkeit, Editier-Konflikte immer wieder durch akribische Kleinarbeit auszugleichen.

Er kümmere sich jetzt um die Versorgung von Schulen in Kamerun mit der Offline-Version der Wikipedia, sagt der Wissenschaftler.

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Grenzfragen einer Enzyklopädie: Wikipedia über die Anschläge von Oslo und Utøya


Es sind nun zehn Tage vergangen, seit Anders Behring Breivik mit seinem Bombenattentat im Osloer Regierungsviertel und seinem Anschlag auf das Jugendlager auf der Insel Utøya 77 Menschen, zu einem ganz großen Teil Jugendliche, getötet hat. “Die Spur des Bösen”, titelt der Spiegel am heutigen Montag, “Europas rechte Populisten und der Kreuzzug des Anders Breivik”. Die Menschen in Norwegen und ganz Europa sind fassungslos angesichts dieses Verbrechens.

Es ist der vorvergangene Freitag, 22. Juli, 15.32 Uhr, als die norwegische Nachrichtenagentur NTB eine heftige Explosion im Regierungsviertel meldet. Gegen 16.30 Uhr erreichen diese Bilder auch das Feriencamp in Utøya, etwa 600 Jugendliche sind dort. Gegen 17 Uhr gelangt ein Mann in Polizeiuniform auf die Insel. Er erklärt, er komme zum Schutz der Jugendlichen, bevor er zu schießen beginnt, von Zelt zu Zelt läuft, immer wieder schießt. Um 17.27 Uhr erreicht der erste Notruf die Polizei. Erst etwa eine Stunde später kann die Polizei Breivik stellen.

Etwa um diese Zeit, ab 18.31 Uhr, findet sich in der deutschsprachigen Wikipedia ein erster kurzer Eintrag, “Bombenanschlag auf Oslo”. Er liest sich wie eine Agenturmeldung, im ersten Satz die Nachricht, dann kurze Abschnitte “Explosionen und Opferzahlen”, danach “Reaktionen”. Seit 22.59 Uhr an diesem Abend heißt der Artikel “Anschläge in Norwegen 2011″.  Um diese Zeit heißt es darin noch unter “Weitere Vorkommnisse”, es habe eine Schießerei im Jugendlager auf Utøya gegeben, nach Polizeiangaben seien neun oder zehn Personen erschossen worden. Eine verdächtige Person sei festgenommen worden.

Später werden es allein auf Utøya 69 Tote sein. Die verdächtige Person ist Anders Behring Breivik.

Der deutschsprachige Wikipedia-Artikel über die Anschläge ist seither von 169 Autoren 640 mal bearbeitet worden, 196.610 Besucher haben ihn gelesen. Dabei gab es 33 Reverts, eine Sperrung. Der Artikel über Anders Behring Breivik, angelegt in der Nacht nach den Anschlägen, am 23. Juli morgens um 05.03 Uhr von einem IP-Nutzer als, wie dieser selbst schrieb “hastige Übersetzung” der englischen Wikipedia, wurde 423 mal von 141 Autoren bearbeitet. Auch in diesem gab es 32 Reverts und eine Sperrung. Die englischsprachigen Artikel, noch schneller und früher entstanden, noch wesentlich umfassender als die deutschen Lemmata, haben ähnlich unübersichtliche Versionsgeschichten.

Interessant sind nicht die einzelnen Änderungen und die immer wieder zu korrigierenden Fakten. Wikipedia ist hier nur ein Spiegel der Erkenntnisse der internationalen Medien. Uninteressant ist auch der Vandalismus, den Artikel über diese Ereignisse in Wikipedia naturgemäß anziehen. Sehr interessant dagegen sind die Grenzfragen, die sich stellen: Darf man einem Attentäter, dessen großes Ziel es war, die Weltöffentlichkeit mit seiner menschenfeindlichen Ideologie zu erreichen, eine weitere Bühne bieten? Ihm als Person und seinen Gedanken? Ist die Person des Täters nicht Teil der Tat – gehört also die Auseinandersetzung mit dem Attentäter in den Artikel “Anschläge in Norwegen 2011″? Provoziert eine zu detaillierte Auseinandersetzung mit der Person gar Nachahmer?

Diese Fragen diskutieren die Wikipedianer sehr intensiv. Sie ziehen Parallelen zum Amokläufer am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, dem bewusst kein Wikipedia-Artikel gewidmet wurde, der Tat als schrecklichem, zeithistorischem Ereignis aber sehr wohl. Auch vergleichen sie die Taten von Oslo mit dem Bombenanschlag von Oklahoma City 1995, der 168 Todesopfer forderte. Dem Täter Timothy McVeigh und Mittätern seien ebenfalls Wikipedia-Artikel gewidmet. Selbst der Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg wird genannt als Beleg für die Relevanz von Attentätern im allgemeinen, wenn er auch ideologisch in keiner Weise mit Breivik auf eine Stufe zu stellen sei. Andere Autoren halten dagegen. Ein IP-Nutzer schreibt, der Wikipedia-Artikel sei Teil der “Belohnung”, die der Täter sich vor der Tat erhofft habe. Der Wikipedianer “DrTrigon” hält fest, er finde es “irgendwie schräg”, dass man durch Gewalttaten sofort die Relevanzkriterien der deutschen Wikipedia erfülle.

Der Autor “Bote des Friedens” wiederum betont, in Übereinstimmung mit einem großen Teil der festgehaltenen Ansichten:

“Anders Behring Breivik scheint in nationalistischen Kreisen eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen, besonders natürlich auch in Zukunft. Als Funktionär in der Fortschrittspartei, Autor eines umfangreichen nationalistischen Pamphlets und schließlich Attentäter und Mörder von über 70 Menschen in den schwersten Anschlägen, die Norwegen seit 1945 erlebt hat, ist die Relevanz einfach gegeben. Von einem Denkmal kann bei diesem Artikel keine Rede sein: Er wird als Mörder dargestellt. Ich glaube im Übrigen, dass eine Aufklärung der Tatmotive und -hintergründe viel eher zur Bekämpfung von Gewalttaten beitragen kann als Verschweigen. Die Frage, die sich letzendlich stellt, ist, ob wir die Realität so darstellen wollen, wie sie ist oder wie wir sie gerne hätten.”

Drei Anträge, den Eintrag über Anders Behring Breivik zu löschen, sind inzwischen gescheitert. Insbesondere wird das Argument, die Persönlichkeitsrechte Breiviks würden verletzt, mit Recht abgelehnt, unterfüttert mit einer Analyse der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes und des Bundesverfassungsgerichts zur Berichterstattung über Straftaten. Danach gilt:

“Wer den Rechtsfrieden bricht und durch diese Tat und ihre Folgen Mitmenschen angreift oder verletzt, muss sich nicht nur den hierfür verhängten strafrechtlichen Sanktionen beugen, sondern er muss auch dulden, dass das von ihm selbst erregte Informationsinteresse der Öffentlichkeit auf den dafür üblichen Wegen befriedigt wird.” – BGH AfP 2010, S. 162 (164)

Breivik selbst, so argumentiert auch der Wikipedia-Autor unter Heranziehung dieser Rechtsprechung, hat mit seiner Tat größtmögliche Öffentlichkeit erregen wollen. Es besteht ein überragendes öffentliches Interesse an den Anschlägen von Norwegen, auch an ihren politischen Hintergründen und der Person des Täters. Sein Name darf nach deutschem Recht genannt werden.

Juristisch lässt sich die Frage der enzyklopädischen Auseinandersetzung mit dem Attentäter also nicht lösen. Dies gilt noch dazu, weil die Frage auch nach Meinung vieler Diskutanten in Wikipedia rein akademischer Natur ist: Seit der Nacht nach den Attentaten ist der Name Anders Behring Breivik in aller Welt bekannt, aus seinem 1500-seitigen Pamphlet zitierte die Weltpresse. Wikipedia folgt den Nachrichten.

Dennoch stellen sich die Wikipedianer diesen schwierigen Fragen und zeigen einmal mehr eindrucksvoll das Innenleben der Arbeit an der weltgrößten Wissenssammlung. Dafür muss man freilich über den aggressiven Ton vieler Diskussionsbeiträge hinwegsehen, Vorwürfe und Behauptungen faschistoiden Denkens, mit denen sich manche Wikipedianer gegenseitig belegen, überlesen.

Interessant ist vor allem, für welche Art der Dokumentation der Ereignisse sich die deutschsprachigen Wikipedia-Autoren entschieden haben. So findet sich kein Bild Breiviks in der deutschen Wikipedia, weder im Personen- noch im Ereignisartikel. Teilweise wird die Abbildung Breiviks abgelehnt, weil Wikipedia keine Rechte an den Bildern besitze, die Breivik selbst durch sein Manifest und sein Facebook-Profil veröffentlicht hat, teilweise aus Furcht vor Ikonisierung und vor Nachahmern. Allerdings verlinkt der Artikel auf die Wikimedia Commons-Seite, die sieben Bilder Breiviks zeigt, allesamt von ihm selbst verbreitete, ihn in verschiedenen Posen in Uniformen und Kampfanzügen zeigende Bildnisse.

Die Editoren der englischsprachigen Wikipedia sehen dies ganz anders, ordnen die Bilder als zeitgeschichtliche Dokumente ein und schließen daraus, dass Breivik selbst ihre Verbreitung veranlasst hat, die freie Verwendbarkeit. So ist sowohl ein von Breivik selbst gefertigtes Porträtfoto, als auch das Bild, das den Attentäter martialisch mit einem Sturmgewehr und in einem Taucheranzug zeigt, abgebildet. Zu beiden Bildern gibt es ausführliche Löschdiskussionen. Bisher jedoch bleiben sie Bestandteil des Artikels.

So zeigen sich in der Dokumentation der Anschläge von Norwegen auch Unterschiede der deutsch- und der englischsprachigen Wikipedia. Die deutschsprachigen Editoren diskutieren länger, kontroverser und wesentlich ruppiger. Der Artikel jedoch ist kürzer und vorsichtiger geschrieben und gestaltet. Die englischsprachigen Autoren debattieren strukturierter, an den Details des Artikels orientiert, und schreiben mutiger und pragmatischer. Die Artikel über die Anschläge von Oslo und Utøya sind damit auch Zeugnisse verschiedener Kulturen im Umgang mit schwersten Verbrechen.

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Wikipedia-Verbot für AFP-Journalisten: Warum das Weblexikon nie die einzige Quelle für Medienberichte sein sollte


Die Agence France-Presse (AFP) ist eine ehrwürdige Nachrichtenagentur. Gegründet 1835 von Charles-Louis Havas unter dem Namen Agence des feuilles politiques, correspondence générale, ist sie heute nach Associated Press (AP) und Reuters die drittgrößte Agentur der Welt. AFP hat Büros in 110 Ländern, verbreitet Nachrichten in sieben Sprachen. Dabei beschreibt die AFP ihren eigenen Rechtsstatus als ähnlich jener der deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die Kontrolle des Unternehmens liege bei den Nutzern (was freilich beim öffentlichen Rundfunk nicht so ist), “mit starker Dominanz der französischen Presse”. Das gesetzlich verankerte AFP-Statut garantiere die Unabhängigkeit von Staat und Privateigentümern. Selbstverständlich unterliegt die AFP-Berichterstattung hohen journalistischen Qualitätsstandards.

Offenkundig in Sorge um diese Standards verkündete die Chefredaktion von AFP in der vergangenen Woche eine neue interne Richtlinie, die der Figaro zitierte mit den Worten: “L’agence de presse française interdit l’utilisation de Wikipédia à ses collaborateurs.” AFP untersagt seinen Mitarbeitern weltweit die Nutzung von Wikipedia, genauer: die Nutzung “als Quelle” und die Verwendung von Zitaten aus Wikipedia.

Zuvor hatte eine AFP-Depesche über David Douillet für Kopfschütteln gesorgt. Douillet ist eine französische Sportlegende, Judo-Olympiasieger der Jahre 1996 und 2000, und seit dem 29. Juni dieses Jahres Staatssekretär für die im Ausland lebenden Franzosen im Kabinett von Premierminister François Fillon. Die AFP-Meldung hatte sich allzu nah am Wikipedia-Eintrag über Douillet orientiert, berichtet der Figaro. Das verwundert bei der Berichterstattung über ein kürzlich berufenes Regierungsmitglied, noch dazu mit dieser schillernden Biografie. Das Wikipedia-Verbot ist Teil einer Art Social Media Policy der AFP. Twitter und Facebook werden darin als “Arbeitswerkzeuge” bezeichnet, die allerdings nur für Gewinnung kurzfristiger, eilige Infos genutzt werden dürften.

Warum setzt die Chefredaktion einer der weltgrößten Nachrichtenagenturen so restriktive Regeln? Ein Blick auf die Prinzipien in Deutschland.

Die pressemäßige Sorgfalt ist die Kardinalpflicht der Presse. Mit den Freiheiten der Presse und ihrer öffentlichen Aufgabe, zu informieren und zu kritisieren, geschützt in Art. 5 des Grundgesetzes und Art. 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention sowie konkretisiert in den Landespressegesetzen, gehen Pflichten und Verantwortung einher, vor allem gegenüber den Rechten derer, über die berichtet wird. Die Landespressegesetze schreiben daher vor, dass die Presse Nachrichten vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Inhalt, Herkunft und Wahrheit zu prüfen hat. Juristisch geht es um einen gleitenden, flexiblen Sorgfaltsmaßstab, abhängig vom Grad der Berührung der Rechte anderer, sowie von Aktualität, Nachrichtenwert, Bedeutung der Nachricht und der jeweiligen Quelle. Für elektronische Presse, Rundfunk und Telemedien gelten im wesentlichen die gleichen Maßstäbe.

Der Pressekodex des Deutschen Presserates konkretisiert diese Anforderungen. Darin heißt es etwa in Ziffer 2: “Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt”, und: “Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen.” Recherche, Recherche, Recherche wird also von Journalisten verlangt. Das ist ihre gesetzliche und ihre standesmäßige Pflicht.

Nun führt der Weg zu einer Nachricht oder zur Erforschung der Hintergründe einer ersten Information meist zuerst zu einer Google-Suche, ob am Redaktionsschreibtisch oder am Handy. Google zeigt einen oder mehrere Wikipedia-Treffer. Wikipedia bietet den ersten Überblick über ein Thema, selbstverständlich auch und gerade für Journalisten. Eine Studie des Instituts für Journalistik der Technischen Universität Dortmund befragte dazu vor kurzem renommierte Journalisten und Wissenschaftler. Albrecht Ude vom Netzwerk Recherche wird in der auf slideshare veröffentlichten Präsentation zitiert:

“Wikipedia ist nach meiner Überzeugung das heimliche Leitmedium im Internet. Jeder, der im Netz war, war auch schon bei Wikipedia. (…) Die Wikipedia, eingedampft auf einen Satz, ließe sich so beschreiben: Viele Leute erzählen freiwillig, was sie wissen. Das ist doch eine traumhafte Situation – gerade für uns Journalisten. Wir kennen das normalerweise nur so, dass die Leute nicht freiwillig erzählen, was sie wissen.”

Michael Haller, Journalistikprofessor an der Universität Leipzig, ordnete in einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur im Januar 2011 Wikipedia ebenfalls als Erst-Rechercheinstrument ein:

“Sie müssen sich den recherchierenden Journalisten vorstellen, dass er, bevor er an kritische, nicht öffentliche Informationen kommt, sich zu erst mal eine Übersicht verschaffen sollte. Und das gemeinhin verfügbare Alltagswissen, aber auch schon das definierte Begriffswissen, reicht ja über das hinaus, was man so im Kopf herumträgt.”

Wikipedia ist also der Gatekeeper, das Eingangstor in eine Themenwelt, Ausgangspunkt für eine tiefergehende Recherche. Wenn es gut läuft, führt diese zur Verifizierung und weiteren Fundierung der gewonnenen Erkenntnisse. Wenn es besonders gut läuft, findet sich dann das Ergebnis einer guten Recherche in einer veröffentlichten Geschichte wieder. Diese wird wiederum in Wikipedia zitiert, Wikipedia bleibt Sekundärquelle und wird ebenfalls fundierter.

Wenn es schlecht läuft, wird Unverifiziertes abgeschrieben. Wenn es ganz schlecht läuft, ist das Unverifizierte auch falsch. Das Beispiel des erfundenen Vornamens „Wilhelm“ in der Vornamenkette von Karl-Theodor zu Guttenberg, verwendet von zahlreichen großen Medien, wird dafür immer wieder als Beispiel herangezogen. Und wenn es noch schlechter läuft, landet die falsche Information aus Wikipedia in einem Medium und anschließend wieder in Wikipedia, die fortan das Medium als Quelle für die vermeintliche Richtigkeit zitieren kann. In einer an prominenter Stelle in den Wikipedia-Beleg-Grundsätzen platzierten Grafik, machen sich die Wikipedianer über dieses Wechselspiel selbst lustig.

Letztlich sind diese Entwicklungen jedoch weniger ein Fehler von Wikipedia und ihren Machern, sondern eher der Schludrigkeit von Journalisten geschuldet, die Wikipedia nicht als eine Eingangs- und Überblicksquelle unter mehreren, sondern als einzige nutzen. Dies merkt auch der Leipziger Journalistikprofessor Haller an, wenn er ausdrücklich dazu rät, Wikipedia als eine Ressource unter vielen zu nutzen. Und das langjährige Presseratsmitglied Manfred Protze mahnt, nachzulesen in der oben dargestellten Präsentation der TU Dortmund: “Die Sorgfaltsregeln, die bisher schon im traditionellen konservativen System für die Nutzung von Quellen galten, gelten auch bei Quellen wie Wikipedia.” Journalisten müssen also die jeweils in Wikipedia angegebenen Quellen und deren Herkunft mit prüfen, sich genauer die Versionsgeschichte ansehen, und in jedem Fall mindestens eine weitere Quelle heranziehen.

Hinzu tritt der Faktor Zeit. Haller sagt, je größer die Aktualität eines Wikipedia-Eintrags sei, desto höher sei die Gefahr nicht korrekter Informationen:

“Der Profi-Journalist weiß, dass Wikipedia wie jede Enzyklopädie nur zuverlässig ist, wenn eben nicht der Aktualität hinterhergehechelt wird, sondern wenn man Bearbeitungen in Wikipedia aufruft, die sich auf abgeschlossene Vorgänge, auf abgeschlossene Biografien, auf abgeschlossene Themen und Begriffe beziehen.”

Die fundierte Dokumentation vergangener oder zumindest etablierter Sachverhalte ist danach die Kernaufgabe der Enzyklopädie. Zwar berichtet Wikipedia immer wieder hochaktuell über entstehende Ereignisse, aber erst in der Rückschau wird Wikipedia zu einer verlässlichen Quelle. Eindrucksvoll bewiesen hat dies jener der Geschichte vorauseilende englischsprachige Wikipedia-Eintrag zur ägyptischen Revolution. Aber auch die Lemmata zur Nuklearkatastrophe von Fukushima sind ein hervorragendes Beispiel dafür. Schwarmintelligenz lebt zwar von der Gleichzeitigkeit der Mitarbeit sehr vieler Menschen an sehr vielen Orten; dennoch brauchen diese Zeit zur Auswertung von (meist journalistischen) Primärquellen. Denn Wikipedia selbst, so ein zentrales Prinzip der Onlineenzyklopädie, darf nicht selbst zur Primärquelle werden, also keine Theoriefindung betreiben, sondern soll bekanntes Wissen zusammen tragen.

Punkt 8 der Prinzipien über das, was Wikipedia nicht sein soll, statuiert: “Wikipedia ist kein Nachrichtenportal (…) und dient nicht der aktuellen Berichterstattung.” Wikipedia darf also selbst keinen Journalismus machen. Muss sich das Weblexikon also selbst Langsamkeit verordnen, um seine Qualität zu sichern? Um die Relevanz eines jeden Eintrags immer wieder zu prüfen, die notwendigen Kompromisse in notwendigen inhaltlichen Konflikten zu finden, jeden Fakt sauber zu belegen, und das zentrale (Objektivitäts-) Prinzip des neutralen Standpunkts stets zu beherzigen?

Eine Nachrichtenagentur unterliegt zwar ebenfalls höchsten Sorgfalts- und Objektivitätsanforderungen, folgt aber ansonsten einer völlig anderen Logik: Zeit und Exklusivität. Sie muss besonders schnell sein. Ihre Kunden – Zeitungen, Fernsehsender, Websites – verlassen sich darauf, Informationen in kürzester Zeit zu erhalten. Die Agenturen sind Gatekeeper, bestimmen wesentlich darüber, welches Ereignis wichtig ist. Sie tickern zunächst Blitz- und Eilmeldungen, später Zusammenfassungen, Reportagen, dazu das zugehörige Bildmaterial. Wenn auffällt, dass etwas nicht stimmt, folgt in der Regel eine Korrektur. Die Kunden von Nachrichtenagenturen müssen sich auf die Korrektheit der Meldungen verlassen können und sind in diesem Vertrauen durch das sogenannte Agenturprivileg rechtlich geschützt. Eine Zeitungsredaktion etwa muss nach geltender Rechtsprechung den Inhalt einer Agenturmeldung in der Regel nicht noch einmal vor der Veröffentlichung eigenständig nachprüfen, so lange kein Anlass zu begründeten Zweifeln an der Korrektheit besteht. Es haftet gegebenenfalls die Agentur. Das macht den deutlichen Schritt der AFP-Chefredaktion, zumindest nach den deutschen Maßstäben, verständlich.

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Wie funktioniert Wiki-Watch wirklich?


Die FAZ insinuiert einen Manipulationsverdacht zwischen einigen wenigen Edits (insbesondere im Artikel „Insulin glargin“) im April / Anfang Mai 2009 (!) und der Bewertung in Wiki-Watch (heute). Dazu ist zu sagen: Der Verdacht ist absurd und haltlos, ebenso wie die anderen Verdächtigungen des freien Autoren und Unternehmensberaters Wittkewitz.

Wie also, liebe FAZ, funktioniert Wiki-Watch?

Wiki-Watch besteht aus zwei Komponenten. Die erste und von uns entwickelte Komponente prüft die Qualität eines jeden hier aufgerufenen Wikipedia-Artikels auf Grund seiner formalen Kriterien.

Die erste und wichtigste ist von Wikipedia definiert:

  • möglichst viele Aussagen mit überprüfbaren Quellen belegt.

Wir haben hinzugefügt:

  • viele Autoren und
  • viele Edits (das ist eine Bedingung dafür, dass der Artikel einen neutralen Standpunkt erhält oder schon hat).

Wiki-Watch zeigt dem Benutzer sofort an, ob der Artikel umstritten ist („edit war“), der für ihn in diesem Augenblick (real time) automatisch überprüft wurde (oder ob die Seite deshalb gesperrt war). Ist das in den letzten 30 Tagen der Fall gewesen, erscheint ein „Achtung“-Zeichen. In Wikipedia gibt es auf der „Artikel“-Seite diese wichtige Information nicht.
Eine Warnung erscheint in Wiki-Watch, solange der Artikel von Wikipedia-Editoren wegen unzureichender Quellen, fehlender Neutralität oder anderer offensichtlicher Qualitätsmängel einen entsprechenden Warn-Baustein eingebaut bekam.
Wiki-Watch misst zudem, wie viele Links aus anderen Wikipedia-Artikeln auf diesen Artikel verweisen (dies folgt der Erfahrung, dass jeder Editor, der eine Verlinkung erstellt, diese überprüft und bei dieser Gelegenheit oft auch den verlinkten Artikel überprüft).
Aus diesen Werten (Zahl der Quellen, Autoren, Edits und Links) erstellt Wiki-Watch automatisch unseren Index mit maximal 5 gelben Sternen. (Dabei gibt es keinerlei etwa manipulative Einwirkungsmöglichkeiten auf die Software und keine Ausnahmeregeln/-listen.) Wie und nach welchen Kriterien das funktioniert, hat Wiki-Watch seit dem  25. Oktober 2010 transparent in unserem Blog und in den FAQs dargelegt.

Um die Relevanz eines Wikipedia-Artikels deutlich zu machen, fügt Wiki-Watch auch noch die Besucherzahlen hinzu (derzeit nur bei Beobachtungszeiträumen zwischen 3 und 30 Tagen).

Die zweite Komponente ist die kluge Software WikiTrust von Forschern an der University of California, Santa Cruz. Sie zeigt an, welchen einzelnen Wörtern in dem Text des Artikels (der als Ganzes von Wiki-Watch formal bewertet wird), nicht getraut werden sollte. Diese nicht vertrauenswürdigen Wörter werden orange hinterlegt.

Wiki-Trust untersucht dazu jedes einzelne Wort in jeder Version des Artikels, prüft dessen Autor und dessen Zuverlässigkeit in Wikipedia. Ist von einem Autor aus anderen Artikeln bekannt, dass dessen Edits wieder gelöscht wurden, so erscheint auch in diesem Artikel die orange Warnfarbe. Ebenfalls orange werden relativ neue Edits hinterlegt – weil hier die Kontrollinstanz anderer Editoren noch fehlt. Erst wenn weitere Edits von erfahrenen und vertrauenswürdigen Editoren gemacht wurden, und diese keine Änderungen vornahmen, verschwindet das Orange.

Diese zusätzliche Software WikiTrust läuft mit Genehmigung der Autoren und vollautomatisch – ohne jede Einflussmöglichkeit von Wiki-Watch. (Warum Wikipedia selbst wohl diese mächtige Ergänzung nicht standardmäßig für alle Nutzer anbietet?)

Kann man – das ist ja eine der Unterstellungen – die Bewertung in Wiki-Watch manipulieren, wenn man die Artikel editiert?

Normale Edits führen in Wiki-Watchs Algorithmus praktisch nicht zu Veränderungen, weil sie, bezogen auf  die Artikellänge kaum relevant sind. Neue Quellen allerdings können schnell zu einer Verbesserung der Teilbewertung “Quellen” und damit zur Gesamtbewertung führen. Das allerdings ist auch im Interesse von Wikipedia – und unpassende neue Quellen würden sofort auffallen.

In WikiTrust führt jeder neue Edit zunächst einmal dazu, dass sich der Orange-Anteil erhöht – weil neue Einträge zunächst mit der warnenden Hintergrundfarbe erscheinen.

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Fußball-WM der Frauen: Wikipedia bietet Fakten – und einige Scherze, Wetten und Ball-PR


Gestern Abend schafften die deutschen Fußballerinnen bei der WM im eigenen Land den Durchbruch: In einem dramatischen Spiel fegten sie Frankreich mit 4:2 vom Mönchengladbacher Rasen. “Unbeschwert, treffsicher – meisterlich”, schreibt heute Spiegel Online. 16,2 Millionen Deutsche sahen im ZDF zu, jeder zweite Fernsehzuschauer des gestrigen Abends. Wikipedia erreicht nicht ganz solche Quoten. Doch auch in der Online-Enzyklopädie schnellen die Zugriffszahlen immer in die Höhe, wenn die deutsche Frauen-Nationalmannschaft spielt, gestern suchten fast 50.000 Nutzer in der deutschsprachigen Wikipedia nach harten Fakten zur WM. Am 26. Juni, dem Tag des WM-Auftakts, waren es deutlich über 50.000.

Dabei, so zeigt die Suche in Wiki-Watch, ist der Artikel zur Weltmeisterschaft zunächst mit Vorsicht zu genießen. Acht Reverts gab es in den vergangenen Tagen, acht mal wurden also vorherige Änderungen zurückgesetzt. Dies spricht für einen Edit War, eine kontroverse Auseinandersetzung um Passagen des Eintrags. Doch das Beispiel zeigt: Revert ist nicht gleich Revert, eine bestimmte Anzahl von Reverts ergibt nicht zwingend einen Edit War. Daher rät Wiki-Watch allein dazu, genau hinzuschauen, während der Artikel dennoch auf Basis der Anzahl der beteiligten Autoren (219), der Bearbeitungen (657), der angegebenen Quellen (82) und der Links zu diesem Lemma (402) durchweg mit fünf Sternen bewertet wird.

Doch der Reihe nach: Den letzten Revert gab es heute Vormittag um 10.42 Uhr. Es ging um das Spiel um Platz drei. Ein Autor hatte eingefügt, der Zweite des einen Halbfinales spiele gegen den Zweiten des anderen Halbfinales. Es gebe in einem K.O.-System nur Gewinner oder Verlierer, schrieb daraufhin ein anderer Autor, und nun heißt es Verlierer 1 spielt gegen Verlierer 2. Einen weiteren Revert gab es nur 15 Minuten früher. “Canthariz” hatte voreilig die Viertelfinal-Partien eingefügt, die am 10. Juli stattfinden werden. Doch wer in diesen Viertelfinals gegeneinander antreten wird, wird erst in den vier heutigen Partien ermittelt. “Benedikt2008″ tilgte die Änderung zwei Minuten später. Der vorherige Revert betraf die Korrektur eines Zahlendrehers im Torverhältnis des neuseeländischen Teams. Und auch zwei Tage zuvor, am 4. Juli, gab es einen Revert nach der voreiligen Behauptung “Brasilien ist auf jeden Fall Erster” der Gruppe D – was sich erst heute Abend entscheiden wird. Jeder dieser Fehler – Scherze, Irrtümer, Wetten, Vandalismus – wurden innerhalb kürzester Zeit korrigiert, ebenso wie bei vorherigen Reverts.

Ernsthafte, wie so oft in einem scharfen internen Wikipedia-Jargon geführte, inhaltliche Debatten gab es im Vorfeld der WM um die Frage, welche Sponsoren in welchem Ausmaß genannt werden sollten. Die Autoren wollten PR vermeiden und stritten um den besten Weg. Inzwischen findet sich in dem ausführlichen Artikel ein kurzer Abschnitt, der die Sponsoren aufzählt, und den Spielball “Speedcell” der WM erklärt. Diesem Wunderwerk von adidas aus Herzogenaurach ist darüber hinaus ein eigener Wikipedia-Eintrag gewidmet. Der Name der Lederkugel stehe für “Schnelligkeit, Kraft und Teamgeist”, ist darin zu lesen. Und: Das Balldesign unterstreiche die “Notwendigkeit für Gemeinsamkeit und Geschlossenheit”. Wichtige Angaben wie Wasserabsorption, Verformung und Druckverlust des Balles müssen noch ergänzt werden, einige x’e stehen im Artikel. Unabhängige Quellen des Artikels sind die Pressemeldungen von adidas und der FIFA.

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