Das ZDF-Experiment „Faktencheck“ löst heftige Debatten aus

Pünktlich zur heißen Phase des Wahlkampfes zur Bundestagswahl startet das Zweite Deutsche Fernsehen unterstützt von Wikimedia Deutschland (WMDE) das Online-Projekt „Faktencheck“ und sorgt für eine Überraschung.

Das ZDF hat die Zeichen der Zeit erkannt. Nach langem Stillstand geht der Sender den digitalen Wandel an und experimentiert mit freien Inhalten. Bei der Vorstellung des Kooperations-Projekts auf der re:publica 2013 gab es dafür viel Applaus.

Die Forderung an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Inhalte unter Creative-Commons-Lizenzen offen zugänglich zu machen, ist nicht neu (siehe hier oder hier). Erste Erfahrungen hat der NDR gesammelt. Im Rahmen eines Pilotversuchs wurden 2007 ausgewählte Beiträge des Medien-Magazins Zapp und der Satire-Sendung Extra 3 unter einer CC-Lizenz zur Verfügung gestellt. Eine Übersicht zu den CC-Videos des NDR gibt es hier. Auch die Sendung “Elektrischer Reporter“, die auf dem ZDFinfokanal zu sehen ist, bietet CC-Inhalte an. Seitdem ist wenig passiert. Auch der Sender aus Mainz geht zunächst nur kleine Schritte in Richtung freie Inhalte.

Die für die „Faktencheck“-Webseite produzierten Infografiken, Interviews und Texte werden unter der Lizenz “Creative Commons Namensnennung” (CC BY) stehen. Die Inhalte können vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden. Abwandlungen und Bearbeitungen der Inhalte sowie die kommerzielle Nutzung sind unter Nennung des Urhebers ebenfalls zulässig.

Unter die freie Lizenz fallen nach Aussage des ZDF auch Videos. Zu diesem Zweck wurde die ZDF-Mediathek durch eine Funktion ergänzt, mit der Videos unter CC-Lizenz heruntergeladen werden können.

Und wie funktioniert der eigentliche Faktencheck? Im Berliner Hauptstadtstudio des ZDF wird es bis zu zehn Redakteure geben, die Themen und Aussagen von Politikern sichten, auswählen und recherchieren. Eine Redaktion trifft also eine Vorauswahl der Fakten, die gecheckt werden sollen, vor allem um politische Einflussnahme zu verhindern.

WMDE unterstützt das Projekt, indem der Verein die ausgewählten Aussagen von Politikern in die Wikipedia-Community einbringt und die Benutzer dazu auffordert, sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Die Kommunikation zwischen Sender und Community übernimmt ein von WMDE gestellter “Wikipedian in Residence”. Die Ergebnisse des Community-Faktenchecks sollen Eingang sowohl im laufenden Programm, als auch in eigenen Sendungen finden.

Scharfe Kritik am ZDF-Deal

Doch das ZDF hat sich offenbar den falschen Partner ausgesucht: Das Projekt stößt bei der Wikipedia-Community auf wenig Gegenliebe und wird kontrovers diskutiert. Laut einer WP-Umfrage lehnt eine überwiegende Mehrheit die ZDF-Kooperation ab.

Die Gründe für die Ablehnung des Projekts sind vielfältig. Kritisiert wird vor allem, dass sich die neu erstellten Inhalte kaum für die Verwendung in der Wikipedia eignen würden. Das ZDF schmücke sich mit dem guten Ruf der Crowdsourcing-Plattform. Der Nutzen für die Wikipedia gehe gegen Null. Schlesinger sorgt sich gar um den guten Ruf der Enzyklopädie:

“Denke, dass die DE-Wikipedia ihren guten Ruf nur behalten wird, wenn sie zu allem, was staatstragend, regierungsnah und lobbyistisch ist, eine gut durchdachte und weise Distanz hält.”

Andere betonen die falsche Ausrichtung des Projekts: Fakten sollten von professionellen Journalisten überprüft werden – ein Faktencheck sei die originär journalistische Aufgabe des öffentlich finanzierten Journalismus. Wikipedianer sind nicht automatisch bessere Faktenchecker. Denn nicht jeder von ihnen hat eine völlig neutrale Grundeinstellung zu politischen Themen.

Die Empörung ist auch deshalb groß, weil WMDE über die Köpfe der Community hinweg entschieden hat. Es sei eine Frechheit von Wikimedia, “ohne jede vorherige Absprache unsere Mitarbeit feilzubieten, um sich Türen bei den Öffentlich-Rechtlichen für die eigene Propaganda zu öffnen.”, meint verärgert Benutzer:Martina Nolte.

Versuch macht klug

Die Befürworter des Crowdsourcing-Fakten-Checks vom ZDF können die Aufregung nicht nachvollziehen. “Sei mutig“, lautet ihre Parole. Die Offenheit von Wikipedia habe sie zu dem gemacht, was sie heute ist. Was spricht dagegen, sich Neuem vorbehaltlos zu öffnen, etwas Neues auszuprobieren? Schließlich ist niemand gezwungen, sich “embedden” zu lassen.

Es entstünden viele freie Inhalte, die Wikipedia gut gebrauchen kann. Einen Versuch sei es allemal wert. “Auch und vor allem, um die Freien Lizenzen tiefer im Bewusstsein der Öffentlich-Rechtlichen Anstalten zu verankern,” fügt Raymond hinzu.

Sebastian Wallroth und Jens Best, Mitglieder im Präsidium von Wikimedia, mischten sich stellvertretend für den Verein engagiert in die Diskussion ein. Sie sehen in der Wikipedia viel mehr als nur ein Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie.

Sie fordern: “Wikipedia muss erwachsen werden.” Wikipedia müsse sich als Teil von etwas Größerem verstehen und sich nicht immer nur um sich selbst drehen. Wallroth plädiert für mehr Offenheit und den Mut der Community, Verantwortung zu übernehmen:

“Da draußen sind Rechts-, Bildungs- und Wertesysteme, die mit der digitalen Revolution zurecht kommen müssen. Und wenn ein paar Wikipedianer sich aufmachen, die Welt zu ändern, dann sind sie keine Abtrünnigen, sondern Botschafter. (…) Aus der gemeinschaftlichen Erstellung der größten Wissenssammlung aller Zeiten erwächst Verantwortung, vor der man sich nicht durch das Zuhalten von Augen und Ohren verstecken kann.”

Wallroth ist überzeugt, dass die Unterstützung von freien Lizenzen, freiem Wissen und neue Arten der Zusammenarbeit notwendiger Teil des Projektes sind. Best schrieb dazu in seinem umstrittenen Kurier-Beitrag “Sei Mutig!”:

“Es hat sich einiges Gutes getan seit die Wikipedia begonnen wurde. Es wird Zeit, nicht wie eine beleidigte Glucke auf dem Erreichten zu sitzen, sondern die Wikimedia und ihre Communitys als kräftigen, streitbaren und handlungswilligen Knotenpunkt im Netzwerk des richtigen Wandels zu verstehen.”

In der anschließenden Diskussion wurden Wallroth und Best teils heftig attackiert. Die Benutzer Martin Bahmann, Kmhkmh, Aschmidt und andere kritisieren die “abgehobene” Haltung des Vereins.

Die Kernaufgabe der Wikipedia sei der Aufbau einer Enzyklopädie und nichts anderes. Die Unterstützung von freien Lizenzen, freiem Wissen und neue Arten der Zusammenarbeit seien nicht notwendiger Teil des Projektes. Mit ihrer Haltung würde sich Wikimedia immer weiter von der Community entfernen. Kmhkmh fasst es so zusammen:

“Wenn WMDE-Mitglieder beim Erwachsenwerden feststellen, das Unterhalt/Förderung von WP ihnen als primäre Aufgabe nicht ausreicht, dann sollten sie ihre Selbstfindung und weitergehenden Ziele separat von WP verfolgen (im Zweifelsfall auch in einem zusätzlichen Projekt oder gar Verein) anstatt sie bei WP draufzusatteln.”

Ist das Projekt schon vor dem Start gescheitert?

Das ZDF-Projekt musste schon vor seinem Start viel Kritik einstecken. Kann es überhaupt noch ein Erfolg werden? Kommt es darauf überhaupt an?

Die Diskussion hat gezeigt, dass Wikimedia sehr aufpassen muss, sich mit Projekten wie dem ZDF-Faktencheck nicht zu sehr von der Community zu entfernen. Viele nehmen es WMDE übel, die Arbeitskraft von Wikipedianern feil zu bieten, ohne eingehende Vorabprüfung und Meinungsbildung in der Community. Die Kritik ist verständlich.

Doch Konsens kann und wird es bei solchen Entscheidungen nicht geben. Zu jeder einzelnen Maßnahme des Vereins wird es immer ganz unterschiedliche Auffassungen geben, Widerspruch, Diskussion. Und das ist gut so, erläutert Benutzer:Lyzzy:

“Denn nur so werden die möglicherweise unterschiedlichen Perspektiven deutlich und können bei weiteren Planungen berücksichtigt werden. Das wird ja nicht ungelesen archiviert, was hier beigetragen wird. Ich möchte allerdings auch nicht diejenigen ignoriert wissen, die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen in solchen Diskussionen nicht zu Wort melden und die Arbeit von WMDE grundsätzlich gut heißen, auch wenn sie vielleicht nicht mit jeder Einzelentscheidung zufrieden sind. Wie in jeder dieser Diskussionen ist es auch hier zu einfach, die Beitragenden als “die Community” zu verkaufen (um diesen Aspekt auch mal von der anderen Seite aufzugreifen).“

Ob das Experiment des ZDF Erfolg hat, wird sich zeigen. Hoffnung besteht durchaus. Die Kooperation mit dem Bundesarchiv hat gezeigt, dass eine Zusammenarbeit mit der Wikipedia besonders dann zündet, wenn sie für die Wikipedia oder andere Wikimedia-Projekte von Nutzen sind. Noch lässt sich nicht abschätzen, was Wikipedia mit den ZDF-Daten am Ende wirklich anfangen kann.

Das Risiko für Wikipedia ist überschaubar. Wenn das Projekt scheitern sollte, wirkt sich das kaum auf die freie Enzyklopädie aus. Ein Erfolg aber bedeutet: Auch andere Sender könnten Gefallen finden am Experimentieren mit Open Content. Das alleine wäre ein großer Erfolg für das ganze Netz.

Mut zum Experiment
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Wie frei ist die “freie Enzyklopädie” wirklich?

Die Wikipedia ist ein offenes Projekt, bei dem jeder mitarbeiten darf – theoretisch. Praktisch gibt es einige Hürden. Neulingen wird der Einstieg durch eine komplizierte Textgestaltung erschwert. Bislang mussten sich Wikipedia-Autoren mit der Mediawiki-Syntax auseinandersetzen. Mit der neuen Bearbeitungsoberfläche “VisualEditor”, die seit dem 25. April 2013 im deutschsprachigen Raum als Alpha-Version zur Verfügung steht, hat sich die Situation verbessert. Doch nur wenige Autoren nutzen die neuen Möglichkeiten.

Zusätzlich sorgen strenge Regeln und bestimmte Algorithmen zur Prüfung neuer Lexikon-Einträge dafür, dass neue Autoren nicht mehr so lange dabei bleiben, heißt es in einer aktuellen Studie der Universität Minnesota. “Ironischerweise” hätten die Regeln, die eigentlich den Umgang mit der ständig wachsenden Informationsfülle erleichtern sollen, dazu geführt, dass die Flut neuer Beiträge abgeflaut sei.

Nicht jeder ist willkommen

Ein aktueller Streit zwischen der englischen Wikipedia und der University of Toronto macht ein weiteres Problem sichtbar: In der Online-Enzyklopädie ist nicht jeder willkommen.

Was war passiert? Ein Professor hatte 1.900 Erstsemester der Psychologie dazu aufgefordert, selbst ausgewählte Einträge zu fachbezogenen Themen zu verbessern. Es war nicht das erste Hochschulprojekt dieser Art: Bereits 2011 startete Prof. Steve Joordens ein Bildungsprogramm in der Wikipedia.

Der Anstoß dazu kam 2010 von der Wikimedia Foundation selbst. Die Idee hinter dem Bildungsprogramm: Professoren auf der ganzen Welt sollen Wikipedia als Lehrmittel in der Ausbildung verwenden. Die Foundation betreut derzeit vier Programme: in Brasilien, Kanada, Ägypten und den USA. Die University of Toronto war die erste kanadische Uni, die an dem Projekt teilnahm.

Steve Joordens hoffte, das Projekt würde sich für beide Seiten auszahlen: In der Wikipedia sollte das wissenschaftliche Niveau von Beiträgen zum Thema Psychologie steigen. Seinen Studenten wollte der “Professor des Jahres 2012/13” nahebringen, wie man Wissen in sozialen Netzwerken teilt.

Doch trotz der guten Absichten ging der Plan nach hinten los. Die Änderungen der Studenten wurden von den Platzhirschen des Online-Lexikons gar nicht gern gesehen. Es entbrannte eine feindselige Diskussion, deren Umfang bereits auf 55 DIN-A-4-Seiten angewachsen ist.

Die Grenzen der Wikipedia

Der Vorwurf der Wikipedianer ist immer der gleiche: Die Edits der Studenten seien schlecht oder enthalten plagiierte Texte und würden mehr schaden als nützen. User:Colin und andere forderten dazu auf, die Benutzer-Accounts und die IP-Adressen der University of Toronto zu sperren, um den “Massen-Vandalismus” zu stoppen. Einige Benutzer schreckten offenbar auch nicht vor Cyberstalking zurück. Willkommen bei Wikipedia!

Joordens – in der Wikipedia als Benutzer:WoodSnake unterwegs, verteidigt seine Studenten. Anfängerfehler seien unvermeidbar. “Massen-Vandalismus” könne er nicht erkennen: Nur in etwa 33 der 910 bearbeiteten Artikel seien gravierende Probleme aufgetreten. Warum also diese fast schon aggressive Reaktion aus der Community?

Steve Joordens, der schon seit 17 Jahren in Toronto unterrichtet, hatte sich in einem entscheidenden Punkt geirrt. Die Communitys in der Wikipedia sind wesentlich kleiner als von ihm angenommen.

Nicht ein riesiger Schwarm (“Weisheit der Vielen”) entscheidet über das Wissen der Welt. Es sind kleinere Gruppen, die sich bestimmten Themen angenommen haben und diese überwachen. Diese “Clique” ist schlicht damit überfordert, Änderungen dieser Größenordnung zu verarbeiten:

“I assumed that the current core of editors was extremely large and that the introduction of up to 1000 new editors would be seen as a positive. However, the current core of editors turns out NOT to be that large, and even if my students were bringing signal along with noise, the noise was just too much to deal with on the scale it was happening. Thus what I interpreted as a resistance to Wikipedia “immigrants” was really a resistance to the sheer number of immigrants arriving at once. I was expecting too much of the current Wikipedia community, they became annoyed and frustrated and thanks to what I now view as our mutual misunderstanding of the problem, things became heated to a point I personally found somewhat ridiculous.”

Hinzukommt ein weiterer Aspekt: Kollaborative Online-Projekte wie Wikipedia brauchen Führung. Eifrige Editoren und Adminstratoren spielen dabei die Rolle des Gatekeepers. Sie korrigieren Fehler, kämpfen gegen Vandalismus und halten so die Seiten sauber. Es ist wichtig, dass es die „Wikipedia-Polizei“ gibt.

Doch das Projekt krankt an zunehmender Machtkonzentration. Da die meisten Nutzer nur passive Leser sind, und nur die wenigsten eigene Artikel verfassen, entscheidet eine kleine Elite über die Inhalte.

Der Soziologe Christian Stegbauer, der in seinem Buch “Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation” die internen Machtstrukturen analysiert hat, beobachtete, dass es meist sehr wenige oder sogar einzelne Personen sind, die an einem Artikel schreiben:

“Wikipedia-Artikel haben oft eine Art Besitzer, also einen Nutzer, der an der Erstellung und Optimierung des Artikels maßgeblich mitgewirkt hat. Diese Besitzer schauen ganz genau hin, wenn andere Benutzer etwas in ihrem Artikel verändern. Sehr oft passt ihnen die Änderung nicht, weswegen sie rückgängig gemacht wird”, sagte Stegbauer in einem Interview für die Main-Post.

Das Beispiel aus Kanada zeigt, dass Wikipedia an seine Grenzen stößt: Immer mehr Lehrer und Professoren wollen mit der Wikipedia zusammenarbeiten.

An vielen Schulen und Unis gehört es zum Alltag, Wikipedia als Methode der Wissensvermittlung einzusetzen. Indem Schüler und Studierende Wikipedia-Artikel verfassen, werten sie Informationen auf. Ein Nutzergruppe, deren Wert kaum zu überschätzen ist, läuft Gefahr verprellt zu werden.

Lehren aus der “Mega-Class Controversy”

Steve Joordens hat aus seinen Erfahrungen gelernt. In Zukunft wird er die Anzahl der teilnehmenden Studenten deutlich reduzieren. An der Idee des freien Wissens hält Joordens nach wie vor fest. Er ist überzeugt: “We are bringing new editors into Wikipedia.

“Of those students who did do the Wikipedia editing assignment, 32% continue to edit Wikipedia articles after the course was over. In fact, in total, 910 articles were edited for grades, and 530 were edited thereafter by students who became interested in editing Wikipedia articles.”

“I would love to continue to run these assignments because, from my perspective, they provide a great learning experience for students and they benefit Wikipedia.”

Fazit: Wissenschaftliche Erkenntnisse sind für die Wikipedia unerlässlich. Um Wissenschaftler, Studierende und Schüler für eine langfristige Mitarbeit zu gewinnen, müssen die Einstiegshürden weiter abgebaut werden.

Dazu müssen die Machtstrukturen innerhalb der Online-Enzyklopädie reformiert werden. Beim Umgang mit großen Gruppen fehlt vielen Autoren die nötige Erfahrung, oft auch die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Wichtig ist ein respektvoller Umgangston.

Unser Beispiel zeigt, dass die Beziehung zwischen Wissenschaft und Wikipedia nicht konfliktfrei ist. Die Brücke zu einer produktiveren Kollaboration ist gegenseitiges Kennenlernen und Verständnis.

Vor diesem Hintergund ist es sehr bedauerlich,  dass die Wikimedia Foundation die bisherigen Bildungsprogramme, beispielsweise für Schulen und Universitäten, nicht mehr fortführen wird.

Zur Begründung hieß es knapp: “Keines der bisherigen Programme erwies sich als der durchschlagende Erfolg, den wir uns gewünscht hätten.” So werden mühsam aufgebaute Strukturen auf Spiel gesetzt.

25 April
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Auf Wikimedia Commons lagern Hunderte Pornobilder

Mit der Idee, eine unabhängige, frei zugängliche und nicht kommerzielle Enzyklopädie zu entwickeln, hat Wikipedia die uralte Tradition des Austauschs von Wissen in das digitale Zeitalter überführt. Doch was haben Hunderte Pornobilder im freien Medienarchiv Wikimedia Commons mit der Mission des Wissensaustauschs zu tun?

Wales: “Wir waren kurz davor, in sämtlichen Medien beschuldigt zu werden, harte Pornografie zu verbreiten und nichts dagegen zu tun.”

2010 sorgte der Porno-Streit für Wirbel in der Wikipedia-Community. Jimmy Wales hatte ungefähr 400 Fotos mit erotischen Motiven – darunter Bilder von Intim-Piercings, Pornostars, Zeichnungen von Sexualpraktiken, aber auch historische Kunstwerke z.B. von Martin van Maële – löschen lassen, um damit eine seit längerem dauernde Diskussion auf eigene Faust zu beenden. Der Wikipedia-Gründer sorgte sich um das saubere Image des Online-Lexikons.

Auslöser des “Cleanup Projects” war Wikipedia-Mitgründer Larry Sanger, der auf einer Mailingliste erklärte, dass er die Wikimedia Foundation wegen der Verbreitung von Kinderpornografie beim FBI angezeigt habe. Sanger störte sich besonders an Zeichnungen minderjähriger Mädchen in Erotik-Posen, sog. Lolicons.

Wales unterschätzte die Reaktion der Community auf die Löschaktion. Durch den “Eingriff von oben” fühlten sich viele Wikipedianer vor den Kopf gestoßen. Etliche Benutzer warfen ihm vor, seine Machtstellung missbraucht zu haben. Eine Petition gegen Jimmy Wales war die Folge. “Jimbo” zog Konsequenzen: Er entschuldigte sich für seine Hauruck-Aktion und gab einige Sonderrechte zurück.

Die Situation heute: pornografische Bilder en masse

Was hat sich seit 2010 geändert? Wer die richtigen Suchbegriffe eingibt, erhält Zugang zu einer sehr umfangreichen Sammlung freizügiger Bilder. Drei Schritte genügen, schon lassen sich Hunderte Bilder von (erigierten) Penissen und Vaginas auf Wikimedia Commons betrachten.

Wie viele Ejakulationen sind nötig für den Bildungsauftrag der Wikipedia? Die wievielte Masturbation muss man gesehen haben, um das Prinzip zu verstehen? Sind mehrere Dutzend pornografische Flickr-Fotos (überwiegend Fotos von jungen Prostituierten aus Afrika und Thailand) erforderlich, um das Schaffen des niederländischen Fotografen Peter Klashorst zu illustrieren?

Nach Ansicht von Michael Snow – damals Vorsitzender der Foundation, heute im Experten-Netzwerk – haben die Wikimedia-Projekte bildenden Charakter. Es gibt darin keinen Platz für Material, das keinen bildenden oder informativen Wert hat:

“(…) The Wikimedia projects are intended to be educational  in nature, and there is no place in the projects for material that has  no educational or informational value.”

So steht es auch in der Nudity-Richtlinie von Wikimedia Commons. Ziel des Medienarchivs ist es, realistische Medien für pädagogische Zwecke zur Verfügung zu stellen. Commons ist keine Amateurporno-Website (COM:PORN).

Jenseits der Schamgrenze

Doch warum werden die zahlreichen pornografischen Privatfotos nicht gelöscht? Wird die Sache nicht ernst genug genommen? Kommen die Mitarbeiter des 2010 eingeführten Sichtungsverfahrens nicht hinterher?

Es ist nicht einfach zu entscheiden, welche Medien bildenden Charakter haben und welche nicht. Auch muss zwischen Porno und Pornografie in der Kunst unterschieden werden. Auch das ist nicht immer einfach. Nicht jedem kann man es dabei recht machen. Denn jeder von uns hat eine andere Schamgrenze.

Doch zu viele der oben erwähnten Beispiele sind jenseits der Schamgrenze. Schadet es der Qualität der Wikimedia-Projekte, wenn solche Bilder gelöscht werden? Wird dadurch freies Wissen beschränkt?

Die Reaktion der Community auf das “Cleaning” anno 2010 ist verständlich. Jimmy Wales hätte zu einer Diskussion aufrufen müssen, bevor er den Löschbutton drückt.

Doch offenbar war Wales der Macht des US-Sender Fox News nicht gewachsen. Das Oberhaupt der freien Enzyklopädie fürchtete sich vor weiteren negativen Berichten. Sein Kalkül: Statt über Pornografie in der Wikipedia würde Fox News nun über die Aufräumaktion berichten. Der Plan ging auf. Doch der Preis war hoch: Wales brach mit dem Grundgedanken der Wikipedia, die Entscheidungsgewalt in die Hände der Community zu legen.

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Anonymität im Netz: Wie das Outing von “Russavia” einen Aufschrei auslöste

Aka, Rr2000 oder Kresspahl – anstelle des bürgerlichen Namens benutzen Editoren in der Wikipedia regelmäßig Pseudonyme. Das Recht auf Pseudonymität und Anonymität im Internet dient dem Schutz ihres Persönlichkeitsrechts. Niemand soll gezwungen sein, seinen wirklichen Namen zu nennen.

In § 13 Abs. 6 Telemediengesetz heißt es dazu: “Der Diensteanbieter hat die Nutzung von Telemedien und ihre Bezahlung anonym oder unter Pseudonym zu ermöglichen, soweit dies technisch möglich und zumutbar ist. Der Nutzer ist über diese Möglichkeit zu informieren.”

Dennoch kommt es vor, dass Benutzer ihre Daten selbst preisgeben, oder ihre Klarnamen auf andere Weise bekannt werden. Rechtlich problematisch sind diejenigen Fälle, in denen ein Benutzer außerhalb der Wikipedia selbst hinreichende Hinweise auf seine Identität gibt. Seltener ist das klassische “Outing”, bei dem der Klarname eines Wikipedia-Benutzers oder sonstige Hinweise auf seine Identität ohne seine ausdrückliche Erlaubnis preisgegeben werden. Das “Outing” eines Benutzers verstößt nicht nur gegen die Wikiquette. Wird das Persönlichkeitsrecht auf diese Weise verletzt, stehen dem Verletzten Unterlassungs- oder Schadenersansprüche zur Seite.

Lange war das “Recht auf Anonymität” kein großes Thema in der Community. Doch plötzlich ist das „Outing“ (siehe: Posting of personal information) wieder in der Diskussion und hat geradezu einen lawinenartigen Aufschrei in der englichen Wikipedia ausgelöst.

Wikipediocracy, Cla68 und das Outing von Russavia

Die Geschichte begann mit einem Posting von Cla68 auf der Diskussionsseite von Sue Gardner (Posting wegen Wikipedia:Oversight nicht mehr sichtbar). Dort bat der Benutzer die Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation um eine Stellungnahme zu einem Beitrag auf Wikipediocracy, der sich kritsich mit dem Wirken eines Wikipedianers innerhalb und außerhalb der Wikipedia außeinandersetzt. In dem Artikel wird der Klarname des Benutzers veröffentlicht: Scott Bibby alias Russavia.

In dem Bericht werden hochbrisanten Details aus dem geschäftlichen Leben des WP-Admins aufgedeckt. So soll Russavia einen Artikel des Chanel-Ablegers “Coco Mademoiselle” manipuliert haben, um die auf seinen Vater zugelassene Parfum-Vertriebsfirma zu promoten. Unter dem eBay-Account “russiansafetycards” soll der Flugzeugliebhaber Kunden geprellt haben, indem er gekaufte Safety Instruction Cards nicht an die Käufer verschickte.

Bedenklich sind Russavias aufhetzerisch-nationalistischen Statements zur Internet-Meme „Polandball“ (Lemma gelöscht), für die der selbsternannte „Russophile“ für zwölf Monate gesperrt wurde (die Sperre ist inzwischen aufgehoben). Aber auch durch chauvinistische Äußerungen zum Thema sexuell eindeutige Bilder auf Wikimedia Commons fiel Russavia negativ auf.

Sperre, Oversight, Entsperrung, erneute Sperre

Die Verlinkung des Wikipediocracy-Beitrags auf der Diskussionsseite von Sue Gardner blieb nicht folgenlos: Zweiundzwanzig Stunden später wurde Cla68 durch den Benutzer: Beeblebrox wegen des vermeintlichen “Outings” von Scott Bibby auf unbestimmte Zeit gesperrt. Cla68 – seit Januar 2006 in der Wikipedia aktiv – war nicht bereit, diese drastische Maßnahme hinzunehmen. Er habe nur das bekannt gemacht, was im Internet oder auf öffentlichen WMF-Mailinglisten (z.B. hier und hier) ohnehin schon bekannt war. In seiner Erklärung verteidigt er sich entschieden:

“[Person] has publicly self-identified as [link to off-site page outing person|real name]. On a further note, Beeblebrox did not give me any detail on where the outing occurred. I had to look at [second off-site thread outing person] to find out why, because I knew that [person]‘s real name ([real name]) was publicly acknowledged and couldn’t figure out what Beeblebrox was going on about. — User:Cla68″

Doch die Erklärung, in der Russavias Klarname erneut zu lesen war, wurde Cla68 abermals als “Outing” ausgelegt. Ein weiterer Versuch, die Sperre rückgängig zu machen, endete schließlich damit, dass ihm der Zugang zur eigenen Diskussionsseite entzogen wurde – Cla68 wurde praktisch mundtot gemacht.

Von nun an war die Diskussion – über 100.000 Zeichen und noch kein Ende – nicht mehr aufzuhalten. Die Debatte rollte wie ein Schneeball durch die Wikipedia und machte auch vor Benutzer:Kevin nicht halt. Der eigensinnige Wikipedianer wagte es, die Sperrung von Cla68 ohne Hinzuziehung des Schiedsgerichts aufzuheben, was zum Entzug seiner Admin-Rechte (permanent!) und zu einer weiteren, noch größeren Debatte führte.

Praktisch mundtot: Eine Beleidigung der Gerechtigkeit

War es gerecht, Cla68 auf unbestimmte Zeit zu sperren? Darf ein Benutzer von der Diskussion auf der eigenen Diskussionsseite ausgeschlossen werden? Für Benutzer:Kevin lautet die Antwort: nein. Auf Examiner.com erklärt er sein unübliches Verhalten so:

“One of the policies of Wikipedia is that blocking is only used to prevent disruptive edits, so once the threat of disruption was removed, the block became unnecessary. The other reason [for unblocking] is that [Cla68] was blocked from responding on his own talk page. All the while, discussion raged on that page about what should be done with him, of course he was unable to respond. I find this situation offends my sense of natural justice, and is one of the more obnoxious aspects of Wikipedia.”

Benutzer:Beeblebrox hingegen argumentiert mit der Privatsphäre des Betroffenen, ohne jedoch zu berücksichtigen, wie sich der Betroffene selbst auf Websiten außerhalb der Wikipedia verhalten hat. Dem internen Nachrichtenblatt der englischen Wikipedia-Gemeinschaft “Signpost” sagte der Power-Admin (58.200 Edits, 2.234 Sperrungen):

“Whether the information is available on some other website is not the point – there has never been such an exception to the outing policy. Each of us has the right to choose not to use our real name on Wikipedia regardless of whether or not we tie [our] account name to our real name elsewhere.”

Im Spannungsverhältnis: Privatsphäre und selbstgewählte Öffentlichkeit

Doch wie soll im Einzelfall Gerechtigkeit hergestellt werden, wenn das Verhalten des Betroffenen völlig außer Acht bleibt? Cla68 dazu in der Signpost:

“Each individual Internet user is responsible for their own privacy. If someone is at least making an effort to be private, then Wikipedia should try to help them … however, the editor in question was not making much effort … to protect his privacy. In that case, it makes Wikipedia’s administration look very foolish to act like a serious violation of privacy had occurred.”

Doch die “WP:OUTING“-Policy ist streng. Ein Posting von persönlichen Informationen ist in der englischen Wikipedia generell untersagt. Der Schutz der Privatspäre steht im Vordergrund.

“Posting such information about another editor is an unjustifiable and uninvited invasion of privacy and may place that editor at risk of harm outside of their activities on Wikipedia. (…) Attempted outing is grounds for an immediate block.”

Wie das Beispiel von Wikipediocracy zeigt, kann eine solche Regelung jedoch zu sehr widersprüchlichen Ergebnissen führen:

“Suppose some clown named Pinto Colvig joins Wikipedia, creating the User name “Bozo Rules”. Now, suppose Pinto never publishes on Wikipedia his real name; on Wikipedia he always goes by Bozo Rules. Next, let’s say Pinto writes a letter to the editor of The New York Times, documenting his experiences as “Bozo Rules” on Wikipedia. The letter is “signed, Pinto Colvig”, and it gets published in the newspaper and is read by millions of readers. The next day, several Wikipedians who are fans of Pinto Colvig might be found chatting with each other on their Talk pages on Wikipedia — “Hey, did you know that User:Bozo Rules is actually Pinto Colvig? I read his letter to The New York Times!” Those editors would be in violation of Wikipedia’s policy, and they would be subject to an immediate block.”

Die Ironie der Geschichte: Jetzt weiß jeder, wer Russavia ist

Die “WP:OUTING”-Policy steht in der Kritik. Auf der Dikussionsseite wird die nahe liegende Frage aufgeworfen: “Is it ‘outing’ if one’s Wikipedian account and real-name connection is publicly known?”

Die überzogenen Sanktionen gegen Benutzer:Cla68 und Benutzer:Kevin haben jedenfalls ihr Ziel verfehlt. Sie dienten dem Schutz der Anonymität von Russavia. Erreicht haben sie das genaue Gegenteil: Jetzt weiß jeder, wer Russavia ist!

ne of the policies of Wikipedia is that blocking is only used to prevent disruptive edits, so once the threat of disruption was removed, the block became unnecessary. The other reason [for unblocking] is that [Cla68] was blocked from responding on his own talk page. All the while, discussion raged on that page about what should be done with him, of course he was unable to respond. I find this situation offends my sense of natural justice, and is one of the more obnoxious aspects of Wikipedia.
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Artikel auf Bestellung: Wie “Paid Editing” Wikipedia verändert

Der durchschnittliche Leser, so das OLG München in seinem Urteil vom 10. Mai 2012, erwartet entsprechend dem Selbstverständnis von Wikipedia – neutrale und objektive Information und keine Wirtschaftswerbung.

Dennoch sind Unternehmenseinträge in der Wikipedia nicht von vornherein untersagt. Denn anders als beispielsweise Benutzer:Gnom in seinem Beitrag für den Wikipedia:Kurier glaubt, dürfen Unternehmen unter Angaben von Quellen in eigenen Angelegenheiten Wikipedia-Beiträge erstellen oder ergänzen, sofern dies unter Nennung des Unternehmens und nicht anonymisiert oder verdeckt erfolgt, damit der Nutzer den Beitrag richtig werten kann.

Nicht jeder Edit eines Unternehmens stellt einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht dar und ist damit Schleichwerbung, die Unterlassungs- und Schadensersatzansprüche von Mitbewerbern und Verbrauchern auslöst. Ein Verstoß gegen § 4 Nr. 3 UWG ist nur dann gegeben, wenn der “kommerzielle Zweck der Geschäftspraxis nicht kenntlich gemacht wird (Rz. 11)“.

Dabei sein ist alles

Marketing – oder besser – Public Relations (“PR”) ist auf Wikipedia unter bestimmten Voraussetzungen also erlaubt. „Paid Editing“ verstößt auch nicht gegen die Grundprinzipien von Wikipedia. So ist es nicht verwunderlich, dass Firmen wie Sucomo (“Wir machen freies Wissen“) oder Optibit (“Präsentieren in Wikipedia“) gegen Bezahlung Inhalte in der Wikipedia überwachen, Fehler beseitigen und sogar ganze Artikel maßgeschneidert für Unternehmen verfassen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Keine Enzyklopädie wird weltweit mehr genutzt als das Online-Nachschlagewerk. Fast jeder kennt Wikipedia. Ein großer Teil vertraut ihr uneingeschränkt. Wer neutrale Informationen sucht, geht oft als erstes zu Wikipedia. Das macht die Enzyklopädie für Unternehmen besonders reizvoll.

Risiken und Nebenwirkungen

Dass Wikipedia nicht als reine Werbeplattform missbraucht werden sollte, musste erst kürzlich die Stadt Köln schmerzhaft erfahren. Die Stadtverwaltung gab nach kritischen Presseberichten zu, dass eine PR-Agentur aus Österreich in ihrem Auftrag geschönte Texte zur Archäologischen Zone in die Internet-Enzyklopädie eingestellt hat. Der Artikel zum umstrittenen 52-Millionen-Euro-Projekt war reine Werbung – ausschließlich positiv und ohne jede Kritik, was auch innerhalb der Wikipedia-Community schnell auffiel. Doch nicht jede Agentur geht derart dilettantisch vor wie die Firma aus Graz. Viele hochspezialisierte Social Media Experten kennen Wikipedia und ihre Regeln sehr genau. Sie wissen: Wer statt neutraler Inhalte plump Werbung in Wikipedia platziert, hat schnell einen schlechten Ruf.

Sparkassen, Mercedes, HanseMerkur und Otto Group

Um die nötige Transparenz herzustellen und Missbrauch zu verhindern, arbeiten viele Unternehmen mit verifizierten Benutzern. Die Benutzerverifizierung gibt Autoren, die im Auftrag eines Unternehmens in der Wikipedia mitschreiben, die Möglichkeit, ihre Identität gegenüber der Community zu beweisen. Ohne ein verifiziertes Konto könnte theoretisch jeder im Namen eines Unternehmens an Artikeln arbeiten. Zu den Unternehmen, die mit einem verifizierten Benutzer in der Wikipedia arbeiten, zählen viele namhafte Marken. Mit Microsoft Deutschland ist auch einer der ganz großen Software-Konzerne dabei.

Kooperation statt Konflikt

Die Wikipedia-Gemeinde ist beim Thema “Paid Editing” weit weniger gespalten als vermutet. Nur wenige sagen: “Bezahlte Artikel, nein danke!” Die Mehrzahl setzt auf Kooperation mit bezahlten Schreibern. Wohl auch, weil sie ahnen, dass sich die professionelle Wikipedia-Beratung einschließlich Edit-Dienstleistungen in einem offenen System kaum wird verhindern lassen. Im Gegenteil: die Nachfrage nach solchen Leistungen wird weiter wachsen.

Benutzer:Hubertl fordert deshalb zum Umdenken auf. Geht es nach ihm, sollten die Wikipedianer aktiv auf zukünftige Artikelschreiber zugehen. Gewinnen würden dabei beide Seiten: Wikipedia-Mentoren sollen die Profi-Autoren beim Schreiben regelkonformer Beiträge unterstützen. Als Gegenleistung liefern die Unternehmen Bilder, Daten und andere Informationen, die sonst – beispielsweise über die Medien – nicht verfügbar sind. Diese Form der Zusammenarbeit hätte weitreichende Folgen. Benutzer:Dirk Franke, der die Diskussion über “Paid Editing” in der Wikipedia erst richtig ins Rollen brachte und ein Community-Projekt zu diesem Thema mit einem Budget von 81.270 Euro leitet (Kritik dazu hier) , kann diesem Vorschlag nicht viel abgewinnen:

“Meines Erachtens ist es schon was anderes, verwirrten Hobbywikipedianern zu helfen oder Leute dabei zu unterstützen, geschäftlich tätig zu sein. Bei zweiterem hätte ich ja eher wenig Lust – kann sein, dass es den Mentoren anders geht, aber zumindest für selbstverständlich würde ich das nicht halten.”

Auch für Benutzer:Aschmidt ist Kooperation keine Lösung. Für ihn gefährden kommerzielle Schreiber schon heute die Glaubwürdigkeit von Wikipedia:

“Wenn sich das noch mehr ausbreitet, wird irgendwann die ganze Wikipedia zwar nicht werbefinanziert, aber voller direkter Werbung sein, weil es dann im Extremfall nur noch ‘Werbeartikel’ geben wird, die von Honorarkräften geschrieben werden. Das gefährdet den Charakter des Projekts, und die Kommerzialisierung wird wahrscheinlich langfristig dazu führen, dass sich die meisten Autoren davon abwenden. Im Extremfall besteht die Community am Ende zum größten Teil aus Lohnschreibern. (…) Bei Wikipedia kann eben nicht jeder mitschreiben. Wir wollen hier keine Vandalen, keine Nazis und sonstige Rassisten oder Sexisten, keine qualitativ miesen Beiträge, aber eben auch keine Lohnschreiber. Hierzu bräuchten wir dringend ein Meinungsbild.”

Quo vadis, Wikipedia?

Wikipedia steht vor einem großen Problem. Tausende freiwillige Helfer haben Wikipedia zu dem gemacht, was sie heute ist – zur größten und wichtigsten Enzyklopädie der Welt, in der das Menschheitswissen zusammengetragen und von jedem, der es nutzt, korrigiert werden kann. Die Vision von Gründer Jimmy Wales: “Stell Dir eine Welt vor, in der das gesamte Wissen der Menschheit jedem frei zugänglich ist. Das ist unser Ziel.” Diese Vision erst schafft die Motivation mitzumachen und das ehrenhalber und umsonst. Doch bezahlte Profi-Schreiber schaffen eine ganz neue Konkurrenzsituation für die vielen Freiwilligen. Benutzer:H-stt, der unverhüllt von “Hochverrat am Projekt” spricht, bringt es auf den Punkt:

“Ich arbeite aber nicht ehrenamtlich in einem Feld, in dem Bezahlte mit mir konkurrieren. Das bedeutet, dass ich in diesem Fall sehr, sehr schnell das Projekt verlassen würde und mir einen anderen Lebensbereich für mein Ehrenamt suchen werde. Vielleicht wieder Naturschutz, vielleicht Seniorenbetreuung oder irgendwas dazwischen. Bezahlte Autoren grundsätzlich willkommen zu heißen und als ‘normale’ Autoren anzusehen, ist daher aus meiner Perspektive nicht einfach Ketzertum, sondern Hochverrat am Projekt.”

Die Community steckt in einer Zwickmühle. Sie kann die “feindliche Übernahme durch das Kapital“ (Benutzer:Aschmidt) hinnehmen bzw. auf Kooperation setzen. Diejenigen Benutzer, die “Paid Editing” jedoch ganz ablehnen, bleibt letztlich nur die Möglichkeit, Wikipedia den Rücken zu kehren. Das hätte fatale Folgen für das Mitmach-Lexikon, das ohnehin schon mit einem massiven Autorenschwund zu kämpfen hat.

Doch muss das wirklich sein? Ist “Paid Editing” wirklich so schlimm? Psychologisch ist die Reaktion der Wikipedianer, die bezahlte Inhalte ablehnen, nachvollziehbar. Bezahltes Schreiben ist ein Motivations-Killer für ehrenamtliche Autoren. Wer will schon umsonst schreiben, während andere für ihre Leistungen fürstlich bezahlt werden? Es geht letztlich um das Selbstverständnis der Wikipedia-Community.

Doch tatsächlich ist Wikipedia keine durchweg “seriöse” Plattform, in der Themen immer sachlich dargestellt werden und der persönlichen Standpunkt des Wikipedia-Autors außen vor bleibt. Das ist eine Wunschvorstellung. Vielmehr ist Wikipedia eine von vielen Einzelinteressen verzerrte Wissensansammlung. Benutzer:MB-one sieht das ähnlich:

“Die Idee, dass eine bestimmte Motivation (Geld) böse, alle anderen (Interesse, politische Ansichten, Weltanschauung, Langeweile) aber gut sind, halte ich für abwegig. Was wir also brauchen ist a) Regeln: ‘wer darf was (nicht)?’; und b) Aufklärung (nach außen und innen): ‘was erwartet einen potentiellen Lohnschreiber hier?’/'was bringt mir als Firma/Künstler/Behörde/NGO/Institution ein ein Wikipediaeintrag?’/'darf man dies oder das hier schreiben/löschen?’. Dadurch, denke ich, dass verunsicherte Teile der Community zum Bleiben bewogen werden können, aber auch eine Gefährdung des Projekts durch bezahlte Aktivitäten ausgeschlossen werden kann.“

Entscheidend ist, was hinten herauskommt

“Paid Editing” ist nicht mehr aufzuhalten. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Denn durch diese Form der Partizipation kann die Qualität von Wikipedia sogar verbessert werden. Nur darf dabei die Glaubwürdigkeit nicht auf der Strecke bleiben. Unternehmen, die Wikipedia-Artikel schreiben lassen, müssen auf werbliche Aussagen verzichten. Sie müssen sich auf lexikalische Information beschränken. Und sie müssen sich verpflichten, ihr Wissen mit der Gemeinschaft zu teilen. Jeder muss die Möglichkeit haben, diese Inhalte weiter zu nutzen. Entscheidend ist, was hinten herauskommt.

Für die Qualität eines Artikels ist es unerheblich, ob ihn jemand in seiner Arbeitszeit oder in seiner Freizeit geschrieben hat. “Das Schöne am Wissen im Gegensatz zum Kuchen ist, es wird durch Teilen mehr”, schreibt Benutzerin:Barbara Fischer.

Das Wikipedia-Prinzip lautet: “Jeder kann mitmachen.” Die Motivation ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist vielmehr, ob die Beiträge sinnvoll sind oder nicht. “Paid Editing” ist keine Einbahnstraße. Autoren, die gewerblich in der Wikipedia tätig sind, können nur dann im Sinne ihres Auftraggebers erfolgreich sein, wenn ihre Beiträge nicht revertiert werden, also stehen bleiben. Um das zu erreichen, müssen sie sich an die Wikipedia-Grundsätze halten. Wikipedia braucht professionelle Autoren, die gute Arbeit leisten.

Fazit:

Das Editieren von Wikipedia-Artikeln durch Autoren, die Wikipedia nicht aus Idealismus, sondern zum eigenen finanziellen Vorteil bearbeiten, ist eine der großen Herausforderungen der Wikipedia. Professionelle Autoren unterliegen einer Doppelfunktionen: Sie arbeiten für und im Sinne ihres Auftraggebers, müssen sich aber gleichzeitig als Teil der Wikipedia-Community verstehen – eine Gratwanderung, die nicht jedem PR-Profi gelingt. Aber auch unbezahlte ehrenamtliche Autoren können einem Interessenkonflikt unterliegen und tun das auch. Was Wikipedia braucht, sind Mitarbeiter, die solche Konflikte frühzeitig erkennen und lösen. Doch genau hier liegt das Problem. Wikipedia fehlen zunehmend Freiwillige, die sich dieser häufig frustrierenden (Fleiß-)Arbeit annehmen. Das Problem sind also weniger die “Lohnschreiber”, sondern das drohende Ungleichgewicht, das durch den kontinuierlichen Autorenschwund entsteht.

Anmerkung: In der Wikipedia wird derzeit darüber diskutiert, eine neue Benutzergruppe für bezahlte Benutzer einzuführen. Die jetzige Kategorie “Verifizierte Benutzer” reiche nicht aus.

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Mehr Demokratie wagen: warum Wikipedia Reformen braucht


Wikipedia ist eine Wissensmacht, die sich kaum noch wegdenken lässt. Doch Lobbyismus, Machtmissbrauch durch Administratoren, männliche Dominanz und quälende Relevanzdebatten (jüngst: Löschdiskussion zum RaumZeitLabor) haben bei der erfolgsverwöhnten Online-Enzyklopädie deutliche Schrammen hinterlassen. Während die Popularität bei den Lesern immer weiter wächst, hat die Wikipedia in den vergangenen Jahren kontinuierlich Autoren verloren. Im Rekordjahr 2007 schrieben im Durchschnitt 85.110 Personen für das Online-Lexikon, 2012 sind es nur noch noch rund 69.108, was im Vergleich etwa 16.000 Personen weniger sind. Eine aktuelle Studie der Universität Minnesota gibt der Einführung neuer Regeln zur Qualitätskontrolle und bestimmten Algorithmen zur Prüfung neuer Lexikon-Einträge die Schuld dafür, dass neue Autoren nicht mehr so lange dabei bleiben:

“This paper presents data that show that several changes the Wikipedia community made to manage quality and consistency in the face of a massive growth in participation have ironically crippled the very growth they were designed to manage. Specifically, the restrictiveness of the encyclopedia’s primary quality control mechanism and the algorithmic tools used to reject contributions are implicated as key causes of decreased newcomer retention. Further, the community’s formal mechanisms for norm articulation are shown to have calcified against changes – especially changes proposed by newer editors.”

Wikipedia und Demokratie – Herrschaft der Verdienten?

Doch nicht nur die Einführung neuer Regeln ist Schuld am Autorenschwund: Ein Blick auf die Leserkommentare zu Artikeln, die sich mit dem Autorenschund befassen, zeigt ein weiteres gravierendes Problem auf: die Macht und Selbstherrlichkeit einiger Administratoren:

Es sind bei weitem nicht alle, die zu den Problem-Admins zu zählen sind, doch diese wenigen, die zu diesem Kreis gehören haben das Projekt mittlerweile so weit unterwandert, dass die anständigen Admins lieber schweigen oder sich gar gänzlich von WP zurückziehen. Der Selbstreinigungsprozess funktioniert nicht mehr und daher laufen WP auch die Autoren davon.“, schreibt ein Kommentator zu einem Artikel der Online-Ausgabe der taz. Ein anderer kritisiert: “‘Geschlossene Gesellschaft’ ist der gefundene adäquate Ausdruck dafür. Es wurde nie eine ausreichende Balance zwischen den Interessen der Autoren und der Administration gefunden. Der Verfasser von Artikeln wurde scheinbar zum gemaßregelten Schreiber-Knecht ohne eigene Rechte degradiert. Diesem Ruf der Geringschätzung der Autoren ist schwer noch beizukommen.

Ähnlich sehen es FAZ-Leser. Ein Beispiel: “Wer versucht, einen Artikel zu schreiben, der den selbsternannten Schiedsrichtern bei Wikipedia nicht gefällt, der wird sein blaues Wunder erleben.

Auch Leser der Wochenzeitung Die Zeit sehen die Rolle der Admins äußerst kritisch: “Die Selbstherrlichkeit vieler Moderatoren schadet Wikipedia mehr als ein paar ‘irrelevante’ Einträge es je könnten.” Ein Aussteiger schreibt: “Es war wie ein Verein, der seine Traditionen mit unbedingtem Willen erhalten wollte. Wie dieser Führungsclub zustande kam, wie er arbeitet, das blieb undurchsichtig. (…) Wer mitarbeiten wollte, musste sich erst beweisen, auch indem er eine Sprache lernte und eine Meinung übernahm. Wikipedia war zu einem elitären Projekt verkommen, die Administratoren fühlten sich als Herren im Haus – was ich bei einem so offenen und scheinbar demokratischen Projekt irritierend finde. Wer jedoch dagegen etwas sagte, wurde gesperrt. Dann ist man eben ein Troll.

Fehlende Legitimation als Demokratiedefizit

Und tatsächlich liegen die Machtpositionen bei Wikipedia fast komplett in den Händen einer überschaubaren Personengruppe. Derzeit entscheiden 267 Admins über das Löschen von Seiten oder das Sperren von Benutzern. Diese relativ kleine Gruppe ist jedoch kaum legitimiert. Es gibt wenig nachvollziehbare Strukturen, kaum gegeneinander abgrenzbare Verantwortlichkeitssphären. Wie in de:Wikipedia:Machtstruktur nachzulesen ist, herrscht neben demokratischen Elementen eine Art Meritokratie, eine “Herrschaft der Verdienten”. In das Admin-Amt werden vorzugsweise Benutzer berufen, die besonders engagiert an der Wikipedia-Projektarbeit beteiligt sind und die im Zuge der projektinternen Kommunikation deutlich mehr Unterstützer als Gegner gefunden haben. Weder vor noch nach der Wahl sind Admins verpflichtet, sich in ganz bestimmten Bereichen der Projektarbeit zu engagieren. Jeder Admin bestimmt über sein konkretes Engagement selbst. Dies führt zu einer weitgehenden Beliebigkeit der Aufgabenerfüllung. Wer einmal im Amt ist, kann schalten und walten wie er will. Da Administratoren unbefristet amtieren, können “Problem-Admins” nur durch spezielle Abwahlverfahren ihres Amtes enthoben werden. Doch auch hier werden die intransparenten Einflussstrukturen wirksam, die zu einer Art “Oligarchie der besonders Engagierten” führen:

“Wer die mehrheitliche Unterstützung der Kollegen hat, kann einem Abwahlantrag relativ ungefährdet entgegensehen. Die bisherigen Abstimmungen in der deutschsprachigen Wikipedia (v. a. Meinungsbilder und Adminkandidaturen) hatten stets eine sehr begrenzte Beteiligung zwischen 50 und 350 Stimmen (…). Bei 7000 regelmäßig in der deutschsprachigen Sektion der Wikipedia mitarbeitenden Benutzern bietet sich für diese Relation der Begriff einer Oligarchie der besonders Engagierten an.”

Die “meist gehasste Person in Wikiland” und mittlerweile gesperrte Benutzerin “Quellnymphe” kommt zu dem Schluss:

“Es kann nicht gleichzeitig eine Oligarchie oder eine Diktatur und eine Demokratie herrschen. Pluralistische und totalitaristische Konzepte schließen einander aus. An diesem theoretischen Widerspruch krankt Wikipedia. Man kann nicht eine freie Enzyklopädie propagieren, aber einen diktatorischen Kontrollmechanismus installieren, der das Ganze überwölbt.“

Weiter schreibt die Autorin:

“Ich bin für geregelte Beweisverfahren. Ich bin für eine überprüfbare und kontrollierte Ausübung der Administrationsfunktionen durch die Gemeinschaft der Autoren und Leser. Daran, dass die Wahrheit durch Abstimmungen gefunden wird, glaube ich nicht. (…) Manipulationen der Administratoren im Vorfeld darf es nicht geben und eine Lenkung der Diskussion durch Löschung ungenehmer Ansichten irgendwelcher ‘Verdächtigten’ muss rigoros geahndet werden. Administratoren sind nicht für Inhalte zuständig, sondern nur für den geregelten Verfahrensablauf. Auf Meinungs- und Diskussionsseiten haben sie für die Inhalte keinerlei Zuständigkeit. Dort hat die Gemeinschaft der Abstimmenden das Sagen. Zensur darf nicht stattfinden.  (…) Es werden die Meinungen und Ansichten behindert und gelöscht, die den Administratoren zu unbequem sind. Kritik gilt als querulatorisch, wenn sie die Macht der Administratoren unterminiert. In der Machtfrage geht das Kartell der Oligarchen knallhart zur Sache, da wird gesperrt und gelöscht ohne Rücksicht auf Verluste.“

Demokratie in einer Internet-Gemeinschaft

Wikipedia ist ein offenes System, an dem jeder mitarbeiten kann. Die Teilnahme erfolgt in der Regel anonym. In der Wikipedia handeln nicht natürliche Personen, sondern Benutzeraccounts. Wer hinter einem Account steht, ist unbekannt. Ein Teilnehmer kann sowohl unter verschiedenen IPs als auch unter verschiedenen Benutzernamen auftreten, was kaum nachgewiesen werden kann. Es gibt Sammelaccounts, Mehrfachaccounts (Stammtische, Arbeitsgruppen, Schulklassen etc.) und all das ist erlaubt. Das gilt auch für Admins. Damit ist jedoch nicht sichergestellt, dass ein Einzelner bei Wahlen oder Abstimmungen bzw. Meinungsbildern nur einmal abstimmt. Das wesentliches Merkmal einer Demokratie, die freie und gleiche Wahl (“One man, one vote”), bei der jeder Wähler seine Stimme selbst abgibt und Mehrfachabstimmungen unzulässig sind, ist damit nicht gewährleistet.

Kurz um: Eine Wahl nach demokratischen Wahlgrundsätzen ist mit der offenen Struktur der Wikipedia, bei der auch Mehrfachaccounts möglich sind, naturgemäß unvereinbar. Es herrscht vielmehr eine “Diktatur der Insider“, Benutzer:Pjacobi:

“M.E. hilft es beim ruhigen Umgang mit der Wikipedia, wenn man Erfahrung bei der Mitarbeit an einem Open Source Softwareprojekt hat. Hier wie dort ist die Idee einer Demokratie im Projekt ziemlich absurd. Es herrscht die blanke Diktatur der ‘Insider’, abgemildert durch eine meist vorhandene Freundlichkeit und Offenheit, die man nicht damit verwechseln sollte, dass man etwas ändern könnte, ohne – hoffentlich durch sachliche Argumente – die Insider zu überzeugen. Das einzig wirklich basisdemokratische ist das Right-To-Fork.”

Benutzer:Rrr (gesperrt) bringt es auf den Punkt:

“Macht steht immer in Gefahr missbraucht zu werden. Verfestigte Machtstrukturen, die unkontrolliert ausgeübt werden, sind schädlich. Wer etwas anderes glaubt, ist weltfremd, und hat die menschliche Natur nicht im geringsten begriffen. Ich sage also, jede Entscheidung in Wikipedia ist eine Entscheidung auf Zeit, der, der als Admin gewählt worden ist, wurde durch ein mehr oder weniger zufälliges Meinungsbild in einem zufälligen Augenblickszustand von Wikipedia gewählt, der ein Jahr später bereits als überholt betrachtet werden kann. Darum muss nicht nur das Wahlverfahren regelmäßig überprüft werden, sondern auch die Dauerhaftigkeit der Ausübung von Admin-Funktionen.”

Wikipedia ist keine Demokratie, sondern eine Enzyklopädie

Wikipedia kann keine Demokratie nach staatsrechtlichem Vorbild sein. Dennoch müssen Admins als herausgehobene Personengruppen mit besonderen Rechten strenger als bisher kontrolliert werden. Ein “Hier-gibt-es-keine-Demokratie” darf es nicht geben. Jede Admin-Entscheidung muss auf den Richtlinien der Wikipedia beruhen. Entscheidungen müssen daraufhin geprüft werden können, ob sie angemessen sind im Sinne der Richtlinien.

Das ist bisher nicht möglich. Zwar sind Beschwerden über Admins möglich, die ihr Amt missbräuchlich ausgeübt haben. Auch gibt es ein Schiedsgericht, das sich als letzte Instanz mit einzelnen Admin-Entscheidungen befasst. Es fehlt jedoch eine Instanz, die darüber entscheidet, ob eine einzelne Entscheidung richtig oder falsch im Sinne der WP-Richtlinien war. Vorschläge dazu kommen aus der Wikipedia selbst:

  • Entscheidungen müssen angemessen sein. Es muss deshalb verbindliche Regeln darüber geben, wie lange Sperren für einen Verstoß ausgesprochen werden dürfen. Ansonsten entscheiden Admins willkürlich von Fall zu Fall.
  • Es ist nötig, Admin-Entscheidungen auf eine breitere Basis zu stellen, als dies bisher der Fall ist. Solange Admin-Entscheidungen vorrangig Verhandlungssache sind und davon abhängen, ob der betreffende Admin genug andere Benutzer (meist andere Admins) auf seine Seite bekommt, werden Richtlinien zur Nebensache degradiert.
  • Um Admin-Entscheidungen konkret überprüfen zu können, sind neue Strukturen notwendig. Ein Gremium etwa würde weniger angezweifelt werden als die Entscheidung einzelner Admins.
  • Veränderungen bedeuten nicht, dass die bisherigen Kontrollinstanzen abgeschafft werden müssen. Denkbar wäre auch eine übergeordnete Kontrollinstanz oder eine Änderung im Verfahren in den derzeitigen Kontrollinstanzen (z. B. der Sperrprüfung).

Die Benutzerin Widescreen, die zu diesen Vorschlägen ein Wikipedia:Meinungsbild entwickelt hat, konstatiert:

“Mit etwas gutem Willen kann so auch eine allseits akzeptierte Policy geschaffen werden, was die Angemessenheit von Adminentscheidungen betrifft, etwa unter welchen Umständen eine unbegrenzte Sperre angemessen ist oder wie hoch ein Sperre für ein Schimpfwort sein kann. Möglicherweise werden ausufernde Diskussionen ausbleiben, da irgendwann jeder Benutzer abschätzen kann, welche Anträge Aussicht auf Erfolg haben und welche nicht.  Aus diesem Grund könnte es sinnvoll sein eine zentrale Kontrollinstanz einzurichten, die Adminentscheidungen kontrolliert. Unter Umständen könnte das auch zur Abschaffung der Seiten Entsperrwünsche, Löschprüfung, Sperrprüfung und Administratoren Probleme führen, wenn dies sinnvoll erscheint.”

Benutzer:Marcus Cyron, der eine Reform der Projektorganisation der Wikipedia angestoßen hat, reicht ein Verweis auf die Richtlinien nicht aus. Er fordert “einen festen Regelkatalog” in Form einer Verfassung, der Auskunft darüber gibt, was erlaubt ist und was nicht.

“Die Wikipedia braucht eine ‘Verfassung’. Was darf ein Admin? Brauchen wir eine RRR-Regel? Was darf das Schiedsgericht? Wann ist ein Sperrverfahren nötig, wann eine normale Sperre. Und wie lange wofür? Wann muss ein Vermittlungsausschuß angerufen werden. Welche Benutzerrechte hat man, welche Benutzerpflichten? Als Admin kann ich sagen, dass man manchmal wirklich in der Klemme steckt. Eigentlich müsste man etwas tun, um dem Projekt zu helfen, davon ist man fest überzeugt. Aber man darf nicht, weil die aktuellen Regeln nicht zeitgemäß sind. Trollismus und Vandalismus, üble Nachrede auch auch willkürliche Entscheidungen von Admins sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Mehrheiten werden zudem immer wieder durch Sperrminoritäten blockiert.”

Fazit:

Dass es Reformbedarf gibt, liegt auf der Hand und wird selbst wiki-intern kaum noch bestritten. Vorschläge dazu gibt es mehr als genug. Welche Idee sich am Ende durchsetzt, ist hierbei nicht entscheidend. Doch eines ist klar: Leitgedanke aller Reformer muss sein, neue Autoren zu werben und Neulinge an das Projekt zu binden. Es geht hier keineswegs darum, Admins an den Pranger zu stellen. Die meisten von ihnen beweisen bei ihren Entscheidungen Augenmaß. Und doch kommt es immer wieder zu umstrittenen Löschungen, Sperren, die vor allem Anfänger kaum durchschauen und von einer langfristigen Mitarbeit an der Online-Enzyklopädie abschrecken. Nicht die einzelnen Admins sollten in Frage gestellt werden, sondern einzelne Entscheidungen. Es ist daher sinnvoll, eine breite Diskussion darüber in Gang zu bringen, ob eine zusätzliche Instanz in Form eines Gremiums oder gar eine Verfassung einzuführen ist, um Wikipedia fairer, demokratischer und letztlich attraktiver zu machen.

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Der Blackout von Wikipedia – Analyse eines virtuellen Protests


Ein Tag ohne frei verfügbares Wissen – am 18. Januar 2011 war das Realität für über 162 Millionen Nutzer der englischsprachigen Wikipedia. Wer an diesem Mittwoch die Online-Enzyklopädie ansurfte, bekam keinen Zugriff. Mit dem “Blackout Day” protestierte die Online-Community gegen zwei Gesetzesentwürfe zur Bekämpfung von Internetpiraterie: den Stop Online Piracy Act (SOPA) und den Protect IP Act (PIPA). Der Blackout von Wikipedia ist ein Meilenstein in der Geschichte des Cyberspace. Der dezentrale gemeinsame Protest, an dem sich neben Reddit, Boing Boing, XKCD viele weitere Seiten mit ähnlichen Maßnahmen beteiligten, konnte die heftig kritisierten Anti-Piraterie-Gesetze vor dem US-Kongress vorerst stoppen: Zwei Tage nach dem Protest wurde bekannt gegeben, dass die Gesetzgebung verschoben werden würde.

Die Welt wurde Zeuge einer bemerkenswerten demokratischen Online-Debatte, die sich fundamental vom offenen und anarchischen Entscheidungssystem der Wikipedia (“jeder darf alles ändern”) unterschied. Die Initiative für die Aktion kam von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales persönlich, und war eng verbunden mit einer massiven Beteiligung der Wikimedia Foundation.

Warum es dennoch zu keiner Rückkehr zu traditionellen hierarchischen Methoden des Top-down-Prinzips kam, beschreibt Ayelet Oz, Studentin der Harvard Law School, in einem aktuellen Aufsatz. Wiki-Watch stellt euch die spannende Analyse ausführlich vor.

Autorität und Anarchie: Legitimität in der Wikipedia

Auf den ersten Blick passen Autorität und die “anarchische Wiki-Welt” nicht zusammen. Denn in Wikipedia soll jede Entscheidung frei sein von Nötigung und Hierarchie: In der Online-Enzyklopädie darf jeder mitmachen, Artikel schreiben und das Vorhandene ändern. Es gibt keine Chefredaktion, die darüber entscheidet, welche Teile der Enzyklopädie weiter bearbeitet werden müssen. Das ist die Essenz des “jeder darf alles ändern”-Prinzips – jeder Besucher hat die Möglichkeit, Wikipedia-Seiten einseitig zu bearbeiten, ohne vorherige Genehmigung.

Darüber hinaus gibt es in der Wikipedia eine Präferenz für eine auf Konsens beruhende Entscheidung gegenüber einer Wahl. Konsens wird als der beste Weg angesehen, um eine Entscheidung in der Gemeinschaft zu erreichen, und ist sogar eine der fünf Säulen der englischsprachigen Wikipedia. Konsens gilt als das einzige Verfahren, das die partizipativen, kooperativen und egalitären Werte der Gemeinschaft am besten erreicht, schreibt der US-Kommunikationswissenschaftler Joseph Reagle in seiner Untersuchung “The Culture of Wikipedia“. Hingegen misstrauen Wikipedianer traditionell eher solchen Entscheidungen, die auf einer Abstimmung oder Wahl basieren. Umfragen werden als eine Art Übel angesehen. Ayelet Oz fasst das so zusammen:

In comparison, Wikipedians traditionally distrust votes and polls as mechanisms for decision. Various user–authored essays treat polls as an evil that needs to be used as little as possible. Polls are considered as discouraging the attempt to find common ground and leave the community divided. Polls also encourage a false dichotomy of only two possible answers and thus oversimplify the debated questions.

Konsensentscheidungen haben jedoch einen entscheidenden Nachteil: Sie nehmen viel mehr Zeit und Mühe in Anspruch als eine Abstimmung. Offene Diskussionen sind komplexer und dauern in der Regel deutlich länger als Umfragen. Oft ist es schwer, herauszufinden, ob Konsens in einer bestimmten Diskussion erreicht werden konnte oder nicht. Bei Umfragen hingegen zeigt ein einfaches Durchzählen das Ergebnis an. Und da jede Stimme für sich steht, kann eine sehr große Zahl von Editoren an der Entscheidung beteiligt werden.

Im diametralen Gegensatz zur egalitären Ideologie der Wikipedia steht die einzigartige hierarchische Position des charismatischen Wiki-Gründers Jimmy Wales. “Jimbos” Rolle innerhalb der Wikipedia bleibt daher bestritten und unklar. Die Wikipedia-Informationsseite “Role of Jimmy Wales” beschreibt seine Autorität als “ad hoc“, die nur ausgeübt wird, wenn andere Entscheidungsmechanismen versagt haben. Wales selbst ist bestrebt, seine formale Autorität zu beschränken, um sich der Community anzugleichen. So nahm er es freiwillig auf sich, jeder Entscheidung zu folgen, die gegen ihn gemacht werden würde, um eine interne Streitbeilegung zu stärken.

Der Prozess, der zum Wikipedia-Blackout führte

Wie schafft es Wikipedia bei wichtigen Entscheidungen, den Gegensatz von Autorität und Anarchie zu überwinden? Wie war es für Jimmy Wales möglich, den Blackout der englischsprachigen Wikipedia auf den Weg zu bringen, obwohl “offene Projekte” wie Wikipedia einzelne nicht-koordinierte Aktion ohne Weisung von oben bevorzugen?

Ohne alternative Quellen der Autorität (Zwang, Geldprämien, etc.) ist die Zustimmung der Community die wichtigste Quelle des Gehorsams. Für die offene und anarchische Ideologie der “open projects” ist die Stimme der Community-Mitglieder am wichtigsten. Folglich laufen alle Top-down-Entscheidungen Gefahr, als illegitim angesehen zu werden, und lösen einen heftigen Widerstand in der Community aus. Ayelet Oz spricht von einer “Leiter” der Legitimität: Konsens gefolgt von einer offenen Diskussion ist der am meisten legitime Weg, um Entscheidungen zu treffen. Ein weniger legitimer Weg ist die Abstimmung. Aktionen, die allein auf Hierarchie beruhen, sind am umstrittensten. Andererseits bringt kollektives Handeln viele Probleme mit sich, die das Erreichen einer praktischen Entscheidung aufgrund endloser Debatten gefährden könnten. Diese beiden Achsen stehen im umgekehrten Verhältnis zueinander: Um Legitimität für eine Aktion zu gewinnen, müssen Aktionen auf Konsens beruhen; andererseits muss der Prozess der Entscheidungsfindung einfach gehalten werden.

Der Prozess, der der Entscheidung zum Wikipedia-Blackout vorausging, um gegen SOPA zu protestieren, ist ein Paradebeispiel für das Zusammenspiel der verschiedenen Arten von Autorität und Legitimität in der Wikipedia. Die Diskussion bewegte sich ständig zwischen Charisma, Abstimmung und Konsens. Bindende communitybasierte Entscheidungsverfahren folgten einer “weichen” nicht erzwungenen charismatischen Führung.

Die Idee zum Protest gegen SOPA wurde von Jimmy Wales ins Leben gerufen, und zwar auf seiner Diskussionsseite. Zwar gab es bereits Forderungen nach Maßnahmen in Bezug auf SOPA auf Community-Foren, dies führte aber zu keiner praktischen Entscheidung. Erst am 10. Dezember 2011, als Wales einen Beitrag mit dem Titel “Request for comment: SOPA and a strike” auf seiner Diskussionsseite veröffentlichte, bewegte das den Prozess entscheidend voran:

(Please help me publicize this widely.) A few months ago, the Italian Wikipedia community made a decision to blank all of Italian Wikipedia for a short period in order to protest a law which would infringe on their editorial independence. The Italian Parliament backed down immediately. As Wikipedians may or may not be aware, a much worse law going under the misleading title of ‘Stop Online Piracy Act’ is working its way through Congress on a bit of a fast track. [...]. My own view is that a community strike was very powerful and successful in Italy and could be even more powerful in this case. [...] At the same time, it’s of course a very very big deal to do something like this, it is unprecedented for English Wikipedia.

Nach diesem Beitrag initiierte “Jimbo” eine Probeabstimmung, in der die Benutzer aufgefordert wurden, entweder für oder gegen seinen Kommentar abzustimmen. Die Community wurde hierbei aufgefordert, eine breite Diskussion zu vermeiden. Wales betonte, dass der “straw poll” keine Abstimmung sei:

To be clear, this is NOT a vote on whether or not to have a strike. This is merely a straw poll to indicate overall interest. If this poll is firmly ‘opposed’ then I’ll know that now. But even if this poll is firmly in ‘support’ we’d obviously go through a much longer process to get some kind of consensus around parameters, triggers, and timing.

Über 500 Wikipedianer kommentierten diesen Beitrag, die überwältigende Mehrheit von ihnen unterstützte die Idee (etwa 90 Prozent waren für den Blackout). Dennoch löste der “straw poll” eine interne Debatte darüber aus, welche Autorität die Umfrage hat. Die Befürworter argumentierten mit der starken Beteiligung an der Umfrage. Es habe sich deshalb der Wille der Community manifestiert. Andere kritisierten das Verfahren, da der vermeintliche Konsens erheblich durch die soziale Stellung von Jimmy Wales und seiner Fähigkeit, die Opposition zu marginalisieren, beeinflusst sei.

Am 13. Dezember 2011, kurz nachdem die Probeumfrage endete, wurde eine formelle Diskussion eröffnet (Wikipedia: SOPA_Initiative), bei der nunmehr die Wikimedia Foundation die zentraler Rolle einnahm. Die vordergründige Funktion der Stiftung war es, die Community mit Informationen zu versorgen. Es sollte um jeden Preis der Eindruck vermieden werden, die Community in ihrer freien Entscheidung beeinflussen zu wollen. Denn die Foundation fürchtete einen „backlash“ (eine heftige Gegenreaktionen) aus der Community. Auch wenn die Stiftung keine formale Autorität über die Entscheidung annehmen wollte, benutzte sie doch ihre Professionalität, um die Diskussion zu lenken.

Die Blackout-Entscheidung

In den darauf folgenden Wochen verstreute sich die Debatte über den SOPA-Blackout zunehmend. Einige Diskussion fanden statt auf der Diskussionsseite der SOPA-Initiative, andere auf Community-Foren. Die Mehrzahl dieser Diskussionen war sehr abstrakt und befasste sich mit komplizierten Details der Gesetzesinitiativen. Obwohl mehrfach Benutzer versuchten, den Prozess voranzutreiben, indem sie konkrete Vorschläge machten, konnte kein Ergebnis erzielt werden.

Einen Monat später zentrierte die Wikimedia Foundation die Debatte neu: Am 13. Januar veröffentlichte die Stiftung eine Anfrage an die Community zu einer endgültigen Entscheidung über den Protest (“Call for comment from the community“). Die Abstimmung wurde entlang einer Liste von knapp formulierten Maßnahmen gebaut (“Blackout US only”, “Global blackout and banner”, “Blackout and banner both US only”, “No blackout, global banner”, “No blackout, banner US only”, “No blackout and no banner”). Am 16. Januar 2012, 23.49 Uhr UTC, nach drei Tagen und Hunderten von Stimmen, schlossen drei Wikipedia-Administratoren aus drei Ländern (Vereinigte Staaten, Kanada und Australien) die Diskussion über die Projektseite und präsentierten die Entscheidung der Foundation:

Over the course of the past 72 hours, over 1800 Wikipedians have joined together to discuss proposed actions that the community might wish to take against SOPA and PIPA. This is by far the largest level of participation in a community discussion even seen on Wikipedia, which illustrates the level of concern that Wikipedians feel about this proposed legislation. The overwhelming majority of participants support community action to encourage greater public action in response to these two bills. Of the proposals considered by Wikipedians, those that would result in a “blackout” of the English Wikipedia, in concert with similar blackouts on other websites opposed to SOPA and PIPA, received the strongest support. [...] Therefore, on behalf of the English Wikipedia community, the Wikimedia Foundation is asked to allocate resources and assist the community in blacking out the project globally for 24 hours starting at 05:00 UTC on January 18, 2012, or at another time determined by the Wikimedia Foundation. [...]

Der englische Wikipedia-Blackout dauerte 24 Stunden, weltweit wurde darüber berichtet. Nach dem Protest kündigten 18 Senatoren an, PIPA nicht mehr zu unterstützen. Am 20. Januar 2012 wurden beide Gesetzesentwürfe gestoppt.

Zusammenfassung und Fazit

Legitimität ist ein wichtiger Faktor für das Verständnis von “Governance” in offenen Online-Projekten. Das Fehlen einer traditionellen Hierarchie eröffnet einen Raum, in dem neue Formen von Autorität ständig herausgefordert werden. Der wichtigste Faktor, der den mehrstufigen Prozess bis zum finalen Blackout prägte, war der Wille, die endgültige Entscheidung der Community als legitim zu akzeptieren. Die selbst beschränkende Rhetorik ist in fast allen Aussagen von Jimmy Wales und den Vertretern der Wikimedia Foundation sichtbar.

Das Verständnis der diskursiven Form von Legitimität in Open-Content-Projekten ermöglicht neue Wege zum Verständnis von “Governance” in offenen Online-Communities. Durch die Diskussion über und den Umgang mit Legitimität wurde dem Begriff Legitimität ein neuer Sinngehalt gegeben. Sichtbar wurde eine Form sozialer Organisation, die in ihrem Umfang bisher kaum vorstellbar war: Eine bislang unerreicht große Anzahl von Individuen bündelte ihre Kräfte, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Die Geschichte vom Wikipedia-Blackout zeigt, dass die Macht offener Online-Communities viel größer ist als das ihre anarchistische Grundidee (“geregelte Anarchie“) vermuten lässt. Offene Communities stärken ihre Ideologie, indem sie sie zeitweise außer Kraft setzen. Offene Communities stärken ihre Legitimation durch die Erweiterung ihrer Bedeutung. Sie untergraben ihre anarchistischen Werte, indem sie das Charisma und die Professionalität ihrer “Anführer” nutzen. Doch was am Ende zählt, ist die Unterstützung der Community, um diesen nicht-legitimen Prozess schließlich doch zu legitimieren. Dadurch ermöglichen diese unvollkommenen Ad-hoc-Mechanismen große Kooperationsprojekte. Dabei muss nicht auf eine Top-down-Hierarchie klassischer Organisationen zurückgegriffen werden. Reine Anarchie mag anders aussehen. Dennoch: Der Wikipedia-Blackout hat uns vor Augen geführt, was ein effektives basispolitisches Handeln und neue Formen politischen Engagements im Internet heute bewirken können. Das ist ein wichtiger Quantensprung der Selbstregulierung sozialer Communities.

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Wikipedia stellt “eigentümlich frei” in die rechte Ecke – eine Dokumentation


Den wenigsten Lesern unter Euch wird die Zeitschrift “eigentümlich frei” (Auflage 6.000 Hefte) bekannt sein. Und doch hat es das Blatt in den vergangenen Wochen zu einiger Popularität gebracht. Denn in den Medien ist ein Streit über behauptete Manipulationen von Wikipedia-Artikeln durch ultralinke Wikipedia-Admins und -Autoren entbrannt. Dabei geht es strenggenommen um einen einzigen (Einleitungs-)Satz, in dem das Magazin in der Neuen Rechten verortet wird:

“eigentümlich frei (kurz: ef) ist eine politische Monatsschrift, die seit 1998 erscheint und Positionen vertritt, die von Herausgeber und Chefredakteur André F. Lichtschlag als individualistisch, kapitalistisch und libertär bezeichnet, von Politikwissenschaft und Publizistik hingegen in der Neuen Rechten verortet werden.”

Die Monatsschrift ist nicht bereit, die Formulierung im letzten Halbsatz hinzunehmen. Auf der eigens eingerichteten Website “Rettet Wikipedia” heißt es zu den “Wikipedia-Manipulationen”:

“Seit Oktober 2012 werden die Wikipedia-Einträge über die Zeitschrift eigentümlich frei und deren Herausgeber André F. Lichtschlag von einigen wenigen Extremisten manipuliert. Liberale werden in Nazinähe gerückt oder als „Neue Rechte“ verleumdet. Wir werden das nicht hinnehmen. Zusätzlich zu einer journalistischen und juristischen Aufarbeitung werden wir auf dieser Seite die Manipulationen dokumentieren und die teilweise aus feiger Anonymität heraus agierenden Täter versuchen zu benennen.”

Zu den prominenten Unterstützern von “ef” gehört deren Autor Hans-Olaf Henkel. In seiner Montagskolumne im Handelsblatt vom 29. Oktober 2012 beschreibt der Honorarprofessor wie in der Wikipedia zunehmend die Pressefreiheit unter Beschuss genommen wird:

“Im Internet ist die Pressefreiheit besonders bedroht. Neuerdings ist Wikipedia das Schlachtfeld perfider Anschläge auf die Pressefreiheit. Ideologen geht es dabei nicht mehr nur um Einflussnahme auf Presseorgane, sondern um ihre Vernichtung. Zurzeit versuchen sie, das intellektuell anspruchsvolle, der Freiheit verpflichtete Magazin „Eigentümlich Frei“, über Manipulationen von Wikipedia sturmreif zu schießen.”

Wenig später, am 12. November 2012, kommentierte “ef”-Autor und Leiter des FOCUS-Debattenressorts Michael Klonovsky „die laufende Desinformation über die Zeitschrift eigentümlich frei auf Wikipedia“ mit folgenden Worten (FOCUS vom 12.11.2012, S. 129.):

“Solcherart ‘frisierte’ Wikipedia-Artikel sind desto häufiger, je politischer und meinungsfähiger ein Gegenstand ist. Man muss nur die Seiten Feminismus (= gut) und Männerrechtsbewegung (= rechts) vergleichen oder Neue Rechte (= rechtsextrem) und Neue Linke (= gut, nur RAF war extrem). Gegeneinträge oder Korrekturen werden gelöscht.”

Am 16. November 2012 meldete sich die CDU-Politikerin Vera Lengsfeld via Die Achse des Guten zu Wort. In ihrem Artikel erklärt die Autorin wie “Wikipedia Deutschland ihre Benutzer linkt”:

“In Deutschland gibt es nur wenige Libertäre. Die Deutschen scheinen traditionell Kollektivismus in allen seinen Formen zu bevorzugen. Deshalb gibt es in unserer scheinbar vielfältigen Presselandschaft nur zwei libertäre Zeitungen, die Wochenzeitung „Preußische Allgemeine Zeitung“ (PAZ) und die Monatsschrift “eigentümlich frei“ von André Lichtschlag. Offenbar zwei zu viel für gewisse, ideologisch verhärtete, ultralinke Wikipedia- Administratoren -, und Autoren, die sich mit deutscher Verbissenheit dran gemacht haben, beide Publikationen zu verunglimpfen. Das einfachste und zugleich perfideste Mittel ist, den bekämpften Presseerzeugnissen das Etikett „rechts“, „ultrakonservativ“ oder auch „neurechts“ anzuheften. Für das Selbstverständnis der Zensoren ist charakteristisch, dass sie glauben, nicht die geringsten Beweise für ihre Klassifizierungen bieten zu müssen.”

Auch das umstrittene Blog “Politically Incorrect” kommentiert die Situation mit verachtenden Worten:

“Im politisch linksversifften Wikipedia kann man vielleicht Artikel über ‘Frei-Laubersheim’ oder die ‘Schwarze Witwe’ lesen und glauben, aber politisch wird alles, was konservativ und schwarz ist oder nicht in die freiheitsfeindliche, politkorrekt stinkende, rotgrüne Einheitsbrühe passt, sofort in eine rechtsextreme Ecke gestellt. Da kann man sich bemühen, wie man will, und kuschen, wie das die Preußische Allgemeine getan hat, oder um Hilfe rufen wie ef-Chef André Lichtschlag. Das nützt alles nichts. Bei Wikipedia Politik regieren linksextreme Antifanten, Rote Socken, Indymedia-Verbrecher und Kommunisten aller Art. So ist das libertäre eigentümlich frei jetzt auch ein Nazi-Scharnier. Beweis sind, wie immer in solchen Fällen, die geistlosen Exkremente roter Politruks nach dem Motto “semper aliquid haeret”. (…) Der Autor dieser Zeilen hält absolut nichts von Freundlichkeit und Dialog mit linksfaschistischen Blockwarten! Deren geistige und charakterliche Bandbreite reicht ungefähr soweit wie früher im DDR-Polibüro.”

Am 16. November 2012 nimmt “Schwarze Feder” vom Wikipedia-Kurier Stellung zu den Vorwürfen. In dem Beitrag unter dem Titel “Der Name ist der Reaktion (!) bekannt” heißt es:

“Man darf gespannt sein, wer sich in dieser Kampagne noch alles so meldet. Aber, liebe Kollegen und Kolleginnen von der eigentümlich frei: Ihr solltet an Eurer Strategie feilen: Es kommt nicht so gut an, wenn ihr den Wikipedia-Gründer bittet (http://sciencefiles.org/2012/07/29/feindliche-ideologische-ubernahme-deutsche-wikipedia-droht-im-desaster-zu-enden/), dass er aus einer vermeintlich ideologischen Verbundenheit mit Euch Wikipedia-Autoren im deutschsprachigen Wikipedia sperrt und Artikel nach Eurem Gusto umschreibt. Und es wird in der Wikipedia-Community auch nicht gerne gesehen, wenn Hochglanz-Magazine wie der Focus sich an der Recherche nach Klarnamen von Wikipedia-Autoren beteiligen.”

Wikipedia-Autor Wiggum sieht es so:

“Ich glaube mit dem ‘stinknormalen ideologischen Links-Rechts-Zoff’ macht man es sich da ein bisschen einfach. Mit so einer verkürzten Sicht würden wir nicht das erste Mal auf die Nase fallen. Es ist doch offenkundig, dass da eine peer group mobilisiert werden soll. Das betrifft ja nicht nur eigentümlich frei (aktuelle Ausgabe mit Knallern wie: “NSU-Vorläufer Linksterrorismus”) oder die Preußische Allgemeine Zeitung (Untertitel: ‘Das Ostpreußenblatt’) sondern auch andere ‘politisch inkorrekte’ Postillen, in denen mehr oder weniger regelmäßig zur ‘Korrektur’ der Wikipedia mobilisiert wird. Alles der gleiche Dunstkreis aus rechtskonservativen bis rechtsextremen selbsternannten Libertären, die überall Denkverbote, ‘political correctness’, Sozialismus und den Untergang des Abendlandes überhaupt wittern.”

Und was sagt die versammelte Wiki-Gemeinschaft auf der Diskussionsseite zum “ef”-Artikel dazu?

Der mittlerweile gesperrte Benutzer “Tobiasfuentes” meint, dass der umstrittene Halbsatz (“von Politikwissenschaft und Publizistik hingegen in der Neuen Rechten verortet”) nichts in einer Einleitung zu suchen hat. Dies sei eine einseitige Verkürzung, die inhaltlich falsch und nicht mit Quellen fundiert ist und somit in die Irre führt. Der Benutzer GUMPi kritisiert, dass sprachlich von der Gesamtheit der Politikwissenschaft und Publizistik die Rede ist, obwohl nur einzelne Wissenschaftler die “ef” in der Neuen Rechten zuordnen. Flabber meint dazu gereizt:

“Wie einzelne und gut organisierte Akteure auf Wikipedia mit allem umgehen, was nicht staatsgläubig, links und klimahysterisch ist, hat schon lange faschistoide Züge angenommen. (…) Widerwärtiger Artikel, der in der Form in einer Enzyklopädie nichts verloren hat. (…) Es ist schwer erträglich, diesen Artikel in seiner jetzigen Form zu schützen. Eine Form nämlich, bei der gleich in der Einleitung klar wird, was er bezwecken soll: in die Irre führen statt informieren!”

Andere Wikipedianer halten trotz der Kritik an der Formulierung fest. YourEyesOnly – der in dem “ef”-Aufruf“ neben JosFritz, SanFran Farmer und 188.192.23.17 der “massiven Manipulation” bezichtigt wird – gibt zu Protokoll:

“Liebe Redaktion von eigentümlich frei, wenn ich derartigen Humbug lese, dass ich mich an einer ‘massiven Manipulation’ beteiligt hätte, wo ich einzig und allein das getan habe, was mir das Admin-Amt hier vorschreibt, nämlich einen weiteren Edit War zu unterbinden, da mache ich mir ernsthaft Gedanken ob der Güte Eures Blättchens.”

Auch Benutzer 188.192.23.17 kann die Aufregung nicht nachvollziehen. Seiner Meinung nach ist die Einleitung seriös und faktenbasiert:

“Vielleicht liegt es daran, dass die Beteiligten nicht wissen, dass wir enzyklopädisch nach Sekundärliteratur arbeiten? Die in dem Artikel von mir editierten Darstellungen basieren genau auf solcher. Wendet euch also z.B. an Karin Priester, Prof. für Politische Soziologie, wenn ihr mit der Einordnung nicht einverstanden seid. Oder an ‘Politik und Zeitgeschichte‘, wo ihr Fachartikel 2010 veröffentlicht wurde, oder an die Bundeszentrale für Politische Bildung, wo er seit 2012 auf der Website steht. Immer wieder erstaunlich, dass es ausschließlich Leute vom Schlage Lichtschlag und Hoffmann sind, die solche Aufrufe starten, flankiert von Politically Incorrect, und dass sich dann prompt Leute einfinden, die Artikel in deren Sinne verändern wollen.”

Eine verfahrene Situation, die vorerst gestoppt worden ist. Aufgrund des jüngsten Edit Wars ist der Artikel derzeit vor weiteren Bearbeitungen geschützt.

Die Kritik an Wikipedias Mitarbeiterstruktur ist nicht neu. Dass informelle Bündnisse innerhalb der Wikipedia regelmäßig kollaborieren, um bestimmte Sichtweisen zu unterdrücken, wurde und wird von verschiedenen Seiten kritisiert. Ob es allerdings gerechtfertigt ist, von “Linkipedia” zu sprechen, in der Ideologisierung, Manipulation, Halbwahrheiten, politische Einfärbung, Falschinformation, Geschichtsklitterung, Diffamierung, Löschung nicht linientreuer Beiträge an der Tagesordnung sind, kann hier nicht beantwortet werden. Klar ist jedoch: Die Debatte um ideologisch gefärbte Politik-Einträge muss geführt werden, damit Wikipedia glaubwürdig bleibt und sich weiterhin eine “freie Enzyklopädie” nennen darf.

PS: Wir freuen uns über Anregungen, Ergänzungen und Kommentare!

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Der letzte Ort, der nicht politisch polarisiert ist: Wikipedia


Die USA waren und sind politisch ein gespaltenes Land. Die Wahlergebnisse der 57. Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten zeigen, dass sich die Spaltung Amerikas sogar noch verschärft hat. Einzelne Wählergruppen tendieren noch stärker zu einem politischen Lager. Und das nicht nur in Bezug auf Parteizugehörigkeit und Ideologie, sondern auch was Rasse und Ethnie, Geschlecht und Familienstand, Region und Religion, Ausbildung und Alter anbelangt. Die Le Monde diplomatique beobachtet gar eine Rückkehr der Rassentrennung in der Politik, vor allem in den Südstaaten. Die renommierte US-Tageszeitung Daily News konstatiert:

“Nach dem teuersten und wohl hässlichsten Wahlkampf der Geschichte, erscheint das Prinzip des “Divided government” lebendig und wohlauf.”

Diese extreme Spaltung des Landes spiegelt sich auch in der Welt der politischen Blogs und bei Twitter wider: Es finden fast ausschließlich Menschen zueinander, die eine politische Meinung oder Ideologie teilen: die Gleichgesinnten. Nach einer aktuellen Studie der University of Southern California und der Barcelona Media Foundation ist Wikipedia der letzte Ort in den Vereinigten Staaten, der nicht politisch polarisiert ist. Und das hat entscheidend mit dem Selbstverständnis von Wikipedia und ihren Nutzern (“Wikipedianer”) zu tun: Denn die Anforderung, dass alle Artikel eine neutrale Sichtweise einnehmen müssen, ist einer der vier Kernprinzipien, auf denen Wikipedia basiert.

Wikipedia-Leser schätzen das Netzwerk genau aus diesen Grund: Sie suchen nach neutralen Informationen in Zeiten hitziger politischer Schlachten. Die Studie zeigt, dass es trotz der zunehmenden Spaltung der USA immer noch Bereiche gibt, in denen der politische Dialog möglich ist und tatsächlich geschieht – nämlich auf den Diskussionsseiten von Wikipedia, wo die Nutzer beider politischer Überzeugungen debattieren und zusammenarbeiten, um enzyklopädische Berichterstattung über politische Themen zu erstellen. Die Forscher schreiben in der Zusammenfassung:

“Hence, the results of our analysis show that despite the increasing political division of the U.S., there are still areas in which political dialogue is possible and happens.”

Im Gegensatz zu früheren Analysen zu anderen sozialen Medien hat das Forscher-Team keinen starken Trend finden können, dass die einen bevorzugt mit Mitgliedern der gleichen politischen Partei innerhalb der Wikipedia-Community interagieren. Es scheint, dass die gemeinsame Identität als “Wikipedianer” stark genug ist, um über persönliche Ansichten zu triumphieren:

„Our results indicate that users who proclaim their political affiliation within the community tend to proclaim their identity as a ‘Wikipedian’ even more loudly. It seems that the shared identity of ‘being Wikipedian’ may be strong enough to triumph over other potentially divisive facets of personal identity, such as political affiliation.“

Als Zeugnis dafür, was in einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen vielen Editoren mit gegensätzlichen politischen Überzeugungen erreicht werden kann, haben Wikipedianer die Artikel über beide Kandidaten in der Präsidentschaftswahl zu einem “featured Artikel”-Status gebracht, was die höchste Wertigkeit auf Wikipedia in Sachen Genauigkeit, Neutralität, Vollständigkeit und Stil ist. Artikel mit dieser Wertung dienen Wikipedia-Autoren als Beispiele für das Schreiben von anderen Artikeln.

Und wie ist die Stimmungslage in der deutschen Wikipedia? Die nicht repräsentative Umfrage von Wiki-Watch unter Wiki-Admins im Oktober 2010 ergab ein zwiespältiges Bild: Zahlreiche Admins sehen die Motivation ihrer ehrenamtlichen Arbeit in der Suche nach dem Community-Konsens, die Entscheidung in kontroversen Diskussionen um das Löschen einzelner Artikel, die Lösung komplizierter “Edit Wars”. Sie wollen “Unsinn aus Wikipedia heraushalten”.

Andererseits kritisieren viele Admins den Umgangston in den Diskussionen innerhalb der deutschen Wikipedia. Die Diskussionskultur sei “unterirdisch”. Wer andere Nutzer beleidige, gehöre unabhängig von seiner Stellung im Projekt zeitweise gesperrt, schreibt ein Admin. “Wieder mehr Freiheit, weniger Adminwillkür”, fordert ein anderer. Ein weiterer beobachtet eine “feindliche Atmosphäre”. Andere empfehlen daher “mehr Gelassenheit, auch gegenüber Kritik von außen” und “mehr Witz, Geist und Souveränität”. Über die etablierten Wikipedianer sind die Ansichten kontrovers: “Pauschale Abwehrreflexe und schnoddriges Verhalten” sieht ein Admin, eine “Wagenburgmentalität im eigenen Thema” oder “Frustration, Elitenbildung und Abschottung” attestieren andere ihren Kollegen.

Bei weiteren Admins überwiegen positive Erfahrungen: Freundschaften, die aus der gemeinsamen Tätigkeit und bei Wikipedia-Stammtischen entstanden sind. Respekt vor den Leistungen der anderen. Dennoch: 72 Prozent der befragten Wikipedianer wollen Admins bleiben und weiter werkeln am Wissen der Welt. Aber immerhin 28 Prozent sind frustriert!

Wir haben uns aktuell die Diskussionsseiten zu den Spitzenkandidaten von CDU und SPD angesehen. Die Einträge zu den Wikipedia-Einträgen von Kanzlerin Angela Merkel und dem stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Peer Steinbrück sind überwiegend sachlich und ausgewogen.

Heftig umstritten war lediglich Angela Merkels Rolle in der FDJ. Im Ergebnis lässt sich festhalten: Was nicht eindeutig belegt werden konnte, hatte keine Chance, in den Wikipedia-Eintrag reinzukommen. Nach langen Diskussionen in den Jahren 2005 bis 2009 hat sich zu Merkels FDJ-Vergangenheit folgender Satz durchsetzen können:

“Nach eigenen Angaben war Merkel in der FDJ als Kulturreferentin tätig, während Quellen, die der Merkel-Biograf Gerd Langguth befragt hat, davon sprechen, sie sei für ‘Agitation und Propaganda’ zuständig gewesen.”

Peer Steinbrücks Wiki-Eintrag wurde 2005 anlässlich der Landtagswahlen in NRW zum Politikum: “Zensur aus dem Bundestag” und “Angriff auf Wikipedia” schallte es durch die Blogosphäre. Alles nahm seinen Anfang, als der Rechtsanwalt Alexander A.T. Klimke, in der Wikipedia als Berlin-Jurist unterwegs, im Wikipedia-Artikel über Jürgen Rüttgers vier Änderungen in einer Viertelstunde entdeckte. Heise online schrieb dazu:

“An sich ist das nicht ungewöhnlich: Schließlich wird am Sonntag in Nordrhein-Westfalen gewählt und Jürgen Rüttgers ist der Spitzenkandidat der CDU. Für viele Wikipedianer Anlass genug, die bis dahin eher knapp gehaltenen Artikel auszubauen und vermeintliche Parteilichkeiten zu tilgen. Doch die Änderungen vom frühen Dienstag Nachmittag hatten ein prominentes Alleinstellungsmerkmal: Sie hatten ihren Ursprung im IP-Netz des Bundestages. Noch mehr: Auch der Artikel über Rüttgers Kontrahenten und amtierenden Ministerpräsidenten Peer Steinbrück wurde geändert: Eine Liste der Ehrenämter Steinbrücks wurde mit der neuen Überschrift ‘Nebentätigkeiten’ versehen.”

Das Nachrichtenportal weiter:

“Zwar machten die Änderungen aus dem Bundestags-Netz die Artikel nicht besser, eine großartige Verschlechterung ließ sich aber auch nicht feststellen. Hinzu kam, dass die Beiträge quasi sofort von anderen Wikipedianern rückgängig gemacht wurden.”

Die interne Diskussion über angebliche Manipulationsversuche von Steinbrücks Wikipedia-Artikel endete schnell und ist heute keine Thema mehr.

Fazit: Verglichen etwa mit dem Politik-Blog “Politically Incorrect“, auf dem Leser zum Teil menschenverachtende und politisch hoch polarisierte Kommentare abgeben, sind die hier betrachteten Wikipedia-Diskussionen von einer Kultur des Konsenses geprägt, die stets das Neutralitätsgebot von Wikipedia im Auge behalten. Von einem besonders rauen Umgangston kann hier jedenfalls nicht die Rede sein. Das ist natürlich keineswegs repräsentativ. Es zeigt nur eines: Es wird Zeit für eine neue Umfrage unter allen Wiki-Admins!

Bleibt uns nur noch die Aufforderung an euch, uns eure Meinung zu schreiben – hier oder auf Facebook. Folgt uns auch auf Twitter!

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Grenzen des Wachstums: Gehen Wikipedia die Themen aus?


Insgesamt 126.957 Wikipedianer zählt die deutsche Wikipedia. Da diese Zahl ungenau ist, weil sich viele Nutzer anmelden und dann nie oder nur einmal editieren, sind nur die “aktiven Wikipedianer” aussagekräftig. Das sind Wikipedia-Autoren, die mehr als fünf Bearbeitungen pro Monat vornehmen sowie „sehr aktive Autoren“ mit mehr als 100 Bearbeitungen im Monat. Die Zahl der aktiven Autoren lag im Monat September bei 6.505. Sehr aktive Autoren gab es im September 1.009. Weltweit gibt es 72.011 aktive und 10.232 sehr aktive Nutzer (englischsprachig davon: 31.284 bzw. 3.193 Nutzer). Doch auch die aktuellen Zahlen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahl der weltweit aktiven Autoren weiter auf hohem Niveau schrumpft. Wiki-Watch berichtete darüber.

Die Ursachen werden unterschiedlich beschrieben: zu männlich, zu kompliziert, zu technologiefixiert. Zudem mangele es an gegenseitiger Unterstützung, so dass Neulinge schnell das Interesse verlieren. Interne Probleme und Machtkämpfe, der teilweise unfaire Umgang machen es den Newbies zusätzlich schwer. Die Wikimedia Foundation kämpft an vielen Fronten, um den Editoren-Schwund weiter zu bremsen. So soll die freie Online- Enzyklopädie weiblicher werden, für Neueinsteiger soll die Einstiegsschwelle mittels Visual Editor und neuer Signup Page gesenkt werden. Newbies soll durch vereinfachte Regeln und eine intuitive Benutzeroberfläche das Arbeiten im Wissensnetz erleichtert werden.

Doch all diese Lösungsansätze können nichts bewirken, wenn sie das eigentliche Problem verfehlen. Hat die Wikipedia ihre Wachstumsgrenze erreicht? Gibt es inzwischen nicht zu fast jedem Thema einen Artikel und kaum noch neue, die geschrieben werden können? Sind Detailverbesserungen und Korrekturen allein nicht mehr reizvoll für neue Editoren und verlieren sie gerade deshalb das Interesse? Diese These vertritt die US-Zeitschrift “The Atlantic”. Die englische Wikipedia sei “voll”, die wichtigen Themen wie historische Ereignisse seien weitgehend beschrieben. Die Atlantic-Autorin bezieht sich dabei auf den Historiker und Wikipedia-Autoren Richard Jensen, der in der jüngsten Ausgabe des “The Journal of Military History” schlicht zu dem Schluss kommt, dass es eine endliche Anzahl von Dingen gibt, über die man schreiben kann (PDF):

“After an encyclopedia reaches 100,000 articles, the pool of good material shrinks. By the time one million articles are written, it must tax ingenuity to think of something new. Wikipedia passed the four million article mark in summer 2012.”

Er beschreibt dies am Beispiel des Wiki-Eintrags zum Britisch-Amerikanischen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und dem Vereinigten Königreich, auch bekannt als Krieg von 1812. Der Eintrag, der mit großer Sorgfalt von 3000 Autoren zusammengestellt worden ist, wurde 2008 noch von 256 Editoren regelmäßig überarbeitet. Heute sind es gerade einmal 28 Wikipedianer, die an dem Artikel werkeln. Dabei hat sich die Zahl der Leser von 434.000 auf heute 623.000 gesteigert. Viel umfangreicher als der bereits sehr gewaltige Artikel selbst (14.000 Wörter) ist die Hintergrunddiskussion: Etwa 600 Teilnehmer haben eine bereits über 200.000 Wörter umfassende Debatte zusammengeschrieben. Eine paradoxe Situation, die aber zeigen soll, dass der Artikel bereits so viele Bearbeitung hinter sich hat, dass es nicht mehr viel zu tun gibt, außer sich hinter den Kulissen über das Klein-Klein zu streiten. Ein ähnliches Phänomen lasse sich, so Jensen, auch beim Eintrag zum Zweiten Weltkrieg beobachten, den seiner Meinung nach wichtigsten militärhistorischen Wikipedia-Eintrag.

Für Jensen gibt es nur einen Ausweg aus der Misere. Wikipedia sei zwar ein sehr ausgereiftes Nachschlagewerk mit einer stabilen organisatorischen Struktur und einem guten Ruf. Das Problem sei aber der Mangel an Wissenschaftlichkeit. Um einen professionellen Standard zu erreichen müsse die Wikimedia Foundation finanziell in qualifizierte Redakteure investieren. Als Vorbild dient Jensen dabei die in New York ansässige gemeinnützige Organisation JSTOR (Journal STORage), die ein im Gegensatz zu Wikipedia kostenpflichtiges Online-Archiv mit älteren Ausgaben ausgewählter Fachzeitschriften betreibt. Zweifelhaft bleibt, ob dies nicht der Idee der weltweiten Wikipedia-Gemeinschaft, freies Wissen fernab kommerzieller Interessen möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, gänzlich zu wider läuft.

Die These von der Grenze des Wachstums hat ihre Berechtigung. Es gibt eine sehr große Zahl von historischen Ereignissen, die in Wikipedia bereits so umfassend beschrieben sind, dass dem kaum noch etwas hinzuzufügen ist. Doch Wikipedia ist deshalb noch lange nicht am Ende: Geschichte und Geschichten werden täglich neu geschrieben. Tag für Tag entstehen Hunderte neue Artikel zum aktuellen Zeitgeschehen (im September entstanden 362 neue Artikel; Höchststand im Dezember 2006: 854 neue Artikel). Der Arabischen Frühling, das Erdbeben in Japan 2011, der Bürgerkrieg in Syrien, die Wulff-Affäre, der Europäische Stabilitätsmechanismus, die Sommer-Paralympics 2012, die 13. Documenta Kassel, der Prozess um die Pussy-Riot-Mitglieder oder aktuell die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten sind Beispiele für eine Enzyklopädie, die aktueller und thematisch umfangreicher nicht sein kann.

Und seien wir ehrlich: Was wäre Wikipedia ohne die vielen bizarren und witzigen Einträge, die das Online-Leben versüßen. Kennen Sie Mike the Headless Chicken oder das fliegende Spaghettimonster? Was wissen Sie über die Pommesgabel oder Absurdistan?

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