Admin-Wahlen, Männerüberschuss bei Wikipedia, Autorenschwund und Bot-Autoren: Tut sich da was?

Wikipedia hat viele Schwachstellen, brüstet sich aber damit, durch seine starke Community immer besser zu werden. Was bei dem Blick in Diskussionen innerhalb der Wikipedia auffällt, ist, dass manche Wikipedianer viele Probleme des Projekts genauso kritisch sehen, wie wir bei Wiki-Watch. Haben diese Diskussionen positive Auswirkungen auf das festgefahrene Projekt Wikipedia? Kann die Wikipedia sich aus eigener Kraft erneuern und reformieren? Diese Frage versuchen wir anhand der folgenden Beispiele zu beantworten.

Adminwiederwahl:

Einige Admins sind schon sehr lange im Amt. (Allein 22 Admins seit 2006 und 15 seit 2004) Diese sehr einflussreichen Wikipedia Nutzer müssen sich nur dann einer Wiederwahl stellen, wenn ein gewisses Quorum an anderen Nutzern dies fordert. Warum gibt es für die Admins keine fixen Amtsperioden mit anschließender Wiederwahl? Eine überzeugende Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Gerade weil die Admins in der Wikipedia mit einer recht großen Machtfülle ausgestattet sind, ist der naheliegendste Gedanke für ein kooperatives Projekt, dass diese Macht in regelmäßigen Abständen bestätigt werden muss und auch wieder entzogen werden kann. Auch wenn sich einige Admins zur Vergrößerung ihrer Legitimation Wiederwahlen stellen, ändert das nichts daran, dass immerhin 105 Administratoren fünf bis zehn und teilweise sogar mehr Jahre ohne Wiederwahl im Amt sind.

Männerüberschuss:

Wikipedia ist – überspitzt gesagt ein Projekt von Männern für Männer. Was kann sich daran ändern, dass  90 % der Autoren und immerhin noch 67 % der Leser der Wikipedia Männer sind? Ein Anfang wäre es, Frauen in Wikipedia weniger unsichtbar zu machen. Warum behandeln 84 % der Biografien in der deutschsprachigen Wikipedia Männer? Warum sind unter den Editoren so überwältigend wenige Frauen? Bis jetzt war gegen die Geschlechterungleichheit bei Wikipedia kein Kraut gewachsen. Die Chancen, dass (sinnvolle) Initiativen, wie zum Beispiel der Edit-a-thon zum Internationalen Frauentag etwas bewirken, stehen schlecht. Solange die Benutzeroberfläche der Wikipedia unübersichtlich und verwirrend, der Umgangston rau und die Auslegung der Regeln der Wikipedia pedantisch und selbstgerecht ist, werden sich wohl kaum mehr Frauen (und Männer) als Autoren gewinnen lassen.

Autorenschwund:

Ein User beschwert sich berechtigterweise darüber, dass die Wikipedia immer weniger Autoren hat. In seinem Ausblick sieht er auch für die Zukunft keine Wende bei den Autorenzahlen und glaubt, dass alle Maßnahmen, um neue Autoren zu gewinnen, vergeblich bleiben werden. Dasselbe Thema greift eine andere Nutzerin  auf, die sich darüber hinaus beschwert, dass die vorhandenen Nutzer kaum Inhaltlich arbeiten würden, sondern ihre Zusammenarbeit im Großen und Ganzen auf Formalien beschränken. Die von Wikipedia beschworene Schwarmintelligenz, der keine Fehler entgehen sollen, funktioniert so ganz sicher nicht. Ganz im Gegenteil ist eine Zusammenarbeit im Schwarm nicht erkennbar.

Aber kann man es den Autoren, die aufhören Wikipedia zu editieren, verdenken, dass sie sich Löschdiskussionen, Edit-Wars und unkooperatives Verhalten anderer Autoren nicht mehr länger antun wollen?

Bots als Autoren:

Wiki-Watch hat das Thema bereits beleuchtet. Auch die Wikipedianer selbst scheinen sich Gedanken zu machen, ob sie den oben beschriebenen Autorenschwund und die gewaltige Arbeitslast durch den Einsatz von KI-Autoren, die Artikel aktualisieren können, kompensieren können.  Ein Nutzer glaubt jedoch, dass der Einsatz von Bots zur Aktualisierung, selbst wenn er technisch möglich wäre, am Widerstand der deutschen Wikipedia Community scheitern würde. Wir bei Wiki-Watch haben bereits festgestellt, dass Bots ganz ohne großen Widerstand bereits massenhaft in der deutschen Wikipedia eingesetzt werden. (Leider) Typisch für Wikipedia ist dabei, dass dieser Einsatz sehr intransparent erfolgt.

 

Fazit:

Die von Wikipedia Nutzern erkannten Probleme sind schon lange bei Wiki-Watch und in anderen kritischen Quellen besprochen worden.  Wikipedia ist zu männlich, zu undemokratisch, zu undurchsichtig, unnötig komplex und von einem frostigen Arbeitsklima durchsetzt.

Trotzdem sind bis dato keine Verbesserungen zu erkennen. Sinnvolle Reformideen, wie eine regelmäßige Adminwiederwahl oder eine Klarnamenspflicht für Wikipedia-Autoren werden zwar innerhalb und außerhalb der Wikipedia immer wieder gefordert. Umgesetzt wurden sie jedoch bis heute nicht. Es bestätigt sich einmal mehr: Wikipedia ist reformunfähig und von einer Clique weniger alteingesessener rechthaberischer Nutzer und Admins beherrscht.

Was kann man dagegen tun? Wir bei Wiki-Watch ermuntern jede(n), an Wikipedia mitzuwirken und ihr/sein Wissen einzubringen. Frei nach dem Motto: “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ sollte jeder, der mit dem Zustand von Wikipedia unzufrieden ist, einfach selbst anfangen sie besser zu machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Wikipedia besser wird, steigt nicht durch ein oder zwei neue User. Aber ohne diese wird sich erst recht nichts verändern. Darüber hinaus hilft es, den Scheinwerfer der Öffentlichkeit auf die Missstände von Wikipedia zu lenken.

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Wikipedia und die Bots: Wer kontrolliert wen?

Nach einem Arte Beitrag über Wikipedia begannen Diskussionen darüber, ob die Wikipedia Nutzer Aka oder Invisigoth67 Bots seien oder nicht. Angesichts von hochgerechnet mehreren hundert Edits pro Tag darf dies zumindest bezweifelt werden. Deshalb stellt sich die Frage, was die ca. 1600 Bots in der englischsprachigen und ca. 400 Bots in der deutschsprachigen Wikipedia genau tun und wer sie bei ihrer Arbeit überwacht.

Welche Arten von Bots gibt es?

Die meisten Bots erledigen Routineaufgaben, sie finden Fehler in Rechtschreibung oder Grammatik, entfernen Links oder verschieben Artikel in Kategorien. Hauptsächlich basieren sie auf dem in der Programmiersprache Python verfassten Skript Pywikibot. Darüber hinaus können manche Bots schon im Internet verfügbare Informationen aktuell halten. Als Beispiel seien dafür Umsatz und Gewinn börsennotierter Konzerne genannt. Ein Großteil der von Bots bei Wikipedia verrichteten Arbeit sind also anspruchslose Routineaufgaben. In einigen fremdsprachigen Wikipedias werden bereits Bots eingesetzt, um Artikel zu „verfassen“. Dabei legen sie leere Artikel zu Themen von Relevanz an. Warum könnten Bots sinnvoll sein? Die Wikipedia hat ein Personalproblem. Sie schafft es unverändert nicht, genügend motivierte Autoren zu finden. Das ist jedoch gleich aus mehreren Grünen dringend notwendig:

1. Damit die Wikipedia mehr ist als nur ein Onlineforum für wenige Schreibwütige, braucht sie qualitativ hochwertige Artikel. Damit die Masse der Artikel gut ist, braucht es viele Autoren. Kurz gesagt: ohne Schwarm keine Schwarmintelligenz!

2.  Die Aktualisierung vorhandener Artikel ist aufgrund ihrer schieren Masse eine Sisyphusaufgabe, die mit der vorhandenen Menge an (aktiven) Autoren kaum durchgeführt werden kann. Zumindest nicht ohne Abstriche bei der Qualität, insbesondere Richtigkeit, Präzision und Neutralität. Kurz gesagt: Ohne Schwarmintelligenz gibt es statt freiem Wissen vor allem freies Halbwissen. Viele Versuche, mehr Autoren und insbesondere auch Autorinnen zu finden, schlugen bislang fehl. Es ist also nur folgerichtig, dass die Wikipedia versucht Routineaufgaben zu automatisieren.

Was genau ist kritisch am Einsatz von Bots?

Es wird bei vielen Benutzern nicht benannt, wenn diese mit Bots arbeiten. Das schadet der Transparenz hinter Wikipedia. Nicht jeder eingesetzte Bot wird allem Anschein nach als solcher gekennzeichnet, obwohl die Regeln der Wikipedia da so vorsehen. Wie kommen zum Beispiel die Eingangs erwähnten Benutzer Aka und Invisigoth67 zu so vielen Edits? Die Antwort ist einfach: Ohne einen gewissen Grad an Automatisierung ist das schlicht und einfach nicht möglich. Warum werden solche Accounts nicht gekennzeichnet? Auch hier zeigt sich was für fast alle Regeln der Wikipedia gilt: Alle Autoren sind gleich. Aber manche sind gleicher als die anderen. Die beiden Nutzer rechtfertigen die nicht vorhandene Kennzeichnung dadurch, dass sie die vom Bot gefunden Fehler selbst korrigieren würden. Selbst wenn man davon ausgeht, dass das richtig ist, trägt es nicht zur Transparenz bei. Wer garantiert denn, dass in der Wikipedia nicht schon längst Texte von Bots produziert werden, oder dass Bots beim Versuch Paid Editing zu verhindern, Inhalte zensieren?

Fazit:

Das eigentliche Problem der Wikipedia können Bots nicht lösen: Sie hat zu wenige Autoren, um ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Das liegt daran, dass ihre Strukturen für Neueinsteiger nur schwer zu durchschauen sind und ältere Wikipedianer bevorzugen. Hinzu kommt, dass die Wikipedia mit veralteten und unnötig komplizierten Benutzeroberflächen sowie einem rauen Umgangston sehr viele motivierte Freiwillige abschreckt. An diesen Punkten zu arbeiten, bedeutet dicke Bretter zu bohren. Routineaufgaben sollten jedoch noch stärker transparent an Bots delegiert werden. Menschliche Autoren können sich dann den Tätigkeiten widmen, die auch nur von Menschen ausgeführt werden können. Das Verfassen, korrigieren und verbessern von sachlich richtigen, präzisen lexikalischen Artikeln.

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Medienecho: Arte berichtet!

Arte Kultur beleuchtete die weit bekannten Mängel des steckengebliebenen Projekts Wikipedia. Kann sich die Wikipedia so aufstellen, dass sie nicht von einer Minderheit der Adminsitratoren verwaltet wird, die ihre eigenen Eitelkeiten über das Interesse an einer hochwertigen, präzisen und umfassenden Datenbank für offenes Wissen stellen?
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Wiki-Watch Medienecho

Die Wikipedia ist oft von ihren hohen Idealen des neutralen Wissens und der produktiven Zusammenarbeit der „Schwarmintelligenz“ sehr weit entfernt. Warum das so ist und wie sich das ändern kann war Thema eines n-tv Podcasts aus der Reihe: „Wieder was gelernt“ Im Rahmen dieses Podcasts wurde auch der Leiter der Arbeitsstelle „Wiki-Watch“ Prof. Dr. Johannes Weberling interviewt. Den Podcast finden sie hier: https://soundcloud.com/ntv_nachrichten/136-von-wegen-neutral-wikipedia-braucht-mehr-kontrolle Die Meldung dazu finden sie hier: https://www.n-tv.de/mediathek/audio/Podcast-zu-Wikipedia-Die-freie-Enzyklopaedie-braucht-mehr-Kontrolle-article21056649.html
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Neutral nur wenn es uns passt? – Wikipedia und das Leistungsschutzrecht

Wikipedia will neutral sein. Wie passt es da, dass sie versucht das Europaparlament mit Extrempositionen zu beeinflussen?

Ein „neutraler“ Akteur macht Stimmung gegen eine Reform.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Fix_copyright_German_Wikipedia.png
Urheber: Wikimedia und Wikipedia Lizensiert nach CC BY-SA 3.0

Worum geht es bei der Debatte um das Leistungsschutzrecht?

Das Leistungsschutzrecht ist stark umstritten. Es wurde vor 5 Jahren in Deutschland eingeführt, um die Urheber von regelmäßigen Publikationen im Internet besser davor zu schützen, dass mit ihren Inhalten Werbeeinnahmen erzielt werden, an denen sie nicht beteiligt werden. Bis Dato hält sich der Erfolg dieser Maßnahme jedoch in engen Grenzen.[1] Eine Initiative der europäischen Kommission will dieses Leistungsschutzrecht nun auf europäischer Ebene im Rahmen der Urheberrechtsharmonisierungsrichtlinie einführen.

In der Debatte über diese Richtlinie sind zwei Lager deutlich erkennbar. Auf der einen Seite stehen Zeitungsverlage mit großen Redaktionen, die ihr Geschäftsmodell bedroht sehen. Sie wollen die Werbeeinnahmen, die durch das Ansehen ihrer redaktionellen Inhalte entstehen möglichst wenig mit Google et al. teilen. Berechtigterweise stellen sie daraufab, dass die von ihnen erstellten Inhalte eine geistige Leistung seien, die sie nicht kostenlos zur Verfügung stellen können oder wollen. Aktuelle, unabhängige und auch kontroverse Berichterstattung werde schließlich nicht von den großen amerikanischenInternetplattfomen bereitgestellt, sondern von ihnen.

Auf der anderen Seite stehenviele sogenannte Netzaktivisten, Vertreter von Online Communities und die Wikimedia Foundation als Trägerverein der Wikipedia. Diese führen an, dass das freie Internet und viele ähnliche Dinge durch das Leistungsschutzrecht bedroht wären. Ihre Befürchtung ist, dass die Wikipedianer in Zukunft keine durch das Leistungsschutzrecht geschützten Inhalte zitieren können. Weiterhin sehen sie die automatisierten Upload Filter als Vorstufe zur automatisierten Zensur an. Wenn es nach ihnen ginge, sollte auch beim Urheberrecht das „notice and takedown“ – Verfahren beibehalten werden. Die Frage, wie ein gleich effektiver aber verhältnismäßiger Schutz der Urheberrechts- und Leistungsschutzrechtsinhaber aussehen kann, bleibt bei ihrer Betrachtung außen vor.

Die Kampagne der Wikimedia arbeitet mit recht suggestiven Methoden. Das ist durchaus üblich für dieTeilnehmer einer politischen Auseinandersetzung und daher auch nicht weiterverwerflich.

Aber: Warum verwirft die Wikimedia das für die Wikipedia stets vorgetragene Banner der Neutralität in dieser Debatte so bereitwillig?

Die Zankäpfel: Leistungsschutzrecht und Upload-Filter

Das Leistungsschutzrecht als solches und die automatisierten Upload Filter werden in der Kampagne von Wikimedia auf Wikipedia und ihrer eigenen Internetpräsenz kategorisch abgelehnt. Ein automatisierter und durchaus fehleranfälliger Upload Filter ist vielleicht bedenklich. Er ist auf jeden Fall eine diskussionswürdige Maßnahme. Unverständlich bleibt hier jedoch, warum das Instrument ohne Alternativen zu nennen verdammt wird.[2] Den Upload Filter als Vorstufe zur Schaffung einer automatisierten Zensur zu bezeichnen geht sehr weit. Das Blockieren von Nutzerinhalten durch Plattformbetreiber wurde aber auch im Kontext des deutschen NetzDG durchaus kritisch von der Öffentlichkeit betrachtet.

Angesichts der Bedeutung des Internets für die freie Meinungsäußerung gilt es an dieser Stelle mit Fingerspitzengefühl zu agieren.

Die Wikimedia Foundation vertritt hier einen Standpunkt, der von einem Teil der Öffentlichkeit vertreten wird.  Eine Alternative zu dieser Position, die Upload Filter ersatzlos entfallen zu lassen, wäre die Verpflichtung für Plattformbetreiber den Rechteinhabern Schnittstellen zur Verfügung zu stellen, damit diese selbst automatisiert nach Urheberrechtsverletzungen suchen können.[3] So könnte das auch bei Persönlichkeitsrechtsverletzungen im Internet in Deutschland bewährte „Notice and Takedown“ – Prinzip erhalten bleiben, ohne den Urheberrechtsschutz komplett aufzugeben.

Eine solche vermittelnde Position ist der Wikimedia-Kampagne nicht zu entnehmen. Auf Neutralität wird hier einfach verzichtet.

Es ist auch nicht ausgemacht, dass Artikel 13 des Vorschlags für die Richtlinie einen Zwang zur Nutzung von Upload Filtern vorsieht. Er sieht nur vor, dass Inhalte nicht ungefiltert hochgeladen werden können. Ein Zwang zur automatisierten Kontrolle ist dem Entwurfstext nicht zu entnehmen. Aber auch dieser Fakt geht in den tendenziösen Aufrufen vonWikimedia unter.

Auch beim Leistungsschutzrecht setzt der Trägerverein der Wikipedia auf schwer haltbare Maximalpositionen. Denn für Online Enzyklopädien wie Wikipedia wurde im Richtlinienentwurf eine Ausnahmeregelung vorgesehen. Es ist schwer nachvollziehbar, dass ein europaweites Leistungsschutzrecht Wikipedia mehr beeinträchtigen soll, als es das deutsche Leistungsschutzrecht bei der deutschen Wikipedia getan hat. Dort waren die von Wikimedia postulierten negativen Effekte auf die Arbeit der Wikipedianer ausgeblieben.

Fazit

Wikimedia vergibt mit dieser Einseitigkeit eine große Chance. Würde sie sich dem Anspruch der Wikipedia gemäß neutral verhalten, hätte sie eine moderierende Position im Streit um die Urheberrechtreform einnehmen können. Stattdessen gibt man sich bei der Wikimedia Foundation alle Mühe, die Ansprüche von  Wikipedia an sich selbst zu konterkarieren.

Die Trägerstiftung von Wikipedia hat ihrem Projekt einen Bärendienst erwiesen.


[1]https://www.golem.de/news/leistungsschutzrecht-vg-media-darf-google-weiterhin-bevorzugen-1805-134412-2.htmlDurch die für die Wahrnehmung der Rechte gegründete VG Media wurde 2017 Einnahmen von nur 30.000€ erzielt.

[2] https://blog.wikimedia.de/2018/09/11/wikipedia-traegt-heute-schwarz-warum-die-reform-des-urheberrechts-das-freie-netz-gefaehrdet/ (Textmitte)

[3]https://juliareda.eu/2018/09/showdown-urheberrecht/

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Martin Selmayr und die Wikipedia − ist der Aufruhr berechtigt?

Martin Selmayr hat seinen Wikipedia Artikel selbst bearbeitet und der Spiegel hat dies skandalisiert.[1] Kann ihm das vorgeworfen werden? Was geschah rund um seinen Artikel tatsächlich? Wiki-Watch schaut genauer hin.

  • Methode der Untersuchung
  • „Typische“ Biographieartikel in Wikipedia
  • Edits durch ein Benutzerkonto Namens: „Martin Selmayr“
  • Reaktion der Wikipedia
  • Hat die Community den unzulässigen Einfluss zurechtgestutzt?
  • Berechtigter Aufruhr?

Das Amt des Generalsekretärs der EU-Kommission ist einer der wichtigsten Posten der EU, der dazu nur langfristig vergeben wird. Der schnelle und zumindest unübliche Aufstieg Martin Selmayrs vom Kabinettschef des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker zum Generalsekretär der Kommission wurde von einigem medialen Aufruhr begleitet. An dieser Stelle wollen wir aber nur einen Teil der Geschichte untersuchen:

Wie hat Martin Selmayr seinen Wikipedia Artikel verändert und wie hat die Wikipedia darauf reagiert?

Methode der Untersuchung

Dazu ist zunächst zu klären, welche Informationen die Wikipedia normalerweise in Biographien enthält. Im Anschluss daran untersuchen wir, ob die Einfügungen Selmayrs das für Wikipedia übliche und erwünschte Maß überschritten haben. Nach dieser Bewertung ist zu prüfen, ob die Wikipedia angemessen, das heißt mit enzyklopädischem Anspruch, auf die Änderungen reagierte.

„Typische“ Biographieartikel in Wikipedia

Die Wikipedia enthält Biographien vieler relevante und weniger relevante Persönlichkeiten.  Die Formatvorlage der Wikipedia für Biografien liefert einen ersten Anhaltspunkt, was in Biografien gehört, und was nicht. Dass jeder Mensch anders als der Vorherige ist, ist so sehr eine Binsenweisheit wie die, dass die Menschen sich trotzdem recht gut in Gruppen einteilen lassen.

Daher ist es zielführend, eine Vergleichsgruppe von deutschen Politkern mittleren Alters, die ebenso Volljuristen sind, zu bilden. So kann ermittelt werden, was die Autoren der Wikipedia bei Personen mit einem ähnlichen Lebenslauf für relevant hielten. Eine Stichprobe von drei Personen soll zu diesem Zweck ausreichen. Diese enthält die Artikel über: Katharina Barley(SPD), Ulrich Lange(CSU) und Stefan Ruppert(FDP).

 

Wie Sie der Infografik entnehmen können, sind auch dieser, recht kleinen Stichprobe, ein Katalog von häufig bis weniger häufig vorkommenden Informationen zu entnehmen.

 

Wie Sie der Infografik entnehmen können, sind auch dieser, recht kleinen Stichprobe, ein Katalog von häufig bis weniger häufig vorkommenden Informationen zu entnehmen.

Edits durch ein Benutzerkonto Namens: „Martin Selmayr“

Der besagte Account fügte am 29. Dezember 2017 gleich mehrere Informationen in den Artikel ein.

So konnten die Nutzer der Wikipedia dort erfahren, dass schon Martin Selmayrs Großvater hochrangiger Offizier in Wehrmacht und Bundeswehr war, welche Summer School er besucht hat, seine Position zu den Vorwürfen, er habe Informationen aus den Brexit Verhandlungen durchgestochen und eine haargenaue Nacherzählung seines akademischen Lebenslaufs und der Errungenschaften der Kommission während seiner Zeit als Kabinettschef der Kommission des Kommissonspräsidenten.

Das Nutzerkonto Martin Selmayr ist zumindest gegenüber dem Support Team der Wikipedia als seines verifiziert worden. Von einer verdeckten Beeinflussung kann daher nicht die Rede sein.

Dies ändert jedoch nichts daran, dass die vom o.g. Konto eingefügten Informationen weit über die übliche Menge an Informationen in Biografien für Politiker hinausgeht. Die enzyklopädische Relevanz dieser Einfügungen ist zum größten Teil fragwürdig bis nicht vorhanden. Das Bemühen um die Einnahme eines neutralen Standpunktes ist den Änderungen kaum zu entnehmen.

Nun kann es niemandem vorgeworfen werden, dass er in einem möglichst guten Licht dastehen möchte. Gerade Politiker sind in einem hohen Maße darauf angewiesen als kompetent und glaubwürdig zu erscheinen. Die Wikipedia -eine der meisten besuchten Websites der Welt – selbst zu bearbeiten ist daher nur logisch. Außerdem ist es nicht die Aufgabe des Herrn Selmayr nur relevantes und neutrales Wissen in seinem Artikel zu sammeln.

Es ist die Aufgabe des Schwarmes der aktiven Wikipedia Autoren, sich gegenseitig zu kontrollieren und aus vielen Beiträgen ein möglichst neutrales und umfassendes Bild einer Person zu erarbeiten.

Reaktion der Wikipedia

Viel spannender als die Frage, ob die Änderungen durch Herrn Selmayr in diesem Umfang gerechtfertigt waren, ist daher eine ganz andere Frage:

Wie hat die Wikipedia auf die großzügige Eigenwerbung eines hochrangigen Europapolitikers in seiner Wikipedia Biographie reagiert?

Bereits am 29. Dezember monierte Nutzer Brodkey65, dass die umfangreichen Änderungen und Einfügungen durch das Wikipedia-Support-Team gesichtet und genehmigt wurde, obwohl die Änderungen kaum vereinbar mit den Prinzipien der Wikipedia seien.

Daraufhin passiert erst einmal eine Weile wenig bis nichts, bis Ende März die Biografie auf ein enzyklopädisches Maß zurechtgeschrumpft wurde.

Hat die Community den unzulässigen Einfluss zurechtgestutzt?

Da die Wikipedia naturgemäß nicht mit einer Stimme spricht, gebietet es die Fairness in dieser Bearbeitung zwischen dem Umgang einzelner Nutzer und dem des Support-Teams mit den Änderungen durch Herrn Selmayr zu unterscheiden.

Die Nutzer des Artikels bemühten sich bald, unwichtiges auszusortieren, unausgeglichenes in neutrales zu verwandeln und Belege zu finden. Ihnen ist kein Vorwurf zu machen. Sie führten vor, wie klassische enzyklopädische Arbeit aussehen sollte.

Das Wikipedia-Support-Team hingegen kommt in der Nachbetrachtung weniger gut davon. Es ist nur schwer nachvollziehbar, warum eingefleischte Wikipedianer so unausgegorene Änderungen und Einfügungen bei der Sichtung zulassen. Diese Menschen sollte ein erhöhtes Bewusstsein dafür haben, dass die Wikipedia eben nicht Spielball einzelner Interessengruppen oder Personen sein darf. Sie ist dazu da, umfassend und neutral relevantes Wissen zu sammeln. Warum in diesem Fall nicht schon das Support Team den Widerspruch der Edits zu diesem Prinzip deutlich gemacht und dementsprechend gehandelt hat, bleibt schleierhaft.

Berechtigter Aufruhr?

Die zu Beginn gestellte Frage nach der Berechtigung des Aufruhrs über Martin Selmayr und den Wikipedia Artikel über ihn, kann daher folgendermaßen beantwortet werden:

Der Vorwurf des Spiegels, Selmayr habe seinen Wikipedia Artikel geschönt ist zwar berechtigt, geht aber doch fehl. Martin Selmayr kann nicht vorgeworfen werden, dass er versucht im öffentlichen Licht gut dazustehen. Auch die Garnierung des Artikels mit Kritik an seiner Arbeit als Kabinettschef Jean-Claude Junckers ist eher unsachgemäß. (Die viel wichtigere Kritik an dem fragwürdigen Weg Herrn Selmayrs zu seinem neuen Posten an der Spitze des Beamtenapparates der EU Kommission kommt eher zu kurz.)

(Auch die Frage, warum hauptamtliche Wikipedia Mitarbeiter die großzügige Selbstdarstellung von Spitzenpolitikern durchwinken, wird nur oberflächlich angesprochen)

Doch gerade hier liegt der Knackpunkt:

Jeder kann Wikipedia bearbeiten, nur sollte die Community schnell herausfiltern können, was in Artikel gehört und was nicht. Bei genau diesem Lackmus Test lieferte die Wikipedia ein gemischtes Bild ab:

Das Support-Team winkte unkritisch durch, während die Bearbeiter des Artikels diesen in den folgenden Monaten zurück auf den enzyklopädischen Standard brachten.

Immerhin kann man dem Spiegel zu Gute halten, dass er mit diesem Artikel einem breiten Publikum vermittelt, dass sie die Informationen aus Wikipedia nicht unkritisch als korrekt und neutral annehmen kann.

Dieser Punkt kann gar nicht oft genug in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerufen werden.

 

Schon viele Leser haben die Möglichkeit genutzt ihre Meinung zu unseren Artikeln als Kommentar unter diesen zu hinterlassen. Fühlen auch Sie, liebe Leser sich herzlich eingeladen, dies ebenfalls zu tun!


[1]„Korrekturen um 3:45“ Ausgabe 12/2018.

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Paid Editing-ein vergessenes Phänomen?

Über Paid Editing wurden große Debatten geführt, bis die Wikipedia eine Transparenzpflicht einführte. Hat sich diese wie befürchtet als zahnloser Tiger erwiesen oder griff sie? Wiki-Watch schaut nach, was daraus wurde.

Gliederung:

  • Paid Editing und Wikipedia – ein Paar mit gemeinsamer Vorgeschichte
  • Was ist Paid Editing?
  • Wie ging Wikipedia in der Vergangenheit damit um?
  • Was ist seit dem Sommer 2014 zum Thema Paid Editing passiert?
  • Was ist von dieser Entwicklung noch zu erwarten?

Paid Editing und Wikipedia – ein Paar mit gemeinsamer Vorgeschichte

Wikipedia ist sehr beliebt.  Daher verwundert es kaum, dass Unternehmen und Werbeagenturen auf dieser Plattform in möglichst vorteilhaftem Licht erscheinen wollen. Keine andere Seite, die frei von jedermann bearbeitet werden kann, wird so oft angeklickt. Ein Unternehmen, dass einen Wikipedia Artikel hat, strahlt einen gewissen Status und Seriosität aus. Aus diesem Zusammenhang hat sich das Phänomen Paid Editing entwickelt.

Was ist Paid Editing?

Paid Editing ist das Verändern von Inhalten der Wikipedia („Editing“) durch Autoren, die dafür bezahlt werden („Paid“).

An sich ist das nichts Verwerfliches, schon 2013 hatte ein großer Teil der Wikipedianer kein Problem mit gewissen Formen des Paid Editing.

Von näherem betrachtet, kann man Paid Editing in zwei Felder aufteilen.

Auf der einen Seite gibt es Marketingunternehmen oder PR-Abteilungen großer Aktiengesellschaften, die mit verifizierten Accounts aktuelle Informationen über ihre Klienten beziehungsweise Unternehmen wie zum Beispiel Mitarbeiterzahlen, Umsatz, Gewinn etc. in die Wikipedia einpflegen. So können Informationen über große Aktiengesellschaften in hohem Maße aktuell gehalten werden bei Werten, die den vierteljährlichen Unternehmensberichten zu entnehmen sind. Kennzeichnend bei dieser Form des Paid Editing ist, dass es offen geschieht. Dadurch soll eine gewisse Transparenz gewährleistet sein.

Auf der anderen Seite gibt es Agenturen und Unternehmen, die versuchen Werbebotschaften in Wikipedia Artikel einzuführen. Dort werden dann z.B. Artikel über Unternehmen in die Wikipedia gebracht, die weit außerhalb des Rahmens der Relevanzkriterien für Unternehmen sind.[1] Diese Praxis widerspricht natürlich dem Gebot des neutralen Standpunktes. Sie wird häufig durch Sockenpuppennetzwerke und mit sehr ausgefeilten Taktiken durchgeführt wie zum Beispiel der Verwendung von separaten Schreiberaccounts und Sichteraccounts, deren Glaubwürdigkeit vorher „hochgezüchtet“ wurde. (Wiki-Watch berichtete)

Beide Phänomene haben eines gemeinsam: Kommerzielle Interessen finden Einzug in das gemeinfreie Projekt Wikipedia.

Wie Wikipedia damit in der Vergangenheit umging

Diese Entwicklung ist keine neue. Die Wikipedia als gemeinfreies Projekt musste sich schon lange mit dem Thema „Paid Editing“ auseinandersetzen.

Im Juni 2014 änderte die Wikimedia-Foundation ihre Richtlinien. Nun sollten Autoren, die für das Verfassen eines Artikels bezahlt werden, dieses als solches kennzeichnen. Erhofft hatte man sich, dass einerseits die Erkennbarkeit von bezahlten Schreibern für die Wikipedia Community erhöht wird und andererseits das Paid Editing durch klare Kennzeichnung aus einer schmuddeligen Grauzone entfernt wird.

Was ist seit dem Sommer 2014 zum Thema Paid Editing passiert?

Dieser Beschluss ist mehr als dreieinhalb Jahre alt. Hat er Wirkung gezeigt?

Zunächst fällt auf, dass das Thema nicht mehr debattiert wird. So fallen die meisten Suchergebnisse im Web als auch in den sozialen Netzwerken auf die Jahre 2013 bis 2015. Zumindest in der englischsprachigen Wikipedia scheint das Paid Editing ein Wachstumsmarkt zu sein.[2]

Im deutschsprachigen Netz mag sich auch niemand mehr so richtig darüber aufregen.[3]

Paid Editing in der Wikipedia ist zumindest kein Anlass mehr für große Debatten. Zumindest ein Ziel der Kennzeichnungspflicht ist damit erreicht worden. Seriöse PR-Agenturen und Unternehmen, werden nicht mehr als Bedrohung für die Wikipedia gesehen.

Die Quellenlage zu den „schwarzen Schafen“ der Lohnschreiber ist leider nur sehr dünn. Das liegt in der Natur der Branche, die nun nicht mehr im Halbschatten, sondern im Dunkeln agiert. Der Arbeitsaufwand den Sichter und Administratoren für das Fernhalten von Wikipedia aufwenden müssen, scheint nicht signifikant gesunken zu sein.

Die Pflicht für bezahlte Schreiber, sich als solche auszuweisen, hat also keine substanzielle Besserung gebracht. Wie erwartet konnte sie die schwarzen Schafe unter den bezahlten Autoren nicht davon abhalten, Unternehmensartikel zu sehr kleinen Unternehmen in die Wikipedia zu bringen oder Werbung und andere fern vom neutralen Standpunkt liegende Ansichten unterzumischen.

 

Was ist von dieser Entwicklung noch zu erwarten?

Auf der einen Seite ist der Autorenschwund schon seit Jahren traurige Realität. Daher ist es richtig, die seriösen bezahlten Schreiber in die Wikipedia einzubinden. So können die Symptome des Mangels an Autoren leicht abgefedert werden, ohne die Ursachen angehen zu müssen.

Nicht außer Acht zu lassen ist dabei, dass die Zahl der unbezahlten Autoren durch das offene Zugehen auf bezahlte Schreiber noch weiter sinken kann. Wer möchte schon seine Freizeit opfern, Inhalt zu erstellen, wenn andere dafür bezahlt werden? Wer möchte schon seine Zeit damit verbringen, unzulässige Werbebotschaften oder irrelevante Artikel über Kleinstfirmen aus der Wikipedia zu entfernen?

Der Autor, der sich trotz des rauhen Umgangtons und der hohen Anforderungen an Relevanz, Quellenarbeit und Form der Artikel für die Wikipedia engagiert beweist zwar große intrinsische Motivation. Aber es ist nicht ausgemacht, dass diese nicht durch die oben genannten Einflüsse schwindet.

Die Technologie ist leider noch nicht so weit, dass ganze Wikipedia Artikel von Bots geschrieben werden können oder Werbeedits automatisch erkannt werden. Dies ist jedoch eine der wenigen Möglichkeiten, die immer größer werdende Lücke zwischen dem Aufwand, eine große Zahl an Artikeln auf enzyklopädischem Standard aktuell zu halten und der bestenfalls stagnierenden Anzahl an Autoren zu schließen.

Auch eine Klarnamenspflicht für die Bearbeiter der Wikipedia wäre nicht zielführender als die momentane Lösung. Wer möchte, wird es in einem Internetprojekt wie der Wikipedia immer schaffen, gleich mehrere falsche Identitäten zu nutzen. Einen effektiven Schutz vor den schwarzen Schafen im Bereich Paid Editing könnte man so auch nicht garantieren.  Ganz abgesehen davon, kann die Wikipedia eine weitere Hürde für neue Autoren wirklich nicht gebrauchen.

Der Nutzer der Wikipedia erwartet neutrale und umfassende Informationen. Ob dieser Anspruch wirklich erfüllt wird, kann er nicht ohne Weiteres herausfinden. Das Produkt Wikipedia sollte also mit Vorsicht genossen werden. Selbst wer sich die Mühe macht, zu überprüfen, ob kommerzielle Autoren hinter einem Artikel stehen, wird das nicht immer herausfinden können.

Der Status und die Legitimität, die ein Unternehmen dadurch gewinnt, einen Wikipedia Artikel zu haben, sind enorm. Nicht zuletzt verweisen auch wir auf dieses Phänomen beim Erkennen von Fake News. Jedoch darf die Wikipedia niemals die einzige Quelle sein, die man für belastbares Wissen konsultiert. Sie kann höchstens der Ausgangspunkt auf der Suche nach belastbaren Informationen sein.


[1] Auch für Unternehmen ist jedoch umstritten, ob die Relevanzkriterien nicht viel zu streng sind. https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Meinungsbilder/Relevanzkriterien_f%C3%BCr_Unternehmen_und_Marken#Problembeschreibung

[2] Trotz der Einleitung des Artikels verstößt Paid Editing, -wie dargelegt- nicht zwangsläufig gegen die Wikipedia Richtlinien.

[3] Es findet sich nur eine Anleitung zum Richtlinienkonformen Schreiben für Pressesprecher von Marvin Oppong. https://www.pressesprecher.com/nachrichten/dos-and-donts-fuer-kommunikatoren-im-wikipedia-671063591

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Siebzehn Jahre Wikipedia: Was ist aus ihren Prinzipien geworden?

Wikipedia fing heute vor siebzehn Jahren an, das Wissen der Welt für alle frei zugänglich zu sammeln. Ihr Anspruch an sich selbst war, fundierte und neutrale Artikel in einem kollegialen Redaktionsumfeld, dass für alle offen ist, zu schreiben. Wird Wikipedia diesem siebzehn Jahre nach ihrer Gründung noch gerecht?

 

Gliederung:
• Die Ursprünge
• Die Prinzipien von Wikipedia
• Welche Prinzipien fehlen Wikipedia?
• Peer-review um Wikipedia (noch) besser zu machen?
• Fazit

Die Ursprünge:
Um diese Frage zu beantworten, werfen wir einen Blick auf die Herkunft von Wikipedia. Diese entstand nicht aus dem nichts, sondern hatte einen Vorläufer Namens Nupedia.
Ähnlich wie Wikipedia sollte Nupedia eine frei verfügbare Online Enzyklopädie werden, die von freiwilligen Nutzern zusammengetragen wird. Diese sollten Experten für das Fachgebiet sein, dessen Artikel sie bearbeiten. Sie fingen nicht an, Online einen Artikel zu schreiben, sondern wurden damit beauftragt.
Im Gegensatz zur Wikipedia wurden bei Nupedia jedoch recht strenge Maßstäbe an die Qualität der Artikel angelegt. Ein siebenstufiges Peer-Review Verfahren sollte dafür sorgen, dass die Artikel höchsten Qualitätsstandards entsprachen.
Dieser Prozess stellte sich jedoch als recht schwerfällig heraus. In der Hoffnung mehr Rohmaterial für das aufwendige Procedere gewinnen zu können, wurde am 15.01.2001 Wikipedia online gestellt. Deren deutlich offeneres System der Artikelerstellung führte zu einem rasanten Wachstum an verfügbaren Inhalten. Die prominente Listung vieler Wikipedia- Artikel in den Suchergebnissen der – damals ebenfalls recht neuen – Suchmaschine Google sorgte für große Zugriffszahlen. Die großen Zugriffszahlen sorgten für viele neue Autoren. Die vielen neuen Autoren sorgten für mehr Artikel. Mit dieser Dynamik konnte Nupedia nicht mithalten und wurde bald aufgegeben.

Die Prinzipien von Wikipedia:
Frei zugängliches Wissen, das Arbeiten nach dem Wiki-Prinzip, eine kollegiale und gemütliche Atmosphäre unter den Autoren, die danach streben, Themen aus einem neutralen Standpunkt zu beschreiben.
Nach der Overtüre durch Nupedia trat nun also Wikipedia an, um mit diesen Prinzipien eine Online Enzyklopädie zum Leben zu erwecken.
Das Vorhaben freies Wissen anzuhäufen gelang Wikipedia dann auch besser als allen anderen Projekten, die sich daran versuchten. 16,44 Millionen Artikel weltweit, davon mehr als 2 Millionen allein in Deutschland, sprechen eine eindeutige Sprache. Der Umfang dieser Ressource ist gewaltig.
Das Wiki-Prinzip, nach dem Texte kollaborativ erstellt und bearbeitet werden sollen, wobei Textänderungen als Protokoll verfügbar bleiben, wurde beispielhaft umgesetzt. Bis heute kann Wikipedia ohne Administratorrechte und Anmeldung von jedem bearbeitet werden. Eine gründlichere Umsetzung des Wiki-Prinzips ist schwer vorstellbar.
Gerade dieses Merkmal machte Wikipedia zu einem deutlich größeren Erfolg als Nupedia.
Die kollegiale und gemütliche Atmosphäre unter den Autoren ging in den letzten Jahren mehr und mehr verloren. Immer häufiger sind Beschwerden über das vergiftete Klima und den Verfall der Debattenkultur in der deutschen Wikipedia zu vernehmen.
Die Darstellung des neutralen Standpunkts erreicht Wikipedia dort, wo viele Autoren motiviert schreiben. Dazu und zur Pflege der großen Artikellandschaft braucht es viele Freiwillige. Wenn diese jedoch häufiger vergrault werden, wird es Wikipedia mehr und mehr schwer haben Artikel vom neutralen Standpunkt aus darzustellen.
Die Verwirklichung ihrer Prinzipien ist Wikipedia zwar gelungen. Es sind jedoch Abstriche zu machen bei dem Umgang der Beteiligten untereinander. Hinter der Zukunft des neutralen Standpunkts steht auch daher ein Fragezeichen.
Abgesehen von den obigen Kriterien ist auch die Frage zu stellen, ob diese Prinzipien wirklich ausreichend sind.

Welche Prinzipien fehlen Wikipedia?
Unter den oben genannten Leitmotiven fehlt eines, dass Nupedia besonders wichtig war:

Die Qualität der Artikel.
Wikipedia hat in vielen Teilen einen hohen Grad an Qualität erreicht. Allerdings gibt es unverändert viele Artikel, deren Qualität höchstens bescheiden ist. Auch die nötige Kürze, Präzision und Quellenarbeit fehlt oft.
Um diesem Problem zu begegnen wurden Verfahren eingeführt, die einem Peer-Review gleichen, jedoch nicht dieselbe Wirksamkeit aufweisen. Redaktionen für einzelne Themenbereiche, strenge Relevanzkriterien sowie viele Hilfsangebote für neue Autoren sollen die Qualität weiter steigern.
Aber warum versucht es Wikipedia nicht auch mit einem neuen/alten Verfahren?


Peer-review um Wikipedia (noch) besser zu machen?
Das in der Wissenschaft weit verbreitete peer-review Verfahren, bei dem Artikel zu Themen von anderen Forschern zum selben Thema vor ihrer Veröffentlichung auf ihre Relevanz und Richtigkeit überprüft werden, könnte auch Wikipedia zu einem Qualitätsschub verhelfen.
Ein zurück zum komplizierten Prozess von Nupedia ist nur schwer vorstellbar. Dieser könnte jedoch weiterentwickelt werden und die Enzyklopädie noch besser machen.
So könnten ältere Artikel alle zwei bis drei Jahre von Autoren der jeweiligen Redaktion überprüft werden. Die Löschung von Artikeln sollte nicht unbedingt Autoren vorbehalten werden, sondern könnten Nutzern der Themenportale übertragen werden. Durch Wahl könnten die Wikipedianer so den Nutzern das Löschrecht in die Hände legen, denen sie besondere Kompetenz in einem Themenkreis zutrauen. So könnte auch die Debattenkultur in Wikipedia verbessert werden, weil die Diskussion auf fachlicher Ebene stattfinden könnte.

Fazit:
Von ihren Wurzeln der Nupedia hat sich Wikipedia weit entfernt. Das macht sie so erfolgreich. Viele ihrer Prinzipien aus der Anfangszeit hat Wikipedia gut umgesetzt. Für einige gilt das aber nicht mehr. Bei anderen sieht die Zukunft ohne Veränderung zum Besseren blass aus.
Bei der Qualität der Artikel besteht in vielen Bereichen Verbesserungsbedarf. Ein stärkerer Fokus auf Qualität durch die Einführung einer Art Peer-Review könnte das ändern.
Sind unter Ihnen, liebe Leser, auch Nutzer der ersten Stunde? Denken Sie, dass Wikipedia ihre Prinzipien ernster nehmen sollte?
Denken Sie, dass ein Peer-Review Verfahren helfen könnte. Wie würden Sie dieses gestalten?
Wir freuen uns sehr auf Ihre Erfahrungen, Meinungen und Kommentare. Nutzen Sie dazu gern die Kommentarspalte unter diesem Artikel!

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Tagesaktualität der Wikipedia

Geschichte wird sprichwörtlich von Siegern geschrieben. Wer beschreibt aber die Gegenwart, in der noch keiner gesiegt hat? Anders gesagt: Wer beschreibt die Gegenwart schnell und objektiv?

In zahlreichen Vergleichsstudien, in denen sowohl die deutsche als auch die englische Wikipedia gegen gedruckte Enzyklopädien antraten, gewannen diese in puncto Schnelligkeit haushoch. Das erscheint naheliegend, wenn man bedenkt, dass die Wikipedia ein Online Medium ist und ihre früheren Konkurrenten in gedruckter Form erschienen. Die Möglichkeit der Wikipedia schnell auf Veränderungen zu reagieren, ist sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal. Andererseits gibt es auch keine enzyklopädische Konkurrenz mehr für die Wikipedia.

Auch wenn die Wikipedia ausdrücklich kein Newsportal sein will, so wird sie auch bei aktuellen Ereignissen als neutrales und zutreffendes Medium wahrgenommen.

Wird Wikipedia dieser Wahrnehmung gerecht?

Gegenstände der Untersuchung:

Um diese Frage hinreichend beantworten zu können, bedarf es mindestens eines Untersuchungsgegenstands.

Hier kommt als hochgradig polarisierendes Ereignis die US Präsidentschaftswahl 2016 in Frage. Auch deshalb war dieses Ereignis im Zusammenhang mit der Wikipedia bereits Thema dieses Blogs. Als weiterer Untersuchungsgegenstand, der näher an der Gegenwart ist, können die Sondierungsgespräche zur sogenannten Jamaika Koalition dienen.

Die Untersuchungsgegenstände sind damit benannt. Nach welcher Methode kann dieses unkonventionelle Medium beurteilt werden? Die Betrachtung der beiden Untersuchungsgegenstände hat einen Haken: Sie sind mehr oder weniger abgeschlossen, die Aktualität der Wikipedia zu diesen Ereignissen kann jedoch schwer beurteilt werden. Denn neue Entwicklungen zu diesen Themen sind nur noch spärlich zu erwarten.

Für den recht frischen Artikel zu den Jamaika-Sondierungsgesprächen 2017 mag das noch nicht unbedingt gelten, für die US Präsidentschaftswahl 2016 jedoch schon.

Hier könnte die Versionsgeschichte der Wikipedia von großem Nutzen sein.

Mit ihr lässt sich vergleichsweise einfach feststellen, wie schnell und umfangreich aktuelle Entwicklungen in die Artikel eingepflegt wurden.

Zunächst gilt es jedoch das aktuellere der beiden Ereignisse zu untersuchen:

Die Sondierungsgespräche zur Jamaika Koalition nach der Bundestagswahl 2017 sind vor gerade einmal sechs Wochen gescheitert. Die Sondierungsgespräche wurden von intensiver Berichterstattung in der Medienlandschaft begleitet.

Wie vollständig, neutral und zutreffend ist der Artikel zu diesem recht frischen Thema nach so kurzer Zeit?

Auf den ersten Blick wirkt abschreckend, dass jeder der drei Abschnitte des Artikels überarbeitungsbedürftig ist. Bis auf die These, dass „die Presse“ eine Schwarz-Grün-Gelbe Regierung als Bündnis der westdeutschen Mittelschicht ansehe, bleibt der erste Abschnitt keine Belege schuldig und beschreibt in angenehmer Kürze die Ausgangslage für die Sondierungen. Im genannten Absatz zur Charakterisierung der Dreierkonstellation als Bündnis der westdeutschen Mittelschicht wird jedoch eine recht starke Formulierung gewählt, obwohl als Beleg nur ein einzelner Bericht angefügt wird. Hier wäre es angemessen gewesen die Formulierung ganz zu entfernen oder zumindest klar zu machen, dass diese Ansicht nicht von anderen Medien aufgegriffen wurde.

In der Darstellung der Verhandlungen wird der Verhandlungsverlauf extrem knapp zusammengefasst. Obwohl ein Nutzer auf der Diskussionsseite darauf hinweist, dass mehrere Quellen existierten, mit denen eine neutrale Chronik der Verhandlungen erarbeitet werden könnte, geschah dies bis dato nicht. Der Erkenntniswert dieses Abschnitts ist dementsprechend gering.

Im Rest des Artikels begnügen sich die Autoren damit, mehr oder weniger ausführlich Äußerungen von Beteiligten und Unbeteiligten zu zitieren. Für Leser, die das Ereignis nicht in der Berichterstattung verfolgten, könnte dies einen Informationswert bieten.

Alles in allem fällt auf, dass der Artikel inhaltlich recht dürftig gehalten ist. Der geneigte Leser wäre, wenn er sich umfassend informieren wollte, besser damit bedient, Artikel zum Scheitern der Sondierungen in anderen Medien zu lesen. Diese bieten mindestens genauso viel Inhalt, wie der Wikipedia Artikel, in den meisten Fällen allerdings wesentlich mehr.

Kann die Wikipedia überhaupt aktuell und zutreffend sein?

Das Urteil der Wikipedianer, dass alle Abschnitte des Artikels einer Überarbeitung bedürfen, ist vollkommen zutreffend. Liegt das an diesem einen Thema oder sind es strukturelle Probleme, die das Schreiben von guten Wikipedia Artikeln zu aktuellen Themen erschweren?

Auf die seit Jahren schwindende Zahl an aktiven Autoren hinzuweisen, ist auch an dieser Stelle angebracht. Jedoch greift dieser Hinweis zu kurz.

Die Wikipedia hat das Problem, dass sie gerade bei aktuellen Themen auf Online-Berichterstattung angewiesen ist. Wo Themen nur unzureichend behandelt werden, kann die Wikipedia das nicht auf eigene Faust nachholen, da sie ihre Aussagen an Hand von Quellen belegen muss. Tut sie das nicht, wird sie ihrem enzyklopädischen Anspruch nicht gerecht.

Auf der anderen Seite kann Wikipedia durch die Gesamtschau vieler Medien ein ausgewogenes Bild bieten. Das muss jedoch nicht zwangsläufig so sein. Es braucht Autoren, die sich die Mühe machen, alle aktuellen Berichte zu sichten, zusammen zu fassen und in einem zutreffenden und ansprechenden Text zu zitieren.

Die Wikipedia kann also durchaus aktuell und zutreffend sein. Voraussetzung ist nur, dass es ausreichende Quellen gibt und motivierte Autoren. Ansonsten kann sie nicht mehr Erkenntnis bieten als ein Pressespiegel.

Vielleicht ist dieses Beispiel auch nur unglücklich gewählt. Am Beispiel des Wikipedia Artikels zur US Wahl 2016 lässt sich gut nachvollziehen, dass aktuelle Entwicklungen sehr schnell und umfassend in den Artikel eingepflegt werden können. Nachvollziehen lässt sich das mit Hilfe der Versionsgeschichte, aus der hier zitiert wird. Diese finden sie am oberen Rand jedes Wikipedia Artikels links neben der Suchleiste. Das Ganze sieht dann zum Beispiel so aus:

(Sollten sie Probleme haben, diese  oder die folgende Grafik zu erkennen, können sie sie per Mausklick vergrößern.)

Der Rückzug des republikanischen Bewerbers Ted Cruz aus dem Rennen um die republikanische Kandidatur am 3. Mai 2016 fand bereits am nächsten Tag Eingang in die Wikipedia.

Hier zeigt sich anschaulich, dass motivierte Autoren schnell gute Arbeit leisten können.

Fazit:

Die Stichprobe zur Klärung der Güte von Wikipedia Artikeln zu laufenden Entwicklungen liefert ein gemischtes Bild. Durchweg hohe Qualität ist nicht erkennbar. Die enzyklopädische Bearbeitung von Themen braucht Zeit und viele fleißige Autoren. Dass die Wikipedia deshalb ausdrücklich kein Nachrichtenportal sein möchte, ist nur folgerichtig.

Den Lesern kann daher nur nahegelegt werden, ihre aktuellen Informationen auf anderen Kanälen zu suchen.

Wie immer interessiert uns natürlich Ihre Meinung zu diesem Thema, liebe Leser des Wiki-Watch Blogs! Nutzen Sie Wikipedia, um laufende Ereignisse zu verfolgen? Auf welche Methode greifen Sie zurück, um sich einen schnellen Überblick über die Nachrichtenlage zu solchen Themen zu verschaffen?

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Was wurde aus…? Das Schicksal von Brockhaus et als. 15 Jahre nach dem Start von Wikipedia

Noch in dieser Generation war er aus keinem Haushalt des Bildungsbürgertums wegzudenken. Ob als Statussymbol, faktenbasierter Schiedsrichter bei heißen Diskussionen am Esstisch oder schlicht und einfach als geballte Ansammlung von schnell verfügbarem Wissen, war der dreißig bändige Brockhaus eine unverrückbare Institution.

Mit der 21. Auflage des Klassikers von 2006 und der Auflösung der Lexikonredaktion im Jahr 2014 hat der Brockhaus die Wikipedia gerade mal um fünf beziehungsweise dreizehn Jahre überlebt.

Den Brockhaus ereilte damit das selbe Schicksal wie das Segelschiff, das vom Dampfschiff ersetzt wurde, das Pferd, das durch das Automobil als Transportmittel überflüssig wurde und so viele andere obsolet gewordene Technologien oder Dienstleistungen. Der Brockhaus und andere Enzyklopädien wurden durch die Wikipedia, die dieselbe Dienstleistung kostenlos online anbot, in den Augen ihrer Kunden überflüssig. Ein disruptiver Effekt zerstörte das Geschäftsmodell der Enzyklopädieverlage.

Doch ist die Geschichte wirklich so simpel?

Zunächst lohnt ein Blick auf die Entstehung einer so umfangreichen Enzyklopädie wie dem Brockhaus oder der Encyclopedia Britannica.

Große Nachschlagewerke wie zum Beispiel der Brockhaus sind das Produkt der Arbeit von bis zu einhundert Redakteuren und einer Vielzahl von weiteren wissenschaftlichen Mitarbeitern. Diese versuchen nicht den neutralen Standpunkt zu einem Thema zu finden, sondern das gesicherte Faktenwissen zu einem Stichwort möglichst informativ, verständlich und knapp zusammen zu fassen.

Im Vergleich zur Wikipedia, bei der die Identität und Qualifikation der Autoren grundsätzlich unbekannt ist und die Qualität der Eintragungen vor allem durch den Diskurs der Autoren erreicht werden soll erscheint diese Art, Wissen zu sammeln, wie aus der Zeit gefallen.

Daher erscheint es nur folgerichtig, dass die Wikipedia zahlreiche Untersuchungen auflistet, die belegen sollen, dass ihre Artikel trotz der Freiwilligkeit und Anonymität ihrer Autoren mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser sind als die der enzyklopädischen Konkurrenten.

Ein genauerer Vergleich der Qualität von großen Enzyklopädien und Wikipedia wäre schon deshalb nicht mehr sinnvoll, weil weder der Brockhaus, noch das Zeit Lexikon, die Bertelsmann Lexikothek oder irgendein anderes gebundenes Großlexikon noch aktualisiert werden.

Diese werden daher automatisch von Jahr zu Jahr schlechter abschneiden als die Wikipedia.

Auch beim Umfang des abgebildeten Wissens scheint die Wikipedia die klassischen Enzyklopädien bei weitem zu übertreffen, so hat die Wikipedia ungefähr siebenmal so viele Artikel, wie der große Brockhaus 2006 Stichworte hatte. Auch diese Tatsache kann man -wo auch sonst- in der Wikipedia nachschlagen.

Diese Fakten beantworten jedoch nicht die folgende Frage:

Hinterlassen die großen Enzyklopädien eine Lücke?

Die Antwort auf diese Frage kann nur ein klares „Jein!“ sein.

Auf der einen Seite wird eine so geballte Ansammlung an Faktenwissen, die so hohen Standards an Richtigkeit und Kompaktheit boten, wie die großen Enzyklopädien, auf absehbare Zeit nicht existieren.

Wie kann man aber nach dem Ende der großen Enzyklopädien sicheres Faktenwissen schnell finden? Auch wenn die Wikipedia in vielerlei Hinsicht stetig besser wird und viele sehr gute ausgewogene und hervorragend belegte Artikel aufweist, kann sie schon durch ihre Arbeitsweise nicht durchweg den selben wissenschaftlichen Standard bieten wie eine große Enzyklopädie. Der Nutzer, der bereit wäre den Preis für ein solches Lexikon zu zahlen ist so wieder darauf angewiesen, in der einschlägigen Wissenschaftsliteratur selbst nach Informationen zu suchen.

Auf der anderen Seite bietet die Wikipedia etwas, was die großen Enzyklopädien durch die Natur ihres Geschäftsmodells nie bieten konnten: (kosten)freies Wissen!

Vorausgesetzt, dass die Wikipedia belastbare Informationen und Fakten liefert, ist es auch aus Gerechtigkeitsgründen nur wünschenswert, dass ein gutes umfangreiches Nachschlagewerk frei verfügbar ist und nicht 2800€ oder ca. zwei Monatsnettolöhne eines Vollzeitarbeitnehmers mit Mindestlohn kostet.

Einer Monopolisierung von Wissen und Bildungschancen wird so vorgebeugt.

Wer die Wikipedia mit wachen und kritischen Augen liest, hat eine bemerkenswerte Wissensressource in seinen Händen.

Ob sie die große Enzyklopädie wirklich gleichwertig ersetzen kann, kann dahingestellt bleiben, da sie genau das faktisch getan hat.

Nun ist es an Ihnen, liebe Leser:

  • Wie sind Ihre Erfahrungen mit Brockhaus et al.?
  • Würden Sie noch das Geld in die Hand nehmen, um einen aktuellen Brockhaus o.ä. zu kaufen, wenn es diese noch gäbe?
  • Wo verschaffen Sie sich heutzutage Überblickswissen, zu Themen, bei der die Wikipedia schwach ist?

Schreiben Sie uns, wir freuen uns über jeden Kommentar und jede Zuschrift!

 

 

Foto von: Florian Hirzinger Lizensiert nach CC BY-SA 3.0 Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Brockhaus_Enzyklop%C3%A4die#/media/File:Draft01_wkp.png

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