Rüge für die Wikipedia oder Paid Editing reloaded!

Die Wikipedia ist oftmals intransparent und unfähig zur Veränderung. Diese bittere Wahrheit hat jetzt auch der Deutsche Rat für Public Relations erlebt.

Worum geht es?
Eine Einrichtung der freiwilligen Selbstkontrolle fordert die Wikipedia auf, größere Transparenz für Beiträge aus der Feder bezahlter Schreiber zu schaffen, wird zunächst von Ansprechpartner zu Ansprechpartner verwiesen, nur um dann zu erfahren, dass die Wikipedia Community mit Paid-Editing so umgeht, wie sie es für richtig hält. Daraufhin spricht diese Selbstkontrolleinrichtung eine Rüge gegen Wikipedia aus und veröffentlicht sie.

Wer sind die Beteiligten?
Der Deutsche Public Relations Rat oder DRPR ist eine Institution die die Einhaltung gewisser ethischer und qualitativer Mindeststandards in der PR Branche überwacht. Dazu haben sich zahlreiche Unternehmen der Branche freiwillig in einem Trägerverein zusammengeschlossen und einen Regelkatalog, den Deutschen Kommunikationskodex entworfen. Dessen Einhaltung kann der DRPR mit öffentlichen Rügen anmahnen. Weiterhin können Menschen, die unsachgemäße Arbeit im Berufsfeld Public Relations melden möchten, dies beim DRPR tun. Das Konzept ist vergleichbar mit dem Deutschen Presserat, der auf Basis des Pressekodex handelt.

Die Wikimedia Foundation bedarf bei dem geneigten Leser dieses Blogs eigentlich keiner weiteren Vorstellung. Sie ist nach einer sehr umstrittenen Ansicht einiger deutscher Gerichte und der Eigendarstellung der Wikipedia Trägerin und Betreibern der Plattform Wikipedia. Wer in Deutschland den Rechtsweg gegen die Wikipedia beschreiten muss, wird deshalb allzu häufig auf den aussichtslosen Klageweg gegen die Wikimedia Foundation verwiesen.

Wikimedia Deutschland e.V. ist ebenso bekannt, wie ihr amerikanisches Pendant. Nach eigenen Angaben ist der eingetragene Verein nicht mehr als ein Förderverein für die deutschsprachige Wikipedia. Er tut jedoch weit mehr als nur die Wikipedia von außen zu fördern. So vertritt Wikimedia Deutschland regelmäßig die Wikipedia vor deutschen Gerichten, wenn es darum geht Rechte der Wikipedia wahrzunehmen. Nach einer immer stärker werdenden Rechtsansicht, ist die deutsche Wikipedia deshalb als Vertreterin der Wikipedia anzusehen. Auch ohne tiefere Rechtskenntnisse ist es schwer nachzuvollziehen, warum die Rechte der deutschen Wikipedia von Wikimedia Deutschland wahrgenommen werden, ihre korrespondierenden Pflichten aber von der Wikimedia Foundation.

Was ist geschehen?
Der DRPR hat die Richtlinien der Wikipedia für Paid-Editing untersucht und festgestellt, dass sie nicht den Anforderungen des Deutschen Kommunikationskodexes entsprechen. Vertreter des Gremiums kontaktierten darauf die Wikimedia Foundation, die ihnen erklärte, dass bezahlte Autoren selbst dafür verantwortlich sind, offenzulegen, dass sie für ihre Mitarbeit bezahlt werden. Die bezahlten Mitarbeiter allein und nicht Wikipedia seien für die Aufklärung über die bezahlte Herkunft von Inhalten verantwortlich. Diese Minimalstandards seien zwar in einigen Wikipedia-Versionen abgeändert worden, jedoch nicht in der deutschen.
Ein Mitglied des Wikimedia Deutschland-Vorstandes verwies darauf, dass Wikimedia keinen Einfluss auf die Wikipedia Community habe und riet dazu, eine Diskussion in der Community anzuregen. Nach den Angaben des DRPR soll das Vorstandsmitglied dies an das – für solche Fragen nicht zuständige Wikipedia-Support-Team weitergeleitet haben. Dieses beschied dem DRPR, dass es nicht zuständig sei und es diverse Diskussionen zum Umgang mit Paid Editing gibt.

Was lernen wir daraus?
Der Deutsche Public Relations Rat hat ein Wikipedia-Thema, dass etwas aus dem Blickwinkel geraten ist, wieder in die Diskussion gebracht. Die Frage, die der DRPR dabei aufwirft, ist durchaus berechtigt: Warum gehört es für Public Relations Unternehmer zum guten Ton, bezahlte Publikationen ganz eindeutig und unmittelbar als solche zu Kennzeichnen und warum gilt dasselbe nicht in der Wikipedia?
Rechtsfolgen
Konkrete Rechtsfolgen wird die DRPR-Rüge nicht verursachen. Rügen von Selbstkontrollorganen können lediglich die Öffentlichkeit auf Missstände aufmerksam machen und so Druck auf den Gerügten erzeugen. Außerhalb dieser Option steht ihnen keine rechtliche Handhabe zur Verfügung.
Diskussion
Die Rüge hat eine gewisse Diskussion entfachen können. Der Geschäftsführer einer PR-Agentur sah sich zur Veröffentlichung eines Leserbriefes als Gegenrede genötigt. Seine Kritik an der Rüge blieb jedoch recht oberflächlich und zeigte, dass er die vollständigen Informationen des DRPR zur Rüge nicht zur Kenntnis genommen hatte. Im Wikipedia Artikel zum DRPR fand die Rüge ebenfalls Erwähnung. Unter der dazugehörigen Meldung im Wikipedia Kurier wurde ebenfalls angeregt – und für Wikipedia Verhältnisse erstaunlich gesittet und konstruktiv – über den Inhalt und die Berechtigung der Rüge diskutiert. Konkrete Folgen dieser Diskussionen im Sinne von Reformvorschlägen sind jedoch nicht erkennbar.

Erkenntnisgewinn
Diese Rüge belegt einmal mehr:

• Die Struktur der Wikipedia ist für Außenstehende, wie zum Beispiel den DRPR nur schwer zu durchschauen.
• Die Verantwortung für die Inhalte der Wikipedia und wie diese präsentiert werden, wird von einem Beteiligten zum nächsten geschoben, ohne dass es klare Zuständigkeiten gibt.
• Wikipedianer sind bereit zu diskutieren, wollen ihre Wikipedia aber mehrheitlich nicht reformieren.

Es bleibt die Hoffnung, dass sich dieser vorläufige Stand beim Thema Paid Editing noch zum Besseren wendet und diese Rüge mehr bewirkt hat, als auf den bisher nicht sonderlich bekannten DRPR positiv aufmerksam zu machen.

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