Der 20. Geburtstag von Wikipedia – Gut aufgestellt für die nächsten zwanzig Jahre?

Am 15. Januar 2021 feiert Wikipedia seinen zwanzigsten Geburtstag. Ein guter Zeitpunkt für uns, um sich Gedanken über die Zukunft von Wikipedia zu machen.

Qualität der Wikipedia

Ein Projekt von Freiwilligen, dass das Wissen der Welt sammelt und frei verfügbar macht. Dieser hehre Anspruch soll bei Wikipedia durch die Arbeit vieler Autoren verwirklicht werden. Schwarmintelligenz nennen die Wikipedianer das. Eine Qualifikation für das Thema, über das der Autor schreibt, muss er nicht nachweisen. Fehler sollen durch eine große Menge an Bearbeitern beseitigt werden. Das war bei klassischen Enzyklopädien noch anders. Hier arbeiteten ausgewiesene Experten auf ihrem jeweiligen Feld an Artikeln, die wiederum nochmals vor der Veröffentlichung gegengelesen wurden.
Der normale Nutzer nutzt Wikipedia jedoch genauso wie eine Enzyklopädie und hinterfragt ihre Inhalte nicht. Belegt wird das unter anderem durch den großen Unterschied zwischen den Zugriffszahlen einzelner Artikel und der dazugehörigen Diskussionsseiten.

Selbst wenn Nutzer das Zustandekommen von Artikeln hinterfragen wollen, sehen Sie auf den Diskussionsseiten oft nur Ausschnitte aus Diskussionen und nicht die vollständige Geschichte eines Artikels. Hinzu kommt, dass die Benutzeroberfläche und die Abläufe der Wikipedia für Laien zu kompliziert sind. Sie müssen sich mehr oder weniger darauf verlassen, dass in der Wikipedia kein Unfug steht.

Das ist allerdings nicht selten der Fall. Ein signifikantes Beispiel für Fehler in Wikipedia ist der englischsprachige Wikipedia-Artikel zum Warschauer Ghetto im Zweiten Weltkrieg. 15 Jahre lang hielt sich dort die Behauptung, dass es im Konzentrationslager Warschau ein Vernichtungslager gegeben haben soll. Das war erwiesenermaßen falsch! Dabei handelte es sich nicht um ein harmloses Redaktionsversehen, sondern um die Einflussnahme polnischer Nationalisten. Seit den siebziger Jahren lancieren diese die erwiesenermaßen falsche Behauptung, in Warschau seien während des Zweiten Weltkriegs hunderttausende nichtjüdische Polen vergast worden. Experten auf dem Gebiet der Geschichte des Zweiten Weltkriegs hätten diese Geschichtsfälschung leicht enttarnt und entfernt. Dem überaus größeren Autoren-Schwarm der Wikipedia gelang das eineinhalb Jahrzehnte lang nicht.

Eine Institution der Wikipedia, die gerade in einem solchen Fall hätte einschreiten müssen, sind die Administratoren. Diese fallen jedoch häufig dadurch auf, dass Sie keine besonders große Fachkompetenz in dem von ihnen verwalteten Sachgebiet aufweisen. Das verwundert nicht, wenn man sich anschaut, wie man in das Amt eines Administrators gelangt. Diese werden durch die Wikipedia Nutzer gewählt. Die Anzahl der abgegebenen Stimmen ist dabei häufig noch sehr viel niedriger, als die sowieso schon geringe Anzahl der aktiven Wikipedia Nutzer. Administratoren sind also diejenigen, die den Beliebtheitswettbewerb in einem sehr kleinen Zirkel von Wikipedianutzern gewonnen haben. Das ist die einzig notwendige Qualifikation, um das größte und beliebteste Lexikon der Welt auf fachliche Fehler zu überprüfen.

Wikipedia und das Geld

Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit bittet Wikipedia ihre Nutzer um Spenden. Dabei wurden in Deutschland allein im Jahr 2020 8.700.000. € generiert. Diese Spenden gehen in Deutschland an den Wikimedia e.V., der sie wie alle anderen Wikimedia-Vereine der Welt an die Wikimedia Foundation weiterreicht, damit diese im Anschluss verteilt werden können.
Die Wikipedia wirkt in ihren Spendenaufrufen grundsätzlich sehr bedürftig. Das Vermögen der Wikimedia Foundation ist allerdings in den letzten zehn Jahren im Mittel um 15 Millionen Dollar pro Jahr gewachsen und betrug 2019 stolze 165 Millionen Dollar.
Obwohl diese Diskrepanz schon zum 15. Geburtstag der Wikipedia beschrieben wurde, setzte sich der Trend ungebrochen fort. Die Wikimedia Foundation nimmt unverändert jedes Jahr deutlich mehr Geld ein, als Sie ausgibt. Da sie nur durch Spenden finanziert wird, sammelt die Wikipedia Jahr für Jahr sehr viele Spenden ein, die sie nicht braucht.
Das führt zur Frage, wofür Wikimedia 165 Millionen Dollar braucht? Die fünftgrößte Website der Welt zu hosten, wird nicht ganz billig sein. Aber wozu braucht die Wikimedia so große Rücklagen, wenn sie es doch jedes Jahr schafft, ihre laufenden Kosten mit Spendenkampagnen zu finanzieren? Eine Antwort auf diese Frage gibt es bis dato nicht.
Landet das Spendengeld, wie den Spendern suggeriert wird, wirklich bei der Arbeit für Wikipedia?
Der Wikimedia e.V. gibt jedes Jahr nicht wenig Geld aus, um seine Autorencommunity zu fördern. Ein Beispiel dafür ist die jährliche Wikicon. Er gibt jedoch zum Beispiel auch viel Geld aus, um die Politik zu beeinflussen. Lobbyismus lautet das Stichwort. Jede Spende an die Wikipedia soll also auch die Politik beeinflussen. Auch das sollte Wikimedia ehrlicherweise in seinen Spendenaufrufen erwähnen.
Darüber hinaus wird Wikipedia mit sehr großen Summen von beinahe allen Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley unterstützt. Ob die Wikipedia die vielen eingeworbenen Kleinspenden überhaupt benötigt, ist daher sehr fraglich.

Undemokratische und intransparente Strukturen

Wikimedia Deutschland e.V. ist nach eigenen Angaben nicht der Betreiber der Wikipedia. Er ist ein eingetragener Verein mit 80.000 Mitgliedern. Dieser Verein soll keine Kontrolle über die Autoren der Wikipedia haben und die Autoren keine Kontrolle über den Verein. Das Geld landet also nicht dort, wo es Wikimedia suggeriert.
Das Geld wird an die Wikimedia-Foundation in den USA weitergeleitet, die wiederum die technische Infrastruktur der Wikipedia unterhält und alle Wikimedias weltweit finanziert.
Verunglimpfungen, Falschaussagen und andere unzulässige Äußerungen auf Wikipedia können aufgrund dieser Struktur nicht einfach gerichtlich verboten werden, da nicht Wikimedia-Deutschland e.V., sondern die Wikimedia-Foundation in den USA Wikipedia betreibt. Stand heute ist Wikipedia in Deutschland faktisch ein rechtsfreier Raum.
Wie kommt es, dass diejenigen, die die Wikipedia erstellen, erhalten und pflegen keinen Einfluss darauf haben, wie die Spenden ausgegeben werden, die genau für diesen Zweck gesammelt wurden?

Auf diese Frage gibt es bis dato keine zufrieden stellende Antwort.

Fazit

Wikipedia hat in zwanzig Jahren viel erreicht. Allerdings werden die vorgenannten Mängel immer offensichtlicher. Ob ihre Redaktionen fachlich gut aufgestellt sind, oder nicht bleibt jedoch weiterhin Glückssache. Die Struktur der Wikipedia und von Wikimedia ist verworren und intransparent. Die Wikimedia sitzt auf einem großen Haufen Geld und niemand weiß, wofür sie es braucht.
Hinzu kommen die altbekannten Probleme des Autorenmangels, der feindseligen Community und der unnötig komplizierten Bedienung und Regelwerke.
Nur wenn sich Wikipedia reformiert und transparenter wird, hat es eine Chance in Zukunft wieder als fundierte Wissens-Datenbank allgemein akzeptiert zu werden. Ansonsten besteht Wikipedia schon aufgrund seiner schieren Größe weiter, ohne allerdings ein ernstzunehmendes Wissens-Kompendiums zu sein.

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