Fußnote, Beleg & Co Die Wikipedia und ihr Umgang mit Quellen

„Wikipedia-Artikel sollen gut gesichertes, etabliertes Wissen enthalten, mit dem Ziel, den aktuellen Kenntnisstand darzustellen. Grundsätzlich sind daher wissenschaftliche Publikationen, insbesondere Standardwerke, begutachtete Veröffentlichungen und systematische Übersichtsarbeiten, die für das Fachgebiet des jeweiligen Lemmas relevant sind, zu bevorzugen. Damit keine veralteten oder überholten Informationen in Wikipedia eingearbeitet werden, sollten möglichst aktuelle Ausgaben Verwendung finden. Ebenfalls zu berücksichtigen ist, inwieweit diese Quellen in den akademischen Diskurs, etwa in akademischen Fachzeitschriften des betreffenden Themengebiets, einbezogen werden und welches Gewicht ihnen darin beigemessen wird.“

Die Standards der Wikipedia könnten auch genauso gut einem Leitfaden zur Einführung in das wissenschaftliche Schreiben dienen. Als ein sich selbst regulierender „Organismus“, der sich seinen Regeln verschrieben hat, dürfte es in der Theorie nicht möglich sein, dass sich schlecht belegte Artikel halten können. Doch wie sieht es in der Praxis tatsächlich aus?

Studien zur Qualität der Wikipedia belegen immer wieder, dass diese mit der Qualität der klassischen Nachschlagewerke wie Brockhaus, Encyclopaedia Britannica et cetera mithalten kann und teilweise sogar besser ist.

Andererseits verstummt auch fast 16 Jahre nach dem Start der deutschen Wikipedia die Kritik an ihrer Qualität noch immer nicht.

Woher rührt also die Unzufriedenheit mit der Exaktheit der Wikipedia? Hilfreich kann ein Blick auf den Umgang mit Quellen sein. Das Finden und Belegen von etabliertem Wissen aus aktuellen Quellen dürfte mit dem Besuch einer öffentlichen Bibliothek problemlos möglich sein. Ob die dann gefundene Quelle Teil des wissenschaftlichen Diskurses ist, kann der Autor mit dem Blick in parallele Werke zur selben Thematik klären.

Der Autor nutzt das OPAC (oder sonstige digitale Verzeichnisse) und findet über die Eingabe des Themengebiets die einschlägige Sach- oder sogar Lehrliteratur. In diesem wird etabliertes Wissen aus dem Blickwinkel eines Autors zusammengefasst. Als nächstes greift der Autor zu den Werken zum selben Thema, die sich gar nicht unwahrscheinlich sogar im selben Regal befindet. Dort wird ebenso das betreffende Gebiet von einem anderen Autor zusammengefasst, der zu den streitigen Fragen der Materie andere Auffassungen vertritt. Am Ende zitiert der Verfasser des Wikipedia-Artikels die beiden Quellen, vertritt in seinem Artikel einen vermittelnden Standpunkt und im Idealfall nennt er die beiden Positionen samt Autoren. Dann setzt er deren Ansichten in Relation zur neutralen Ansicht und hat schließlich einen hochwertigen und informativen Fachartikel geschrieben, aus dem der Leser der Wikipedia seine Informationen aufbereitet und praktisch zusammengefasst schöpfen kann.

Eben dieses Bild geisterte dem Autor dieses Beitrags beim Verfassen durch den Kopf. Es hat eine gewisse Nützlichkeit, um die Schwierigkeiten der Quellenfindung für einen Autor aufzuzeigen. Um im Bild zu bleiben, bleibt bei dieser Betrachtung außen vor, dass auch in den Tiefen des world wide web durchaus gute Quellen zu finden sind, dies ist aber zu einem späteren Zeitpunkt zu erläutern.

Ein solches Kriterium ist wohl gerade für den Autor, der sich neu in eine Materie einliest, ein wertvoller Hinweis. Aber um die Frage welches Gewicht dem Werk im wissenschaftlichen Diskurs beigemessen wird zu beantworten, ist ein breites Überblickswissen erforderlich. Wer zum Beispiel einem Nichtjuristen den Erlaubnistatbestandsirrtum näherbringen will, benötigt dazu zunächst selbst einen umfassenden Überblick über die vertretenen Standpunkte. Darüber hinaus muss er wissen, warum manche Standpunkte nicht mehr vertreten werden können. Zum Schluss bleibt ihm zu mindestens die vertretbaren Lösungen des Problems nennen, um einen neutralen und detaillierten Artikel zu verfassen. Die Wikipedia traut diese Leistung Menschen zu, die nicht zwingend über das notwendige Wissen verfügen und dadurch bedingt, diese Quellen richtig einzuordnen. Kann das auf Dauer überhaupt funktionieren?

An dieser Stelle könnte man den Einwand führen, dass ein Wikipedia Artikel in der Regel nicht nur von einem, sondern mehreren Autoren verfasst wird. Jedoch nutzt auch das im Zweifel wenig, wenn alle diese Autoren nicht über die erforderlichen Fachkenntnisse verfügen. Darüber hinaus ist es fraglich, wie viele Wikipedia Autoren tatsächlich vorrangig nach möglichst neutralen, aktuellen und fachlich hochwertigen Buchveröffentlichungen als Belege für ihre Artikel suchen. Ob die Wikipedia durchgängig ihren eigenen Standards an Belege einhält, lässt sich nur schwer messen. So lässt sich vielleicht auch erklären, warum sowohl die englisch- als auch die deutschsprachige Wikipedia im quantitativ gemessenen Qualitätsvergleich ihre enzyklopädische Konkurrenz schlagen konnten.

Eine weitere spannende Frage ist, welche Quellen den oben genannten Ansprüchen genügen, wenn Fachbücher zum Themenkreis des Artikels gar nicht erst existieren oder aufgrund einer nicht vorhandenen Übersetzung nicht zu beschaffen sind. Über Suchmaschinen[1] ist auch im Internet sehr viel Fachliteratur zu finden. Allerdings verbleiben auch hier die Fragen, ob es den Wikipedia-Autoren 1. Möglich ist, einen umfassenden Überblick über die vertretenen Thesen und Meinungen und deren Rang im wissenschaftlichen Diskurs zu finden und 2. Ob diese Werkzeuge auch von den Autoren genutzt werden.

Mangels belastbarer quantitativer Untersuchungen über den Umgang der Wikipedia mit Quellen bleibt an dieser Stelle nur die Möglichkeit, einzelne Stichproben zu untersuchen.

Ein Beispiel dafür, was motivierte Autoren schaffen können ist der Artikel über den gutgläubigen Erwerb vom Nichtberechtigten. Für die juristischen Laien lässt sich das Thema folgendermaßen kurz zusammenfassen. Im Bürgerlichen Gesetzbuch ist es nicht nur möglich, dass Eigentum an einer Sache von jemandem zu erwerben, der selbst Eigentümer ist oder von diesem beauftragt wurde. In bestimmten Ausnahmefällen erlaubt das BGB auch den Erwerb des Eigentums an Sachen von Personen, die nicht dazu berechtigt waren, diese zu veräußern.

Dieser Themenkomplex wird im oben genannten Artikel nicht nur fachlich richtig belegt und anschaulich erklärt. Der Artikel wird auch mit aktuellen Auflagen der Fachliteratur belegt. Mit der fachlichen Tiefe und Breite der Darstellung in einem Fachkommentar könnte der Artikel vielleicht nicht unbedingt mithalten, doch mit juristischen Kurzlehrbüchern sehr wohl. Auch die Auswahl der Literatur und die vertretenen Anschauungen würden in einer fortgeschrittenen Hausarbeit eines Jura Studenten nicht negativ auffallen.

Der o.g. Artikel ist also ein Beispiel dafür, wie die Wikipedia in einigen Bereichen einen hohen Qualitätsstandard erreicht hat und halten kann. In diesem Gebiet ist das auch unter anderem deshalb möglich, weil das deutsche Zivilrecht in zahlreichen vielfältigen Veröffentlichungen in extenso Teil des wissenschaftlichen Diskurses ist.

Wie sieht jedoch die Quellenlage für einen Artikel zu einem Thema aus, dass nicht im Fokus eines Wissenschaftszweiges steht?

Im Artikel über den Science-Fiction Roman “Förchtbar Maschien” des Autors Iain M. Banks wird das deutlich. Der durchaus Informative Artikel gibt einen Überblick über das besprochene Werk und rezitiert die Kritik dazu. Allerdings werden abgesehen von der englischen und der deutschen Fassung des Werkes nur eine Genre-Übersicht und eine Buchkritik als Quellen angegeben. Die schnelle Suche des Autors dieses Artikels ergab, dass zu diesem Thema auch nicht mehr Quellen online Verfügbar sind. Dieser Artikel ist daher ein schönes Beispiel dafür, wie viele Themen schwer belegbar sind, weil es an online verfügbaren Quellen mangelt und die Autoren eventuell offline verfügbare Quellen nicht nutzen.

Ein drittes Beispiel zeigt, wie selbst ein breiter bekanntes Thema nicht-fiktionales Thema, wie die Umschlagbahnhöfe im Güterverkehr in der Wikipedia zwar beschrieben und erklärt, jedoch nur eher sparsam belegt werden. Von den zehn Quellen, die der Artikel nennt, sind acht Verlautbarungen von Unternehmen, die im Güterverkehr aktiv sind. Zwei weitere sind Presseberichte. An dieser Stelle scheint die Lücke zwischen dem Anspruch der Wikipedia an ihre Autorenschaft und der Realität relativ weit auseinander zu klaffen.

Wikipedia trägt in einigen Bereichen vollkommen zu Recht den Namen einer Enzyklopädie. In vielen anderen Bereichen, wird sie dem eigenen Anspruch an die saubere gut recherchierte und mit Quellen belegte enzyklopädische Arbeit nicht gerecht. Interessant wäre in diesem Kontext, die Art und Weise, wie Wikipedia Artikel belegt werden, quantitativ darauf hin zu analysieren, wie häufig Quellen genutzt werden und welche Quellenkategorie den größten Anteil an den Belegen hat. Das Problem nicht oft genug genutzter offline Quellen scheint aber auch in der Wikipedia Gemeinde erkannt worden zu sein.


[1]http://scholar.google.de/; http://scirus.com; http://www.base-search.net oder http://www.metager.de sind gute Beispiele.

Anmerkung: Dieser Artikel wurde bereits am 02. Mai 2017 auf diesem Blog veröffentlicht, er musste jedoch zur Behebung eines technischen Defekts gelöscht und heute noch einmal gepostet werden.

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