Wikimedia-Chefin Lila Tretikov tritt zurück

Nach nicht einmal zwei Jahren an der Spitze der Stiftung hinter Wikipedia und ihren Schwesterprojekten tritt deren Chefin Lila Tretikov nach einem regelrechten Aufstand der Angestellten von ihrem Posten zurück. Zum Sturz führten Pläne der Wikimedia Foundation einen möglichen Google-Konkurrenten zu bauen.

Die schwelende Führungskrise bei der Wikimedia Foundation hatte schon den 15. Geburtstag von Wikipedia überschattet: ein von der Community gewähltes Vorstandsmitglied wurde von der Foundation ohne Angabe von Gründen aus dem Gremium geworfen. Ein gerade frisch nominierter Ex-Google-Manager musste nach heftiger Kritik und einem Misstrauensvotum von Wikipedianern seinen Posten wieder räumen.

Tretikov teilte ihren Rücktritt ohne Angabe von Gründen auf einer Mailingliste mit. Foto: Von VGrigas (WMF) - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44072628.

Die immer lautere Kritik am Führungsstil von Lila Tretikov war nicht zu übersehen. Wie heise.de, süddeutsche.de und faz.net berichten, war die im Software-Bereich erfahrene Managerin an die Spitze der Wikimedia-Stiftung berufen worden, um sie zu einer schlagkräftigen “High-Tech-NGO” auszubauen. Doch die Umbau-Bemühungen Tretikovs ließen ihre Mitarbeiter oft demotiviert und orientierungslos zurück. Immer mehr Angestellte verließen die Wikimedia Foundation.

Pläne für Google-Konkurrenten verheimlicht

Den Höhenpunkt erreichten die Querelen, nachdem durchsickerte, dass Wikimedia eine neue Suchmaschine plant, für deren Entwicklung die Stiftung bereits eine Spende von 250.000 Dollar erhalten hatte. Erst nach großem Druck aus der Community hatte Tretikov die zunächst geheim gehaltene Spendenvereinbarung mit der Knight Foundation veröffentlicht.

Details aus dem Kontrakt schürten den Verdacht, dass ein direkter Konkurrent zu etablierten Plattformen wie Google, Bing oder Yahoo geplant ist.

Auf Seite 10 heißt es:

“Die Knowledge Engine von Wikipedia wird das Auffinden von Medien, Nachrichten und Informationen demokratisieren. Sie wird die relevantesten Informationen des Internets besser zugänglich und öffentlich editierbar machen. (…) Heutzutage dominieren kommerzielle Suchmaschinen die Suche im Internet. Ihre Algorithmen verschleiern, wie die Informationen im Internet gesammelt und angezeigt werden.”

Die Kritik an Tretikovs intransparenter Führung spitzte sich weiter zu, nachdem sie in einem Blogpost gleichwohl versichert hatte, keine Suchmaschine entwickeln zu wollen.

Sie schrieb:

“Was wir tun? Wir bauen keine globale Crawler-Suchmaschine. Wir bauen kein weiteres, eigenes Wikimedia-Projekt. (…) Trotz gegenteiliger Nachrichten wollen wir nicht mit anderen Suchmaschinen konkurrieren, Google eingeschlossen.”

Doch anders als Tretikov zunächst beteuerte, gab es zuvor sehr wohl Pläne, Google mit einer Suchmaschine Konkurrenz zu machen. Wie heise.de berichtet, waren die Pläne allerdings schon vor einiger Zeit zusammengestrichen worden, nachdem sich die als Geldgeber vorgesehene Knight Foundation nicht hat überzeugen lassen.

Heute ist das Suchmaschinen-Projekt “Discovery” darauf beschränkt, die interne Suche der Wikipedia zu verbessern. Ein freier und offener Google-Konkurrent ist endgültig vom Tisch, so Torsten Kleinz bei zeit.de.

In einem Meeting warfen ihr die Angestellten der Stiftung denn auch vor, Pläne der Foundation nicht klar genug kommuniziert und nur die halbe Wahrheit gesagt zu haben. Einer der Teilnehmer sagte, die Stiftung habe durchaus “große Pläne” für eine Suchmaschine gehabt, diese aber wieder fallen gelassen.

Lila Tretikov zog am 25. Februar 2016 die Konsequenzen aus dem Desaster und trat zurück. Die russischstämmige Programmiererin hatte im April 2014 die Nachfolge von Sue Gardner angetreten. Sie wird noch bis Ende März im Amt bleiben.

Eine Übersicht zu dem Abläufen der Ereignisse bietet die “Wikimedia timeline of recent events” von Molly White. Die Reaktion der deutschsprachigen Community sind hier nachzulesen.

Foto von VGrigas (WMF) - eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, http://bit.ly/28VtZHn.

Update vom 24. Juni 2016:

Auf der Konferenz Wikimania in der norditalienischen Gemeinde Esino Lario hat Wikimedia-Gründer Jimmy Wales überraschend die Ernennung von Katherine Maher zur neuen Chefin der Stiftung bekannt gegeben. Maher hatte das Amt bereits provisorisch inne.

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Eine Antwort auf Wikimedia-Chefin Lila Tretikov tritt zurück

  1. David Wehrter sagt:

    Die Frau wurde letztendlich installiert, nicht wegen ihrer vermeintlichen Kompetenz, sondern wegen ihres Geschlechts. Eine Quotenfrau also, wie es sie auch bei Wikimedia Deutschland gibt.
    https://www.wikimedia.de/wiki/Mitarbeitende

    Der Frauenanteil dort korreliert nicht einmal annähernd mit der Geschlechterverteilung des Fußvolks/der Autoren, das zu ca 87 Prozent aus Männern besteht.
    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/mitmach-enzyklopaedie-maenner-schreiben-die-wikipedia-voll-a-742951.html#js-article-comments-box-pager

    Niemand darf sich wundern, wenn diese ideologisch konterminierte Personalpolitik negativen Einfluss auf die Qualität der Entscheidungen und Strategie von Wikimedia/Wikipedia hat.