Martin Selmayr und die Wikipedia − ist der Aufruhr berechtigt?

Martin Selmayr hat seinen Wikipedia Artikel selbst bearbeitet und der Spiegel hat dies skandalisiert.[1] Kann ihm das vorgeworfen werden? Was geschah rund um seinen Artikel tatsächlich? Wiki-Watch schaut genauer hin.

  • Methode der Untersuchung
  • „Typische“ Biographieartikel in Wikipedia
  • Edits durch ein Benutzerkonto Namens: „Martin Selmayr“
  • Reaktion der Wikipedia
  • Hat die Community den unzulässigen Einfluss zurechtgestutzt?
  • Berechtigter Aufruhr?

Das Amt des Generalsekretärs der EU-Kommission ist einer der wichtigsten Posten der EU, der dazu nur langfristig vergeben wird. Der schnelle und zumindest unübliche Aufstieg Martin Selmayrs vom Kabinettschef des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker zum Generalsekretär der Kommission wurde von einigem medialen Aufruhr begleitet. An dieser Stelle wollen wir aber nur einen Teil der Geschichte untersuchen:

Wie hat Martin Selmayr seinen Wikipedia Artikel verändert und wie hat die Wikipedia darauf reagiert?

Methode der Untersuchung

Dazu ist zunächst zu klären, welche Informationen die Wikipedia normalerweise in Biographien enthält. Im Anschluss daran untersuchen wir, ob die Einfügungen Selmayrs das für Wikipedia übliche und erwünschte Maß überschritten haben. Nach dieser Bewertung ist zu prüfen, ob die Wikipedia angemessen, das heißt mit enzyklopädischem Anspruch, auf die Änderungen reagierte.

„Typische“ Biographieartikel in Wikipedia

Die Wikipedia enthält Biographien vieler relevante und weniger relevante Persönlichkeiten.  Die Formatvorlage der Wikipedia für Biografien liefert einen ersten Anhaltspunkt, was in Biografien gehört, und was nicht. Dass jeder Mensch anders als der Vorherige ist, ist so sehr eine Binsenweisheit wie die, dass die Menschen sich trotzdem recht gut in Gruppen einteilen lassen.

Daher ist es zielführend, eine Vergleichsgruppe von deutschen Politkern mittleren Alters, die ebenso Volljuristen sind, zu bilden. So kann ermittelt werden, was die Autoren der Wikipedia bei Personen mit einem ähnlichen Lebenslauf für relevant hielten. Eine Stichprobe von drei Personen soll zu diesem Zweck ausreichen. Diese enthält die Artikel über: Katharina Barley(SPD), Ulrich Lange(CSU) und Stefan Ruppert(FDP).

 

Wie Sie der Infografik entnehmen können, sind auch dieser, recht kleinen Stichprobe, ein Katalog von häufig bis weniger häufig vorkommenden Informationen zu entnehmen.

 

Wie Sie der Infografik entnehmen können, sind auch dieser, recht kleinen Stichprobe, ein Katalog von häufig bis weniger häufig vorkommenden Informationen zu entnehmen.

Edits durch ein Benutzerkonto Namens: „Martin Selmayr“

Der besagte Account fügte am 29. Dezember 2017 gleich mehrere Informationen in den Artikel ein.

So konnten die Nutzer der Wikipedia dort erfahren, dass schon Martin Selmayrs Großvater hochrangiger Offizier in Wehrmacht und Bundeswehr war, welche Summer School er besucht hat, seine Position zu den Vorwürfen, er habe Informationen aus den Brexit Verhandlungen durchgestochen und eine haargenaue Nacherzählung seines akademischen Lebenslaufs und der Errungenschaften der Kommission während seiner Zeit als Kabinettschef der Kommission des Kommissonspräsidenten.

Das Nutzerkonto Martin Selmayr ist zumindest gegenüber dem Support Team der Wikipedia als seines verifiziert worden. Von einer verdeckten Beeinflussung kann daher nicht die Rede sein.

Dies ändert jedoch nichts daran, dass die vom o.g. Konto eingefügten Informationen weit über die übliche Menge an Informationen in Biografien für Politiker hinausgeht. Die enzyklopädische Relevanz dieser Einfügungen ist zum größten Teil fragwürdig bis nicht vorhanden. Das Bemühen um die Einnahme eines neutralen Standpunktes ist den Änderungen kaum zu entnehmen.

Nun kann es niemandem vorgeworfen werden, dass er in einem möglichst guten Licht dastehen möchte. Gerade Politiker sind in einem hohen Maße darauf angewiesen als kompetent und glaubwürdig zu erscheinen. Die Wikipedia -eine der meisten besuchten Websites der Welt – selbst zu bearbeiten ist daher nur logisch. Außerdem ist es nicht die Aufgabe des Herrn Selmayr nur relevantes und neutrales Wissen in seinem Artikel zu sammeln.

Es ist die Aufgabe des Schwarmes der aktiven Wikipedia Autoren, sich gegenseitig zu kontrollieren und aus vielen Beiträgen ein möglichst neutrales und umfassendes Bild einer Person zu erarbeiten.

Reaktion der Wikipedia

Viel spannender als die Frage, ob die Änderungen durch Herrn Selmayr in diesem Umfang gerechtfertigt waren, ist daher eine ganz andere Frage:

Wie hat die Wikipedia auf die großzügige Eigenwerbung eines hochrangigen Europapolitikers in seiner Wikipedia Biographie reagiert?

Bereits am 29. Dezember monierte Nutzer Brodkey65, dass die umfangreichen Änderungen und Einfügungen durch das Wikipedia-Support-Team gesichtet und genehmigt wurde, obwohl die Änderungen kaum vereinbar mit den Prinzipien der Wikipedia seien.

Daraufhin passiert erst einmal eine Weile wenig bis nichts, bis Ende März die Biografie auf ein enzyklopädisches Maß zurechtgeschrumpft wurde.

Hat die Community den unzulässigen Einfluss zurechtgestutzt?

Da die Wikipedia naturgemäß nicht mit einer Stimme spricht, gebietet es die Fairness in dieser Bearbeitung zwischen dem Umgang einzelner Nutzer und dem des Support-Teams mit den Änderungen durch Herrn Selmayr zu unterscheiden.

Die Nutzer des Artikels bemühten sich bald, unwichtiges auszusortieren, unausgeglichenes in neutrales zu verwandeln und Belege zu finden. Ihnen ist kein Vorwurf zu machen. Sie führten vor, wie klassische enzyklopädische Arbeit aussehen sollte.

Das Wikipedia-Support-Team hingegen kommt in der Nachbetrachtung weniger gut davon. Es ist nur schwer nachvollziehbar, warum eingefleischte Wikipedianer so unausgegorene Änderungen und Einfügungen bei der Sichtung zulassen. Diese Menschen sollte ein erhöhtes Bewusstsein dafür haben, dass die Wikipedia eben nicht Spielball einzelner Interessengruppen oder Personen sein darf. Sie ist dazu da, umfassend und neutral relevantes Wissen zu sammeln. Warum in diesem Fall nicht schon das Support Team den Widerspruch der Edits zu diesem Prinzip deutlich gemacht und dementsprechend gehandelt hat, bleibt schleierhaft.

Berechtigter Aufruhr?

Die zu Beginn gestellte Frage nach der Berechtigung des Aufruhrs über Martin Selmayr und den Wikipedia Artikel über ihn, kann daher folgendermaßen beantwortet werden:

Der Vorwurf des Spiegels, Selmayr habe seinen Wikipedia Artikel geschönt ist zwar berechtigt, geht aber doch fehl. Martin Selmayr kann nicht vorgeworfen werden, dass er versucht im öffentlichen Licht gut dazustehen. Auch die Garnierung des Artikels mit Kritik an seiner Arbeit als Kabinettschef Jean-Claude Junckers ist eher unsachgemäß. (Die viel wichtigere Kritik an dem fragwürdigen Weg Herrn Selmayrs zu seinem neuen Posten an der Spitze des Beamtenapparates der EU Kommission kommt eher zu kurz.)

(Auch die Frage, warum hauptamtliche Wikipedia Mitarbeiter die großzügige Selbstdarstellung von Spitzenpolitikern durchwinken, wird nur oberflächlich angesprochen)

Doch gerade hier liegt der Knackpunkt:

Jeder kann Wikipedia bearbeiten, nur sollte die Community schnell herausfiltern können, was in Artikel gehört und was nicht. Bei genau diesem Lackmus Test lieferte die Wikipedia ein gemischtes Bild ab:

Das Support-Team winkte unkritisch durch, während die Bearbeiter des Artikels diesen in den folgenden Monaten zurück auf den enzyklopädischen Standard brachten.

Immerhin kann man dem Spiegel zu Gute halten, dass er mit diesem Artikel einem breiten Publikum vermittelt, dass sie die Informationen aus Wikipedia nicht unkritisch als korrekt und neutral annehmen kann.

Dieser Punkt kann gar nicht oft genug in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerufen werden.

 

Schon viele Leser haben die Möglichkeit genutzt ihre Meinung zu unseren Artikeln als Kommentar unter diesen zu hinterlassen. Fühlen auch Sie, liebe Leser sich herzlich eingeladen, dies ebenfalls zu tun!


[1]„Korrekturen um 3:45“ Ausgabe 12/2018.

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