Relevanzkriterien und neue Autoren oder: steckt die Wikipedia in einer Sackgasse?

Nachdem wir im letzten Artikel feststellten, dass die saubere Quellenarbeit immer viel Aufwand und oft sehr hohe Sachkenntnis der Materie verlangt, wenden wir uns heute denjenigen zu, die eben diese Arbeit leisten.

Wenn Sie jetzt denken, es geht um Autoren, dann liegen sie vollkommen richtig.

Seit fast zehn Jahren befindet sich die Anzahl der Wikipedia-Autoren in einem Abwärtstrend. Plakativ formuliert: “Wenn die Anzahl der Wikipedia Autoren eine Aktiengesellschaft wäre, hätte auch der letzte Investor das Handtuch geworfen.“

  • Das ist eine bedenkliche Entwicklung, weil die Wikipedia mit ihren ca. 10 Millionen Aufrufen pro Tag eine große Wirkung auf die breite Bevölkerung hat.
  • Für einen großen Teil der Internetnutzer ist sie der Beginn jeder Recherche.
  • Fehler, Ungenauigkeiten und schlechte Recherche in der Wikipedia können also einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung eines Themas haben.

Gerade deswegen ist es interessant zu beobachten, dass die Aufgabe die mehr als zwei Millionen Artikel der Wikipedia stets aktuell zu halten und das lexikalisch Relevante vom Irrelevanten zu trennen, von einer bestenfalls stagnierenden Anzahl von ungefähr eintausend Autoren bewältigt wird.

Angesichts dieser Tendenz drängen sich Fragen danach auf, inwiefern diese schmale Basis an Autoren den hohen Ansprüchen der Wikipedia gerecht werden kann. Gerade das Finden des neutralen Standpunktes erfordert fast schon notwendig eine Diskussion zwischen mehreren Nutzern. Inwiefern dies auch in Zukunft trotz des ungebremsten Autorenschwundes möglich sein wird, ist fraglich.

Doch wie kommt es, dass es der Wikipedia nicht gelingt diesen Schwund aufzuhalten?

Ein großes Problem sei vor allem, dass die Wikipedia Kommune neue Autoren oft nach kurzer Zeit wieder vergraule, wie z.B. der Nutzer Kusanowsky an dieser Stelle vor drei Jahren schrieb.

Ein Problem das von vielen Wikipedia-Autoren (z.B. hier und etwas älter hier) genannt wird, ist die rigide Löschpraxis auf Grund einer strikten Auslegung der Relevanzkriterien durch die Admins.

Was genau sind aber diese Relevanzkriterien?

Die Relevanzkriterien der Wikipedia sollen eine Verwässerung der Wikipedia verhindern. Sie enthalten einen Katalog an bedeutsamen Themen. Wenn ein Artikel diese Themen behandelt, besteht nach den Regeln der Wikipedia eine Vermutung zu Gunsten der Relevanz des Artikels. Das heißt er kann nur gelöscht werden, wenn dargelegt wird, warum er trotz seiner Thematik irrelevant ist. Wenn ein Artikel keines der im Relevanzkatalog behandelten Themen behandelt, ist es zwar nicht automatisch ein Löschkandidat, jedoch müssen Nutzer im Falle eines Löschantrags stichhaltige Argumente dafür vorbringen, dass der Artikel wichtiges Wissen enthält.

Der Katalog der Relevanzkriterien ist nach den eigenen Angaben der Wikipedia selbst umstritten und das Ergebnis jahrelanger Debatten. Er repräsentiert also einen gewissen Konsens der Nutzer darüber, was nun enzyklopädisch relevant ist und was nicht. So weit so gut.

Ein größeres Problem scheint jedoch zu sein, wie diese Relevanzkriterien ausgelegt werden. Dabei ist zu beobachten, dass sich innerhalb der Wikipedia grob zwei Fraktionen herausgebildet haben. Die eine möchten, dass die Wikipedia vergleichbar mit einem Konversationslexikon nur Themen und Phänomene von allgemeiner Relevanz behandelt. Auf der anderen Seite wird, vertreten, dass die Wikipedia Artikel nicht löschen sollte, so lange sie sauber recherchiert und gut geschrieben sind. Für sich genommen, haben beide Meinungen etwas für sich. Seit geraumer Zeit hat in der deutschen Wikipedia das „weniger-ist-mehr-Lager“ die Oberhand gewonnen. Das führt dazu, dass neu angelegte Artikel sehr oft unter dem Hinweis auf fehlende Relevanz gelöscht werden.

Wer jedoch bestimmt, ob ein Artikel den Relevanzkriterien entspricht?

Wie kommt es zum Beispiel, dass auf der einen Seite der Artikel über Bauchnabelfussel trotz langer Löschdiskussionen erhalten bleibt? Andererseits ist von vielen Neu-Autoren zu hören, dass ein Großteil ihrer neuen Artikel wegen fehlender Relevanz gelöscht werden. Teilweise kommt es sogar dazu, dass etablierte Autoren, wenn sie sich als Neuling anmelden ebenfalls diesem Löschprozess zum Opfer fallen. Das Prozedere rund um Löschdiskussionen gestaltet sich wiederum gerade für Neulinge als undurchsichtig und unnötig kompliziert. Gerade die Funktion der Admins, die in der Wikipedia, sobald sie gewählt sind, große Freiheiten in der Ausübung ihrer Funktion haben, erweisen sich in diesem Kontext als problematisch. So ist es neuen Autoren nur schwer möglich Löschdiskussionen zu ihren Gunsten zu entscheiden.

Das Ergebnis dieses schon lange anhaltenden Zustands ist, dass die Anzahl der Autoren bei Wikipedia konstant rückläufig ist.

Warum sollte man als neuer Autor nach Löschdiskussionen, die mit einem rüden Umgangston oder Beleidigungen gespickt sind, noch seine Freizeit nutzen, um unentgeltlich etwas zu dieser im Alltag so bedeutsamen Wissenssammlung beizutragen?

Die Antwort auf dieses, nach wie vor drängendste Problem der Wikipedia, zu finden ist sicherlich nicht einfach, aber lohnenswert. Schließlich ist nur schwer vorstellbar, dass ein harter Kern von circa eintausend oder noch weniger Autoren dauerhaft die Pflege und Aktualisierung von über zwei Millionen deutschen Wikipedia Artikeln leisten kann. Schon jetzt ist es so, dass aus Qualitätsgründen die deutsche Wikipedia von vielen nur noch in der Ausnahme genutzt wird und in der Regel greifen Nutzer eher zur englischen.

Was kann geändert werden, damit die Wikipedia wieder attraktiver für Neuautoren wird?

  • Oberste Priorität muss eine Debatte darüber haben, wie die Wikipedia für Autoren transparenter/verständlicher werden kann.
  • Da oftmals die Admins ihre Machtbefugnisse innerhalb der Community missbrauchen, sind deren Aufgaben auf verschiedene, sich gegenteilig überwachende Institutionen zu verteilen.
  • Ein System, dass mehr „Checks and Balances“ und weniger „Herrschaft von Volkstribunen“ enthält, wäre das wünschenswerte Ziel.
  • Weiterhin sollte die Diskussion darüber, ob die Relevanz wirklich so strikt behandelt werden muss, weitergeführt werden.
  • Die Lösung, Artikel nur zu löschen, wenn sie nicht ausreichend Qualität aufweisen, würde sicherlich einigen neuen Autoren und vielen Lesern attraktiv erscheinen.

“Wikipedia braucht … vor allem eine leidenschaftliche Gemeinschaft umsichtiger, netter Menschen, die Freude daran haben, die Welt auf den Kopf zu stellen.”

Jimmy Wales

Mit diesen Worten des Mitgründers der Wikipedia, ist den Wikipedianern der Mut zu wünschen, Strukturen zu überdenken und Reformen zu wagen, damit das Lexikon auch in den nächsten 17 Jahren noch weiter floriert. Gleichsamen ist neuen Autoren die Ausdauer und das dicke Fell zu wünschen, das es braucht um die Wikipedia zu bereichern.

Was würden Sie, liebe Leser an der Wikipedia ändern, um mehr Autoren anzulocken?

Anmerkung: Dieser Artikel wurde bereits am 27. Mai 2017 auf diesem Blog veröffentlicht, er musste jedoch zur Behebung eines technischen Defekts gelöscht und heute noch einmal gepostet werden.

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