Auf Wikimedia Commons lagern Hunderte Pornobilder

Mit der Idee, eine unabhängige, frei zugängliche und nicht kommerzielle Enzyklopädie zu entwickeln, hat Wikipedia die uralte Tradition des Austauschs von Wissen in das digitale Zeitalter überführt. Doch was haben Hunderte Pornobilder im freien Medienarchiv Wikimedia Commons mit der Mission des Wissensaustauschs zu tun?

Wales: “Wir waren kurz davor, in sämtlichen Medien beschuldigt zu werden, harte Pornografie zu verbreiten und nichts dagegen zu tun.”

2010 sorgte der Porno-Streit für Wirbel in der Wikipedia-Community. Jimmy Wales hatte ungefähr 400 Fotos mit erotischen Motiven – darunter Bilder von Intim-Piercings, Pornostars, Zeichnungen von Sexualpraktiken, aber auch historische Kunstwerke z.B. von Martin van Maële – löschen lassen, um damit eine seit längerem dauernde Diskussion auf eigene Faust zu beenden. Der Wikipedia-Gründer sorgte sich um das saubere Image des Online-Lexikons.

Auslöser des “Cleanup Projects” war Wikipedia-Mitgründer Larry Sanger, der auf einer Mailingliste erklärte, dass er die Wikimedia Foundation wegen der Verbreitung von Kinderpornografie beim FBI angezeigt habe. Sanger störte sich besonders an Zeichnungen minderjähriger Mädchen in Erotik-Posen, sog. Lolicons.

Wales unterschätzte die Reaktion der Community auf die Löschaktion. Durch den “Eingriff von oben” fühlten sich viele Wikipedianer vor den Kopf gestoßen. Etliche Benutzer warfen ihm vor, seine Machtstellung missbraucht zu haben. Eine Petition gegen Jimmy Wales war die Folge. “Jimbo” zog Konsequenzen: Er entschuldigte sich für seine Hauruck-Aktion und gab einige Sonderrechte zurück.

Die Situation heute: pornografische Bilder en masse

Was hat sich seit 2010 geändert? Wer die richtigen Suchbegriffe eingibt, erhält Zugang zu einer sehr umfangreichen Sammlung freizügiger Bilder. Drei Schritte genügen, schon lassen sich Hunderte Bilder von (erigierten) Penissen, Ejakulationen und Vaginas auf Wikimedia Commons betrachten – vorgeblich im Auftrag der Bildung.

Doch wie viele Ejakulationen sind nötig für den Bildungsauftrag der Wikipedia? Die wievielte Masturbation muss man gesehen haben, um das Prinzip zu verstehen? Sind mehrere Dutzend pornografische Flickr-Fotos (überwiegend Fotos von jungen Prostituierten aus Afrika und Thailand) erforderlich, um das Schaffen des niederländischen Fotografen Peter Klashorst zu illustrieren?

Nach Ansicht von Michael Snow – damals Vorsitzender der Foundation, heute im Experten-Netzwerk – haben die Wikimedia-Projekte bildenden Charakter. Es gibt darin keinen Platz für Material, das keinen bildenden oder informativen Wert hat:

“(…) The Wikimedia projects are intended to be educational  in nature, and there is no place in the projects for material that has  no educational or informational value.”

So steht es auch in der Nudity-Richtlinie von Wikimedia Commons. Ziel des Medienarchivs ist es, realistische Medien für pädagogische Zwecke zur Verfügung zu stellen. Commons ist keine Amateurporno-Website (COM:PORN).

Jenseits der Schamgrenze

Doch warum werden die zahlreichen pornografischen Privatfotos nicht gelöscht? Wird die Sache nicht ernst genug genommen? Kommen die Mitarbeiter des 2010 eingeführten Sichtungsverfahrens nicht hinterher?

Es ist nicht einfach zu entscheiden, welche Medien bildenden Charakter haben und welche nicht. Auch muss zwischen Porno und Pornografie in der Kunst unterschieden werden. Auch das ist nicht immer einfach. Nicht jedem kann man es dabei recht machen. Denn jeder von uns hat eine andere Schamgrenze.

Doch zu viele der oben erwähnten Beispiele sind jenseits der Schamgrenze. Schadet es der Qualität der Wikimedia-Projekte, wenn solche Bilder gelöscht werden? Wird dadurch freies Wissen beschränkt?

Die Reaktion der Community auf das “Cleaning” anno 2010 ist verständlich. Jimmy Wales hätte zu einer Diskussion aufrufen müssen, bevor er den Löschbutton drückt. Doch offenbar war Wales der Macht des US-Sender Fox News nicht gewachsen. Das Oberhaupt der freien Enzyklopädie fürchtete sich vor weiteren negativen Berichten.

Sein Kalkül: Statt über Pornografie in der Wikipedia würde Fox News nun über die Aufräumaktion berichten. Der Plan ging auf. Doch der Preis war hoch: Wales brach mit dem Grundgedanken der Wikipedia, die Entscheidungsgewalt in die Hände der Community zu legen.

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