Wikipedia ist kein Beipackzettel


Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie besser nicht die Wikipedia. Der Weg zu Arzt oder Apotheker, oder aber das Studium des kleingedruckten Beipackzettels lässt sich nicht durch eine schnelle Google-Suche und einen Blick in einen Wikipedia-Artikel vermeiden.

Das klingt banal. Doch tausende Menschen, denen es irgendwo drückt und schmerzt, suchen in der Wikipedia nach Informationen zu den passenden Medikamenten. Und nicht nur sie. Auch Pharmazeuten schauen gern in der Online-Enzyklopädie nach, wenn sie schnell etwas wissen müssen. Dies war Ergebnis einer 2009 im amerikanischen Fachblatt The Annals of Pharmacotherapy veröffentlichten Studie. 1067 amerikanische Pharmazeuten hatten an der zugrunde liegenden Umfrage teilgenommen. Das Ergebnis: 35 Prozent von ihnen nutzen Wikipedia. Von diesen Nutzern suchen immerhin 28 Prozent gezielt nach Fachinformationen, vor allem nach medizinischen Indikationen. Etwa jeder zehnte Pharmazeut, so die Studie, setzt Wikipedia also gezielt als Recherchetool ein. 12 Prozent von ihnen empfehlen auch anderen Kollegen die Wikipedia als Informationsquelle, sieben Prozent empfehlen sie gar ihren Patienten. Und: Nur ein Drittel von diesen Intensivnutzern wusste zum Zeitpunkt der Umfrage, wie Wikipedia funktioniert – etwa, dass jedermann Artikel anlegen und bearbeiten kann.

Das wäre alles kein Problem, müsste man sich nicht um die Inhalte der Medikamenten-Artikel in Wikipedia tatsächlich Gedanken machen. Eine jüngst in der amerikanischen Fachzeitschrift Currents in Pharmacy Teaching and Learning veröffentlichte Studie nahm diese unter die Lupe. Die Autoren untersuchten die Wikipedia-Einträge zu den 20 in den USA meist verordneten Medikamenten und stellten gravierende Qualitätsmängel fest. Wikipedia liefere keine konsistent richtigen und belegten Informationen, so die Forscher. Pharmazie-Fakultäten von Universitäten sollten ihren Studenten dringend davon abraten, sich auf Wikipedia als Quelle zu stützen.

Die Wissenschaftler verglichen die Angaben in den Wikipedia-Artikeln mit den Beipackzetteln der jeweiligen Medikamente. Andere Informationen aus Wikipedia glichen sie mit medizinischen Datenbanken ab. Dieser Forschungsansatz zeige ein komisches Verständnis der Online-Enzyklopädie, kritisieren daher die Wikipedianer. Und tatsächlich: Soll ein Weblexikon alle Risiken und Nebenwirkungen, Unverträglichkeiten und “Nach-Einnahme-dieser-Tablette-bitte-nicht-im-Dunkeln-Auto-fahren”-Hinweise im Detail wiedergeben?

Die Ergebnisse der Studie: In jedem der 20 untersuchten Artikel fehlten wesentliche Informationen, die Quellen seien generell schwach belegt, in sieben Artikeln fehlten sie vollständig. Einige der verfügbaren Informationen etwa zur Verträglichkeit mit anderen Medikamenten seien unrichtig oder unvollständig. Ein Beispiel: Dem Diabetes-Medikament Metformin würden fälschlicherweise Nebenwirkungen  mit Lungen-Präparaten zugeschrieben, so die Autoren. Dies könne Ärzte und Apotheker von der Verschreibung dieses Medikaments abhalten - zum Leiden manches Patienten.

In einem aktuellen Beitrag im Wikipedia-Signpost, dem Kurier der englischsprachigen Wikipedia, wird ein Kommentar des Autors Colin zu der Studie zitiert. Er arbeitet im WikiProject Pharmacology mit, das sich um die Verbesserung der Wikipedia-Einträge aus diesem Themenbereich bemüht. Zwar spricht er von unerfüllbaren Erwartungen, wenn man Wikipedia-Inhalte mit Beipackzetteln von Medikamenten vergleiche. Aber den Ergebnissen könne er nicht widersprechen: “Ich möchte nicht, dass mein Maurer in der Wikipedia nachschaut, wie er den Mörtel anzurühren hat. Genauso wenig soll mein Pharmazeut eine Quelle nutzen, die jeder Depp (‘any fool’) bearbeiten kann.” Die Wikipedia-Artikel über Medikamente seien generell schwach. Es fehle an qualifizierten Autoren.

Und wie steht es in der deutschsprachigen Wikipedia? Studien zu den Artikeln über Medikamente sind nicht bekannt. Aber 2009 erschien an der Uni Freiburg eine Dissertation, die zahnmedizinische Einträge der Wikipedia mit einschlägiger Fachliteratur verglich. Das Ergebnis: 28 Prozent der Artikel hatten das Niveau von Ausführungen in einem Lehrbuch, 16 Prozent hingegen beinhalteten Fehler. Die Autorin zog ein hartes Fazit: Man könne sich keinesfalls blind auf die Richtigkeit der Einträge verlassen. Eine sorgfältige Prüfung sei unumgänglich. Ihr Vorschlag: “Fachjurys” von Medizinern sollten die Wikipedia-Artikel checken, Falsches korrigieren und Gutes auszeichnen – und so einen Qualitätswegweiser schaffen.

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Eine Antwort auf Wikipedia ist kein Beipackzettel

  1. Elisabeth sagt:

    Mir kommt spontan eine Idee: Wie wäre es, wenn der Spiegel, der doch die Wikipediaartikel auf seiner eigenen Website intensiv kostenlos für sich arbeiten läßt, mal ein wenig Dankbarkeit zeigte und in Kooperation mit Wikipedia mal einen Medizinprofessor damit beauftragt (und bezahlt) 100 zentrale Medizinartikel zu überprüfen? Oder kann nur Bertelsmann so was?