Wikipedia: Zehn einfache Regeln für wissenschaftliche Autoren und Editoren

LogoAmerikanische Forscher gaben jüngst im Journal on Computational Biology der Public Library of Science Einsteiger-Rat für Wissenschaftler in der Wikipedia. Wiki-Watch gibt den Beitrag in deutscher Sprache wieder.

Mit inzwischen mehr als 3,3 Millionen englischsprachigen und mehr als 1,16 Millionen deutschsprachigen Artikeln ist Wikipedia die erfolgreichste Onlineenzyklopädie der Welt – und die wahrscheinlich größte Wissensressource der Geschichte. Wikipedia kann von jedem bearbeitet werden, der über einen Internetzugang verfügt. Keine Enzyklopädie war je so frei und offen zugänglich.

Doch wie verlässlich sind Informationen aus der Wikipedia? Eine Studie des Magazins Nature aus dem Jahr 2005 bewertete eine Auswahl von Wikipedia-Artikeln zu wissenschaftlichen Themen. Das Ergebnis: Ihre Qualität war vergleichbar mit jener von professionell erstellten Enzyklopädien. Eine Gruppe von freiwilligen Autoren schafft und sichert überraschend hochwertigen Content1.

Für Wissenschaftler ist ein großer Bedarf entstanden, sich an Wikipedia-Artikeln zu beteiligen und die Aktualität und Qualität ihrer Beiträge zu gewährleisten. Erfahrungen können so ausgetauscht, die Öffentlichkeit über Forschungsergebnisse informiert werden. Diskussionen entstehen. Ein breiter Zugang zu verlinkten Daten und Berichten wird geschaffen. Wissenschaftler nutzen das Wikipedia-System um eigene spezielle kollaborative Datenbanken zu entwickeln.

Doch der Start als Wikipedia-Editor ist häufig schwierig. Strikte Regeln und langwierige Diskussionen schrecken ab. Die folgenden Tipps machen den Einstieg für Neu-Wikipedianer aus der Wissenschaft leichter.

Regel 1: Einen Account anlegen

Jeder Internetnutzer kann Wikipedia-Artikel bearbeiten. Doch ein eigener Nutzeraccount hat eine Reihe von Vorteilen: registrierte Nutzer genießen größere Pseudonymität, als solche die vermeintlich „anonym“, ohne Nutzeraccount Artikel editieren. Wer seine wahre Identität nutzt, seinen Namen als Benutzernamen angibt, muss sich darüber im Klaren sein, dass alle Bearbeitungen (Edits) jederzeit von anderen Neugierigen, etwa künftigen Kollegen, Studenten oder Arbeitgebern nachgesehen werden können.

Wie im wissenschaftlichen Leben geht es auch in der Wikipedia um Reputation. Mit einer Vielzahl guter Edits schaffen Sie sich ein starkes Profil. Dies macht es leichter, mit anderen Wikipedianern zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Ein registrierter Account bietet darüber hinaus Zugang zu erweiterten Editing-Tools, etwa die Funktion, Veränderungen ans ausgewählten Artikeln zu beobachten.

Regel 2: Ausdauer und Sorgfalt

Wikipedia lebt von der Mitarbeit vieler Autoren. Nur so kann die Onlineenzyklopädie überleben und wachsen. Größe und Umfang der Wikipedia sind und bleiben unerreicht. Doch ihr künftiger Erfolg hängt davon ab, dass zehntausende Freiwillige kontinuierlich an ihren Millionen Artikeln weiterarbeiten werden. Seien Sie daher ausdauernd und sorgfältig: Wenn Sie einen Fehler sehen – bitte korrigieren Sie ihn. Wenn Sie einen Artikel verbessern können – bitte verbessern Sie ihn. Seien Sie forsch, aber nicht rücksichtslos. Starten Sie mit kleinen Änderungen an existierenden Artikeln, bevor Sie die Geschichte der Wissenschaft neu zu schreiben versuchen.

Viele Autoren fühlen sich anfangs eingeschüchtert. Sie fürchten, Fehler zu machen. Solche Zurückhaltung ist verständlich, aber unbegründet. Das schlimmste, was Ihnen passieren kann, ist: Ihre ersten Bearbeitungen werden als unnütz betrachtet und zurück genommen, „reverted“. Wenn dies passiert, nehmen Sie es als Lernerfahrung hin und fragen Sie den Admin oder Autoren, der Ihre Bearbeitung zurückgesetzt hat, nach Gründen und Rat. Wenn das nicht reicht, bitten sie um einen Mentor.2

Regel 3: Zitieren, zitieren, zitieren!

Ein strikter Grundsatz der Wikipedia ist: Jede Information muss nachprüfbar sein. Alle Aussagen sollten durch veröffentlichte und verlässliche Quellen belegt werden. Die meisten Wissenschaftler sind in der komfortablen Position, Zugang zu einer breiten Basis an Literatur zu haben und ihre Erkenntnisse jederzeit durch Quellen untermauern zu können. Da unverifizierter Content jederzeit gelöscht werden kann oder schwach belegte Aussagen von anderen Autoren leicht angegriffen werden können, zitieren Sie Primär- und Sekundärquellen (etwa Buchkapitel, Rezensionen, Bewertungen), um eine Einordnung der Forschung zu ermöglichen.

Wikipedia ist der perfekte Ausgangspunkt für Laien, die nach spezifischen Informationen suchen. Wenn Sie Ihre Quellen mit direkten Hyperlinks zu verlässlichen, frei zugänglichen Onlineressourcen zitieren (etwa wissenschaftlichen Magazinen, Dokumentationen etc.), können Nutzer Ihre Inhalte leicht verifizieren und haben unmittelbar Zugang zu weiterführenden Informationen, die es ihnen ermöglichen, einen tieferen Einblick in das jeweilige Thema zu erhalten. Erhöhen sie die Verlässlichkeit, indem Sie die verlinkten Seiten bei Webcitation.org archivieren.

Regel 4: Die vier Grundprinzipien der Wikipedia

Einige wesentliche Prinzipien beherrschen die Wikipedia. Für Wissenschaftler zentral: Wikipedia dient der Darstellung von Theorien, nicht der Theoriefindung. Die Onlineenzyklopädie ist die falsche Plattform für die Erstveröffentlichung neuer Gedanken und Erkenntnisse. Auch ist die Wikipedia keine Plattform für das Kundtun persönlicher Theorien oder ein wilder Debattierclub für kontroverse Themen. In diesem Sinne unterscheidet sich die Wikipedia fundamental etwa von persönlich geprägten Blogs.

Viele Wissenschaftler genießen die Mitarbeit an der Wikipedia. Sie weckt und erweitert die wissenschaftliche Leidenschaft. Sie schafft eine breite Leserschaft für wissenschaftliche Erkenntnisse. Doch Meinungsverschiedenheiten sind unausweichlich, vor allem in Diskussionen darum, wie einzelne Beiträge verbessert werden können. Behandeln Sie daher andere Nutzer als Kollegen und Mitstreiter. Inhaltliche Konflikte müssen respektvoll und sachlich geführt werden. Wird Ihnen eine Debatte zu anstrengend, loggen Sie sich aus und kommen Sie später wieder. Anders als die meisten Wissenschaftsprojekte gibt es keine Deadlines in der Wikipedia, Änderungen, Ergänzungen und Kommentare sind jederzeit möglich.

Regel 5: Neutralität wahren, Eigen-PR vermeiden

Für viele ist die Versuchung groß, Wikipedia-Artikel über sich selbst zu schreiben oder zu bearbeiten. Widerstehen Sie diesem Drang! Andere werden über Sie schreiben, wenn es die Relevanzkriterien nahe legen – Sie etwa im wissenschaftlichen, historischen oder politischen Diskurs hervortreten, in der Öffentlichkeit eine bedeutende Rolle spielen oder in biografischen Werken geführt werden

Anders als bei einer persönlichen Website liegt es nicht in Ihrer Hand, Ihre Wikipedia-Biografie zu kontrollieren. Lange Ausführungen bemerkenswerter Verdienste provozieren leicht die Veröffentlichung mancher Informationen, die Sie nicht veröffentlicht sehen möchten. Sollte es schon einen Wikipedia-Eintrag über Sie geben und sollten darin Fakten falsch wiedergegeben sein, geben Sie die richtigen Informationen auf der Diskussionsseite zu Ihrem Eintrag an und überlassen Sie es anderen Autoren, den Eintrag über Sie zu korrigieren.

Denken Sie lieber zweimal nach, bevor Sie über Kollegen, Wettbewerber, eigene Erkenntnisse oder Projekte schreiben. Anderenfalls befinden Sie sich schnell in einem Interessenkonflikt. Selbst wenn Sie es nicht beabsichtigen, erhalten Ihre Edits leicht eine einseitige Tendenz. Wenn Sie ein finanzielles oder anderes persönliches Interesse an einem Thema irgendeines Artikels haben, den Sie bearbeiten, erklären Sie dies offen auf der zugehörigen Diskussionsseite und achten Sie den Rat anderer, die eine objektivere Perspektive haben.

Regel 6: Erfahrungen teilen, aber Oberlehrerhaftes meiden

Über Themen zu schreiben, in denen Sie über wissenschaftliche Expertise verfügen, ist kein Interessenkonflikt – im Gegenteil: Hier ist die Mitarbeit in Wikipedia besonders sinnvoll. Jimmy Wales, Mitgründer der Wikipedia, sagte dem Magazin Nature, dass es gerade Experten seien, die durch einen nuancierten Stil die Qualität der Wikipedia-Artikel steigerten3 . Wenn Sie in Ihrem Forschungsgebiet schreiben, sind von Ihnen publizierte Quellen in anerkannten Veröffentlichungen zulässig, wenn sie generell relevant sind. So sollte etwa ein noch nie zitierter Artikel in einer neuseeländischen Zeitschrift für Milch-Forschung, der die RNA-Struktur von Kuhmilch untersucht, nicht in den Eingangssätzen der Wikipedia-Artikel über „RNA“, „Milch“ oder „Kuh“ zitiert werden.

Es mag vorkommen, dass Sie es mit einem anderen Autoren zu tun haben, der bei weitem nicht über dieselbe Expertise zum Thema verfügt wie Sie. Für Experten kann dies sehr frustrierend sein, und ist wesentlicher Grund für die akademische Skepsis gegenüber Wikipedia. Erinnern Sie sich in diesen Fällen daran, dass nur Ihre Beiträge in der Wikipedia maßgeblich sind, nicht etwa, wer Sie sind, Ihre Qualifikationen und Leistungen in Ihrer Karriere. Ihr besonderes Wissen sollte es Ihnen möglich machen, in einer neutralen Weise zu schreiben und jeden Aspekt mit verlässlichen, unabhängigen Quellen zu belegen. Verifizieren Sie nicht, werden Ihre Beiträge zu Recht angegriffen werden, vollkommen unabhängig davon, welche akademischen Grade Sie führen.

Regel 7: Die Leser kennen

Wikipedia richtet sich nicht vorrangig an Experten. Deshalb muss sich das Maß technischer und wissenschaftlicher Details in ihren Artikel danach richten, was Laien verstehen können. Wenn Sie Wissenschaftsthemen in Wikipedia editieren, stellen Sie sich vor, Sie schreiben einen umfassenden wissenschaftlichen Bericht für Oberstufenschüler. Es kann überraschend herausfordernd sein, komplexe Zusammenhänge in einer klaren, weithin verständlichen Sprache zu erläutern. Die Mühe ist es wert! Sie werden die Erfahrung nutzen können, wenn Sie das nächste Skript oder die nächste Veröffentlichung für Einsteiger in Ihr Fach schreiben.

Regel 8: Gut gewichten

Vielen Wissenschaftlerin in der Wikipedia fällt es schwer, zwischen dem Neutralen Standpunkt, einem wesentlichen Prinzip der Wikipedia, und dem allgemein anerkannten wissenschaftlichen Standpunkt zu einem bestimmten Thema zu unterscheiden. Wenn Sie über komplexe Zusammenhänge schreiben, versuchen Sie alle signifikanten Ansichten dazu in angemessener Weise wiederzugeben, gewichtet nach Relevanz und nicht etwa zu gleichen Teilen. So sollte ein Artikel über eine wissenschaftliche Kontroverse sowohl den wissenschaftlichen Konsens, als auch, kurz und prägnant, entgegenstehende Theorien wiedergeben.

Regel 9: Urheberrechte achten

Beinahe sämtlicher Wikipedia-Content steht jedem zur Verfügung: zur Weiternutzung, Änderung und Verbreitung. Einschränkungen gibt es wenige. Daher kann in der Wikipedia nur veröffentlicht werden, was nicht durch Urheberrechte Dritter geschützt ist. Einige wissenschaftliche Veröffentlichungen stehen schon heute unter open access-Lizenzen, die eine Veröffentlichung in der Wikipedia erlauben. Die meisten jedoch nicht. Auch wenn es zusätzliche Mühen erfordert, sollten Sie daher nicht aus anderen oder eigenen urheberrechtlich geschützten Werken kopieren. Dies werden andere Wikipedianer sehr schnell erkennen. Entsprechende Passagen werden dann meist umgehend gelöscht.

Sie können der Wikipedia jedoch erlauben, ihr eigenes Material zu nutzen. Diese Erlaubnis können Sie später nicht zurückziehen. Daher ist es meist ratsam, einen eigenen wissenschaftlichen Text in einer leicht verständlichen, gut zugänglichen Sprache neu zu schreiben – und so den „Non-Experts“ den Zugang zu erleichtern.

Regel 10: Um Hilfe bitten

Für unerfahrene Autoren kann Wikipedia verwirrend sein. Die Formatierungsweise der Artikel erfordert technische Einarbeitung, auch wenn eine neue Editor-Toolbar das Editieren inzwischen leichter gemacht hat. Die Benutzerfreundlichkeit wird zudem laufend weiter entwickelt. Auch die zahlreichen Regeln und Grundsätze sind nicht unmittelbar nachzuvollziehen. Dennoch: Die Wikipedia-Community legt viel Wert darauf, neue Editoren willkommen zu heißen. Zahlreiche Anleitungen sind verfügbar: Etwa das Tutorial und – für persönliche Hilfe – das Wikipedia-Mentorenprogramm.

Original-Artikel mit weiteren Nachweisen:

Logan DW, Sandal M, Gardner PP, Manske M, Bateman A: Ten Simple Rules for Editing Wikipedia, PLoS Computational Biology, 30. September 2010 doi:10.1371/journal.pcbi.1000941

Lizenz

Wie fast alles auf Wiki-Watch steht auch dieser Artikel unter der cc-by-sa. Genaueres im Impressum.

Fußnoten

1 Nature 438, 900-901 (15 December 2005) | doi:10.1038/438900a; Published online 14 December 2005 http://www.nature.com/nature/journal/v438/n7070/full/438900a.html

2 http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Mentorenprogramm

3 Nature 438, 900-901 (15 December 2005) | doi:10.1038/438900a; online veröffentlicht am 14. Dezember 2005

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3 Antworten auf Wikipedia: Zehn einfache Regeln für wissenschaftliche Autoren und Editoren

  1. dirk franke sagt:

    Frage: unter welcher Lizenz steht die Übersetzung? Kann ich die selbst verwenden?

    • admin sagt:

      Danke für die Frage, das ehrt uns. Der Artikel steht unter der cc-by-sa. Das steht jetzt auch oben unter Lizenz. D.h. jeder kann ihn weiterverwenden, solange er uns als Autor nennt sowie Logan DW, Sandal M, Gardner PP, Manske M, Bateman A als Mitautoren. Wie unsere Autorennennung erfolgen soll (Logo? Link?), steht im Impressum.

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