Nach der Wikimania 2012: Wie kann Wikipedia nur ein wenig weiblicher werden?


Vor einem Jahr, bei der Wikimania-Konferenz 2011 im israelischen Haifa, hatte die Wikimedia-Stiftung große Ziele verkündet (Wiki-Watch berichtete hier): Sie wollte neue Wikipedia-Autoren gewinnen, die nunmehr seit 2007 sinkende Autorenzahl von 90.000 auf etwa 95.000 weltweit erhöhen. Und vor allem wollte sie Frauen zur Mitarbeit an Wikipedia begeistern. Nun trafen sich Mitte Juli in Washington erneut 1000 Wikipedianer aus 87 Ländern zu ihrer jährlichen Konferenz und konstatierten: Die Ziele wurden verfehlt.

Die Autorenbasis schmilzt weiter auf hohem Niveau. Der Abwärtstrend ist gebremst, aber nicht gestoppt. Von 80.000 Autoren weltweit sprach Wikimedia-Direktorin Sue Gardner nun. Davon sind laut der Wikipedia-Autorenstudie 2011 gerade einmal neun Prozent weiblich. Die überwältigende Mehrheit der Autoren sind noch immer Männer. Dabei bleiben weibliche Mitglieder der Community kürzer erhalten, editieren während ihrer aktiven Zeit weniger als Männer. Es mag allein trösten, dass es schon einmal nur drei Prozent Frauen waren in den Anfangsjahren der Wikipedia.

Die Entwicklung ist paradox, da gleichzeitig die Wikipedia-Nutzung weiter rapide wächst. Bald werden es weltweit 500 Milliarden Seitenzugriffe auf etwa 20 Millionen Artikel in 280 Sprachen sein. Wikipedia ist die viert-frequentierteste Webseite weltweit. Die englischsprachige Wikipedia feierte soeben ihren 4-Millionsten-Artikel. Dieser stellt die ägyptische Stadt Izbat Al Burj vor, beschrieben von einem Autoren aus Alexandria. Nur Stunden später folgte ein deutscher Artikel, gleichsam als Gratulation an die englische Community und als Zeichen, wie die Sprachräume interagieren. Am 14. Juli knackte auch die chinesische Wikipedia die Marke von 500.000 Artikeln und ist damit nach der japanischen die zweite asiatische Seite jenseits dieses Werts.

Doch vom äußeren Erfolg zurück zum Innenleben: “Wikipedia leidet an einer Überdosis Testosteron”, überschrieb die Welt ihren Bericht von der Wikimania 2012 und gab noch den Hinweis mit, die Hälfte der deutschen Wikipedia-Autoren seien Singles. Damit dürften sie zumindest mehr Zeit für die Arbeit an der Enzyklopädie haben als andere. Dazu erzählt die Welt die Geschichte der 28-jährigen Nikita Tandon, Mitarbeiterin der Wikimedia-Stiftung in Neu-Delhi. 2000 angemeldete Nutzer zählt sie in der indischen Wikipedia, die sich ebenso wie das Land in 20 Sprachräume teilt. Fünf weibliche Editoren kenne sie darunter, berichtete die Wikipedianerin der Zeitung, trotz diverser “Wikipedia Clubs”, also realer Treffen ähnlich der deutschen Wikipedia-Stammtische, die das Autorenleben gemeinschaftlicher und schöner machen sollen.

Dem Anspruch, die weltweit wichtigste und größte freie Wissenssammlung zu schaffen, kann ein solcher von Männern mit ihren Perspektiven, Themen und Blickwinkeln systemisch geprägter Autorenkreis kaum genügen.

Dass es dabei nicht allein um Nutzerzahlen geht, sondern um das Problem einer systembedingten Tendenz (in der englischsprachigen Wikipedia finden sich unter dem Stichwort “systemic gender bias” Lösungsvorschläge), beschrieb auch Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales bei der Wikimania: So gebe es etwa wesentlich weniger Artikel über frühkindliche Erziehung, als über USB-Standards an Computern.

Technisch interessierte Nutzer erstellen Artikel über Linux-Betriebssysteme oder andere – jedenfalls in diesem Umfang – enzyklopädisch wenig relevante Inhalte, während gesellschaftliche Entwicklungen unterbelichtet bleiben. Niemand erwartet von dem Schwarm der Wikipedia-Autoren ein gleichzeitiges und gleichmäßiges Augenmerk auf jedes irgendwie wichtige oder als solches erachtete Thema. Erwarten muss man aber eine Balance, die sich gerade auch über die Vielfalt der Perspektiven herstellt. Hierzu gehört auch die Geschlechtervielfalt.

Jimmy Wales erzählte bei der Wikimania 2012 das Beispiel des Wikipedia-Artikels über das Hochzeitskleid von Kate Middleton. Ein “fluffiges Mädchenthema”, fanden viele. Irrelevant. Deshalb sollte der Artikel noch am Tag der königlichen Hochzeit gelöscht werden, eine kontroverse Debatte entstand sogleich. Wales schaltete sich einen Tag später in die Debatte ein. Er warb dafür, den Eintrag zu behalten. Das Hochzeitskleid werde vermutlich lange Mode-Effekte zeitigen. Wales schrieb:

“Strong keep – I hope someone will create lots of articles about lots of famous dresses. I believe that our systemic bias caused by being a predominantly male geek community is worth some reflection in this context. Consider Category:Linux distribution stubs – we have nearly 90 articles about Linux distrubtions, counting only the stubs. With the major distros included, we’re well over a hundred. One hundred different Linux distributions. One hundred. I think we can have an article about this dress. We should have articles about one hundred famous dresses.–Jimbo Wales (talk) 08:58, 30 April 2011″

Nach langer Diskussion blieb der Artikel bestehen.

Weniger plakativ, dafür aber auch weniger banal ist das Beispiel, das Torie Bosch in ihrem “Future tense”-Blog auf slate.com beschreibt: Die US-Community der Wikipedia organisierte “edit-a-thons”, gemeinsame Editieraktionen von Wikipedia-Autorinnen. Sie nutzten dabei die Archive der Washingtoner Smithsonian-Museen (mehr im Smithsonian-Blog hier) um neue Artikel über weibliche historische Persönlichkeiten zu erstellen, etwa über Helen M. Duncan, eine Paläontologin und Geologin, die Mitte des 20. Jahrhunderts forschte. Dieser und ein weiterer Artikel sollten auf Antrag anderer Editoren sofort wieder gelöscht werden. Es bedurfte einer langer Diskussion und des mehrfachen Hinweises auf die renommierte Smithsonian-Quelle, um die Löschdiskussion zu beenden.

Wikipedia bleibe ein “boys’ club”, schreibt deshalb auch die Autorin auf slate.com.

Die Wikipedia-Community hat das Problem erkannt und arbeitet an Lösungen. Ganz vorn auf der Agenda steht die Vereinfachung der Editierfunktionen: Vor allem soll es leichter und schneller gehen, Wikipedia-Artikel zu bearbeiten. Der lange versprochene “Visual Editor” kämpft allerdings noch mit technischen Problemen. Die Testphase soll nun Ende 2012 beginnen. 2013 soll der neue Editor dann eingeführt werden.

Dabei wird es möglicherweise nicht bleiben. Nach einem Artikel in The Atlantic, “On the ugliness of Wikipedia” (Über die Hässlichkeit der Wikipedia), ist auch die Diskussion wieder neu belebt, ob die gesamte Wikipedia einer optischen Verschönerung bedarf. Insbesondere die Hauptseite wird als wenig zeitgemäß empfunden. Dabei geht es nicht darum, kommerziellen Seiten wie Facebook oder Twitter nachzueifern.

Das Wikipedia-Design stamme nicht von Marketingexperten, sagte Wikimedia-Direktorin Sue Gardner bei der Wikimania-Konferenz. Die Seite verkauft niemandem etwas, sie versucht nicht, aus den Nutzern Geld zu machen. Das etwas “heimelige, komische, handgemacht wirkende Design” sei Teil des “merkwürdigen Charmes” der Wikipedia. Das Problem jedoch, so analysierte The Atlantic, und das teilt Sue Gardner offenbar, ist nicht die äußere Attraktivität sondern die Nutzerfreundlichkeit: Während etwa das Facebook-Design permanent dazu einlade, mitzumachen, sei Wikipedia das Gegenteil davon. Gardner sprach laut The Atlantic von einer “der Wikipedia immanenten Tendenz gegen Design und Nutzerfreundlichkeit”:

“So the real ugliness of the site isn’t cosmetic. It’s that Wikipedia has ‘a built-in bias against design and user-friendliness.’”

Dass ein verbessertes Design die Wikipedia-Gemeinschaft etwas weiblicher macht, wird sich zeigen müssen. Probleme wie der raue Umgang in Teilen der Community sind damit nicht gelöst. Deutsche Statistiken sprechen aber immerhin für einen Effekt: Allein in sozialen Netzwerken sind laut der ARD / ZDF-Onlinestudie 2011 Frauen online aktiver als Männer (v. Eimeren / Frees, in: Media Perspektiven 2011, S. 336, online hier abrufbar). Wenn Wikipedia einmal so leicht zu nutzen sein wird wie Facebook, dokumentieren vielleicht auch mehr Frauen den Lauf der Welt.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.