Einblicke in eine Männerwelt: Die Ergebnisse der Wikipedia-Autorenstudie 2011 zeigen Probleme der Diskussionskultur und die Dominanz des Englischen


Der durchschnittliche Wikipedia-Autor ist 32 Jahre alt. Das lässt Wikipedianer aufatmen. Zum Glück, doch nicht so jung. So liest sich eine Erkenntnis der Wikipedia Editoren-Studie 2011, deren Ergebnisse, detailliert zusammengefasst auf 75 Seiten, in der vergangenen Woche veröffentlicht wurden. Das Vorurteil des einsamen jungen Studenten vor dem Computer, der sein Wissen zum Besten gibt – es trifft nicht zu. Dabei hatte es Wikipedia-Gründer Jimmy Wales vor wenigen Wochen bei der Wikimania-Konferenz in Haifa noch gepflegt, als er von dem “typischen Freiwilligen” sprach, der “ein 26-jähriger männlicher Streber” sei, der sich später anderen Dingen zuwende, heirate und dann aufhöre.

Vielmehr haben über 60 Prozent der Wikipedianer einen Hochschulabschluss, 26 Prozent von ihnen einen Masterabschluss oder einen Doktortitel. Die größte Alterskohorte von 28 Prozent ist über 40 Jahre alt. Und nur 36 Prozent der Wikipedia-Autoren wertet die Studie als “techies”, also technologieaffine Nutzer mit Programmierkenntnissen. Der Abschnitt ist gar überschrieben mit der vermeintlich guten Nachricht, dass zwei Drittel der Wikipedianer keine Programmierer seien.

Die Kernprobleme der Wikipedia-Community werden durch diese erste groß angelegte Editoren-Studie untermauert: 91,5 Prozent der Wikipedianer sind männlich, nur 8,5 Prozent weiblich. Wikipedia ist ein Männerverein. Das gilt auch für die Anzahl der Bearbeitungen: 30 Prozent der Autorinnen bearbeiten nur bis zu 50 Artikel in ihrer gesamten aktiven Wikipedia-Zeit, bei den höheren Aktivitätswerten liegen Frauen zumeist signifikant hinter den Männern. Dennoch steigt die Anzahl weiblicher Editoren zumindest leicht, von 3 Prozent in den Anfangsjahren 2001 bis 2004 auf 14 Prozent der Neu-Registrierungen von Autoren im Jahr 2010.

Die Gründe dafür? An der generellen Webnutzung liegt es nicht. So nutzen Frauen nach den Ergebnissen der Studie etwa soziale Netzwerke stärker als Männer. Belästigungen gegenüber Frauen innerhalb der Wikipedia-Community kommen nur selten vor. 78 Prozent sagen, sie hätten solche nicht erlebt. 7 Prozent berichten dagegen, sie hätten unangemessene Nachrichten erhalten. 4 Prozent sahen sich als Opfer von Stalking. 5 Prozent fanden sich Flirt-Versuchen ausgesetzt. In der gesamten Wikipedia-Autorenschaft geben 24 Prozent an, Opfer von Belästigungen (harassment, was auch Schikane und Mobbing bedeuten kann) anderer Wikipedianer geworden zu sein, 5 Prozent auch außerhalb von Wikipedia in sozialen Netzwerken wie Facebook.

Neben diesen Erscheinungen liefert die Studie aber noch interessantere Einblicke in die Diskussionskultur der Wikipedia. So beschreiben 48 Prozent der 4930 berücksichtigten Antworten andere Editoren als kollaborativ, also gemeinschaftlich arbeitend. 38 Prozent werten andere Autoren als intelligent, 35 Prozent als hilfsbereit, 31 Prozent als freundlich. Dagegen stehen 24 Prozent, die andere Editoren als arrogant bezeichnen, 8 Prozent, die andere für rüpelhaft oder vorlaut sowie 5 Prozent, die andere für dumm halten.

Zwar sind die Antworten nicht isoliert zu sehen, doch zeichnen sie das Bild einer Community, in der es viele Konflikte gibt.

Andere Werte belegen dies: Wer positives Feedback in der Community erhält, bleibt motivierter und länger dabei. Das jedenfalls sagen 78 Prozent der befragten Editoren. Besonders geehrt fühlen diese sich, wenn ihre Artikel auf der Wikipedia-Startseite gefeatured werden. Kritische Reaktionen dagegen haben die gegenteilige Wirkung: 69 Prozent verlieren Motivation, wenn erfahrenere Autoren auf ihre Edits “herabschauen”, 60 Prozent, wenn Reverts ohne Begründungen vorgenommen werden, 56 Prozent, wenn andere Editoren offensiv ihre Meinung durchzusetzen versuchen. Es sind also die ganz alltäglichen Regeln von Anerkennung und Kritik, um die es auch innerhalb der Wikipedia-Community geht und die teilweise vermisst werden.

Neben diesen Einblicken in das Innenleben der Online-Enzyklopädie birgt die Editoren-Studie noch andere interessante Erkenntnisse. So konstatieren die Autoren, wie westlich zentriert Wikipedia ist. 20 Prozent der Autoren leben in den USA, 12 Prozent in Deutschland, weitere 22 Prozent in Kanada und den EU-Staaten Großbritannien, Italien, Frankreich und Polen.

Die sprachliche Dominanz des Englischen untermauert dies. Obwohl die befragten Wikipedia-Autoren Artikel in mehr als 100 Sprachen bearbeiten, gaben 52 Prozent von ihnen Englisch als ihre Hauptsprache an, 18 Prozent Deutsch, je 10 Prozent Russisch und Spanisch, 9 Prozent Französisch. 76 Prozent aller Wikipedianer arbeiten an der englischsprachigen Enzyklopädie mit – folglich neben den 38 Prozent, die primär die englische Wikipedia bearbeiten, weitere 38 Prozent aus anderen Sprachräumen. Die englische Wikipedia ist damit mit 3,7 Millionen Artikeln im Vergleich zu 1,28 Millionen des deutschen Sprachraums nicht nur die zahlenmäßig größte. Sie ist auch die tatsächlich internationale, weltweit bearbeitete Wikipedia. Bei den Lesern zeigt sich dies noch stärker: 93 Prozent aller aktiven Wikipedianer lesen die englische Wikipedia.

Englisch ist damit die lingua franca des Weblexikons. Wikipedia ist vorrangig die Online-Enzyklopädie der englischsprachigen Welt. Andere Sprachräume sind wesentlich kleiner. Sie müssen wachsen, damit Wikipedia tatsächlich eine universelle, weltweite Wissenssammlung sein kann. Und so schreiben die Autoren der Studie auch in ihren zusammenfassenden Thesen, dass die Zukunft der Wikipedia gerade darin liege, die Verbreitung von Wissen auszudehnen auf den globalen Süden und die Weltregionen, in denen Englisch keine vorherrschende Sprache ist. Weltweite Kooperationen mit Universitäten und Kulturinstitutionen sollen dabei helfen.

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